Im Marienhospital besuchen zwei Therapiehunde jede Woche Patienten auf der Palliativstation – und spenden ihnen Trost und Wärme.
Wenn Hanna oder Emmi auf der Palliativstation unterwegs sind, dreht sich eigentlich alles nur um die beiden. Pfleger, Patienten oder Notfallsanitäter, die gerade zufällig vorbeilaufen – jeder bleibt stehen, lächelt oder wuschelt den Hündinnen über den Kopf. „Ich liebe Hunde, alle Tiere eigentlich. Früher hatte ich auch selbst Hunde“, sagt Joachim Dieterich, Patient auf der Palliativstation. Für ihn ist es ein Highlight, wenn die Hündinnen einmal die Woche auf der Station sind und er sie streicheln kann.
Seit Frühjahr 2025 besucht Border Collie Hanna im Wechsel mit ihrer Mischlingshündin Emmi immer am Freitagnachmittag die Patienten auf der Palliativstation im Marienhospital. Ob in Krankenhäusern, bei Zeugenaussagen vor Gericht, in Schulen oder Kindergärten – an vielen Orten, wo es für Menschen schwierige Situationen zu meistern gibt, setzen viele nun auf eine tiergestützte Therapie. Schon Hildegard von Bingen wusste im 12. Jahrhundert, was für eine Wirkung der Hund auf das ganzheitliche Wohlbefinden des Menschen hat: „Gib’ dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund!“
Wenn sie den Hund streicheln, vergessen manche Patienten die Schmerzen
Gerade bei ganz schwachen Patienten hat es Hannas Frauchen Ursula Kaiser (58) schon oft erlebt, dass es ihnen sehr gut tut, ihre Hündin einfach nur zu streicheln, nicht viel sprechen zu müssen. Sie spendet als Krankenhausseelsorgerin den Patienten auch Trost und Wärme. „Aber Hunde können auf einer emotionalen Ebene Trost geben, wo wir mit Worten gar nicht hinkommen“, sagt Kaiser. Eine Patientin habe ihr gesagt, wenn sie den Hund streichle und ihren ruhigen Atem spüre, können sie für einen Moment ihre Schmerzen vergessen.
Angeregt hat Kaiser die tiergestützte Therapie gemeinsam mit ihrer Kollegin Verena Brummund von der Intensivstation. „Bei einem Gespräch auf der Intensivstation entdeckten wir zufällig diese Gemeinsamkeit“, sagt Verena Brummund (40). Beide sind nebenberuflich als Hundetrainerinnen tätig und haben dann gemeinsam begonnen, ihre Hunde ein Jahr lang speziell als Therapiehunde auszubilden.
Denn natürlich braucht ein Hund im Krankenhaus etwas mehr als nur Grundgehorsam – und muss es mögen, wenn alle ihn einen halben Nachmittag lang streicheln möchten. Auch für die Therapiehunde ist ihr Einsatz anstrengend, deshalb beträgt ihre Arbeitszeit nur zwei Stunden. Danach dürfen sie erst einmal draußen toben und sich dann ausruhen.
Erst hätten sie gedacht, es brauche viel Überzeugungsarbeit im Krankenhaus, auch wegen der Hygienevorschriften. Doch die Station und die Geschäftsführung haben ihre Idee direkt positiv aufgenommen, sagen Brummund und Kaiser.
Dennoch gab es anfangs viel Papierkram zu erledigen. Auch müssen die beiden Besitzerinnen die Hunde zweimal im Jahr veterinärmedizinisch untersuchen lassen und sie vor jedem Einsatz gründlich reinigen. Auch müssen sie geimpft und entwurmt sein. Wenn sie auf der Station unterwegs sind, tragen sie ein Schild mit der Aufschrift „Therapiehund“. Inzwischen sind die Hunde so etabliert auf der Station, dass alle sie kennen und einige Patienten die Pflegefachkräfte häufig schon fragen, wann denn die Hunde wieder da sind.
Hanna und Emmi bauen Brücken und erleichtern die Gespräche
Hanna und Emmi kommen immer in das sogenannte Wohnzimmer auf der Station V im Marienhospital oder auf Wunsch direkt zu den Patienten ins Zimmer. „Da fragen wir dann vorher, ob die Patienten das möchten“, sagt Martin Zoz, ärztlicher Leiter der Palliativmedizin. Er unterstützt das Pilot-Projekt: „Die Hunde bauen Brücken, helfen Barrieren abzubauen, spenden Trost und erleichtern Gespräche.“
Das vom Verein zur Förderung der Palliativmedizin unterstützte Projekt ist noch ein Novum in Baden-Württemberg. Ziel sei es aber, dass das Projekt noch weiter ausgebaut wird, sodass noch mehr Patienten in den Genuss der tiergestützten Therapie kommen, sagt Zoz und ergänzt: „Wir wollen die Verbindung von moderner Medizin und emotionaler Begleitung noch stärker verankern.“
Zwar übernehmen die Krankenkassen die Betriebskosten der Palliativstationen, aber dabei sind Projekte und Angebote, die die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessern, nicht enthalten. Diese finanziert der Palliativförderverein über Spenden. Robert Mayr, Stifter und Vorstandsvorsitzender der Eva Mayr-Stihl Stiftung aus Waiblingen, hat von dem Projekt in der Zeitschrift des Marienhospitals gelesen und direkt gesagt, dass die tiergestützte Therapie ihm gefalle und er etwas dazu beitragen wolle.
Seine Stiftung hat seit Beginn der Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus rund zwei Millionen Euro gespendet, das Hunde-Therapieangebot finanziert seine Stiftung mit 20 000 Euro. Die Mittel decken die Krankenversicherung der beiden Hunde ab sowie die regelmäßigen Checks zur Eignungsfeststellung. Geplant ist auch, bald noch einen dritten Hund auszubilden. „Als lebenslanger Hundebesitzer weiß ich, wie positiv sich der Kontakt zu einem Tier auf das Wohlbefinden auswirkt“, sagt Mayr. Er habe im Laufe seines Lebens sieben Dackel und drei Boxer besessen.
Der Stifter lebt selbst nie ohne Hund
Als ein Hund gestorben sei, habe er lange überlegt, sich noch einen anzuschaffen – aus Angst, er könnte ihn überleben und der Hund hätte dann kein Herrchen mehr. „Aber drei Monate später habe ich wieder einen Rauhaardackel gekauft“, sagt Mayr. Heute sei er unglaublich froh darüber, dass der Hund ihn begrüßt, wenn er nach Hause kommt. „Man vereinsamt ohne Hunde“, findet er.