Alle Akteure bringen sich mit ihrer eigenen Geschichte ein. Foto: Simon Granville

Eine ungewöhnliche Theatergruppe probt in Münchingen für ihren großen Auftritt. 13 Bewohner des Spitalhofs spielen „Meine schönste Reise“. Sie alle haben eines gemeinsam.

Da ist der Herr, der mit dem Lastwagen durch ganz Europa gefahren ist, aber auch nach Kalifornien kam und nach San Diego reiste. „Das muss man gesehen haben“, erzählt er begeistert und rückt seinen Hut zurecht. Etwas später spricht die Dame, die zuvor in sich zusammengesunken im Raum gesessen war, von ihrer Begegnung mit dem späteren schwedischen König Carl Gustav – damals noch Kronprinz. Ihre Körperhaltung ist plötzlich aufrechter, die Stimme leise, aber klar. Die Eleganz der Situation, die sie mit Carl Gustav erlebte, scheint greifbar.

Senioren mit Demenz geben im Theaterstück Einblicke in ihre Geschichte. Foto: Simon Granville

Und dann ist da der Hundertjährige in diesem ungewöhnlichen Theaterstück. Klein und schmal seine Statur, wendet er sich seinem Gegenüber zu, als er fröhlich von seinem Leben als Stallknecht erzählt. „Die Kühe im Stall waren meine besondere Freude.“ Dass er immer Leckereien dabei hatte, wussten die Tiere offenbar genau. „Deswegen war ich auch sehr willkommen“, sagt der rüstige Senior amüsiert.

Auf der Bühne stehen die Senioren im Scheinwerferlicht

Auf Nachfrage erzählt er, dass er zugleich den Beruf des Schneiders gelernt hat. Dabei erfährt der Zuschauer des Stücks auch, dass er den Janker, den er trägt, einst selbst geschneidert hat. In dem Moment steht er kerzengerade, er wird gesehen von vielen anderen Menschen, wie er auf der Bühne steht, im Scheinwerferlicht – in einem Saal im Seniorenzentrum Spitalhof im dörflichen Münchingen.

Die Senioren bringen gemeinsam das Theaterstück „Meine schönste Reise“ auf die Bühne. „Jeder Mensch hat seine Geschichte, und jeder hat Erinnerungen, die für ihn selbst und für andere wichtig sind“, sagen die Organisatoren. Unter der Leitung der Theaterregisseurin Gudrun Remane erzählen die Männer und Frauen mit Demenz ihre Geschichte. Sie singen Lieder dazu, begleitet von Musikern, sie sind ebenso dezent wie aussagestark kostümiert.

Was in der Probenendphase an diesem Vormittag im Spitalhof so leicht und auch heiter daherkommt, ist das Ergebnis von einem halben Jahr wöchentlicher Theaterarbeit. Spenden haben das Projekt finanziell möglich gemacht, für die nicht nur, aber auch der Förderverein des Spitalhofs geworben hat. Aber alles Geld reicht nicht, wenn nicht die Menschen zusammenwirken würden: Gudrun Remane hat unter dem Motto „Nah und Da. Lebensgeister wecken mit Kultur“ bereits einige Projekte mit Senioren gemacht. Die Schauspielerin, Sprecherin und Spielpädagogin ist aber auch gut bekannt mit Ulrike-Kirsten Hanne von der Werkstattbühne Stuttgart – so kam eines zum anderen, zumal der Spitalhof in Münchingen offen für neue Projekte ist.

Eine eingeschworene Gemeinschaft

Im Spitalhof werden die Mitarbeiter spätestens jetzt, unmittelbar vor der Aufführung, zur eingeschworenen Theaterkompanie. Wenn die Darsteller am Morgen bereits kostümiert am Frühstückstisch Platz nehmen, auf die Probe hinfiebern, Stimm- und Bewegungstraining machen und eintauchen in ihr Leben, erneut erleben, was sie geprägt hat. „Die Bewohner sind schon sehr aufgeregt und freuen sich auf ihren großen Auftritt. Es ist eine große Chance, Bewohner im Pflegeheim weiterhin als Mensch wahrzunehmen“, sagt die Leiterin des Spitalhofs, Patricia O’Rourke. Sie seien eben nicht abgestempelt und an den Rand gedrängt, sondern „mit ihrer Lebensweisheit und Erfahrung weiterhin ein Teil unserer Gesellschaft“.

Das knapp einstündige Theaterstück wird an diesem Donnerstag, 23. Oktober, um 15.30 Uhr im Rahmen des Seniorennachmittags im Widdumhof Münchingen gezeigt.