Der charismatische Schauspieler Lars Eidinger, hier in der Titelrolle von Shakespeares „Richard III“ an der Schaubühne Berlin. Das Theater zeigt die Inszenierung von Thomas Ostermeier am 3. April online, am 1. April ist Eidinger online in Shakespeares „Hamlet“ zu sehen. Foto: dpa

Das Theater kommt jetzt virtuell ins Wohnzimmer. Mit Inszenierungen mit Stars wie Lars Eidinger und mit Live-Performances. Stuttgart punktet mit Mundart von der Komödie im Marquardt.

Stuttgart - Theater ist ein Erlebnis, das am besten live zu erleben ist, klar. Man kann die Blicke frei schweifen lassen, mal die gerade agierenden Figuren in den Blick nehmen oder einen Nebendarsteller im Hintergrund. Bei gefilmten Produktionen ist der Blick gelenkt, Kamera und Regie entscheiden, wer im Fokus ist.

Das Berliner Ensemble hat jetzt aber immerhin „Eine griechische Trilogie von Theater-Darling Simon Stone auf seine Seite gestellt, bei der Nutzer in einer eigenen Online-Version selbst bestimmen, welcher Figur sie in dieser Web-Serie durch das Stück folgen wollen.

In der Mediathek gibt es zudem unter anderem Gespräche nachzuhören sowie Backstage-Videos und Interviews und einen 360°-Rundgang durch das denkmalgeschützte Theater am Schiffbauerdamm.

Aber auch wenn Bühnen nicht so gut technisch aufgestellt sind, gilt– besser Theater durch die Kameralinse hindurch gesehen als kein Theater. Vielleicht auch, weil man hofft, doch demnächst wieder spielen zu können, zögern Theater, zu viele aktuelle Inszenierungen zu zeigen und bieten andere Formate an. Streamings sind meist zeitlich begrenzt.

Theater Dortmund und Münchner Kammerspiele: Ein Stück pro Tag

Das der Videokunst aufgeschlossene Theater Dortmund ist auch online unter der Leitung von Kay Voges – der auch in Stuttgart in der Intendanz von Armin Petras gearbeitet hat („Das 1. Evangelium“, das sogar die „New York Times“ zu Jubel hinriss). Sein Haus zeigt jetzt täglich von 18 Uhr an eine neue Inszenierung für mindestens 24 Stunden online.

Die Münchner Kammerspiele zeigen pro Tag einen Mitschnitt einer Inszenierung aus dem Spielplan online, der nur 24 Stunden lang zu sehen ist. Und veranstalten Mitmach-Livetheater, zum Beispiel am 2. April um 18 Uhr: „Die große Beunruhigung“, ein Lese- und Filmformat von Enis Maci, live präsentiert. Und am 5. April um 18 Uhr ist eine Inszenierung von Stefan Pucher: „König Lear“ von William Shakespeare mit Thomas Schmauser in der Titelrolle, der man in Stuttgart aus Armin Petras’ Inszenierung von „Buch 5“ kennt. Außerdem sehenswert: Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Christian Löber, Wiebke Puls, Anna K. Seidel, Thomas Hauser, Samouil Stoyanov und Julia Windischbauer.

Videostücke im Residenztheater München

Nebenan im Residenztheater (Residenztheater.de) zeigt sich das Ensemble in Videostücken in der Reihe „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“, lustig eine Folge über Tücken einer Videokonferenz, wie sie zurzeit viele Menschen im Home­office erleben. Immer mehr Ensemblemitglieder tauchen auf dem Bildschirm auf und schnattern: „Hallo, ist wer da? Sind wir allein da draußen?

Interviews, Lesung und Gesang in Hamburger Theatern

Das Deutsche Theater Berlin (Deut­schestheater.de) präsentiert Lesungen, ebenso das Hamburger Thalia-Theater – mit dem Iffland-Ring-Träger Jens Harzer, der absolut hörenswert Zeilen Hölderlin vorträgt. Die Hamburger verlinken auch ausführliche Interviews mit Ensemble-Darstellern wie Victoria Trauttmansdorff.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg macht Eigenwerbung mit Podcasts, stellt Produktionen vor und Gespräche, zum Beispiel auch ein Stück mit schönem Sprech-Singsang von etwa mit Schauspielerinnen wie Sophie Rois.

Stücke mit Bruno Ganz und Lars Eidinger in Berlin

Die Berliner Schaubühne ragt heraus und punktet mit Archivgold und Livegefühl: Pünktlich um 18.30 Uhr wird eine Theaterkostbarkeit gezeigt – stets nur bis Mitternacht. Zur Einstimmung gibt’s schon um 18 Uhr einen aktuellen Beitrag eines aktuellen Ensemblemitglieds. Aufzeichnungen von Regiearbeiten von Peter Stein, Andrea Breth und Luc Bondy sind darunter. Am 2. April ist Steins berühmte Gorki-Inszenierung „Sommergäste“ von 1975 auf dem Streaming-Programm. Abgefilmt hat diese Theaterproduktion übrigens kein geringerer als Michael Ballhaus.

Häufig zu sehen sind in diesen alten Produktionen aus den 1970ern bekannte Schauspieler wie Otto Sander, Angela Winkler, Bruno Ganz. Auch zu sehen in der Zeit bis 19. April: „Drei Schwestern“ (Tschechow) und „Sommergäste“ (Maxim Gorki). Botho Strauß’ „Die Zeit und das Zimmer“ von 1989 in der Regie von Luc Bondy mit Ernst Stötzner, Peter Simonischek (bekannt aus dem Film „Toni Erdmann“), Udo Samel, Tina Engel und Jutta Lampe ist am 15. April geplant.

Und aktuelle Shakespeare-Inszenierungen mit auch aus Film und Fernsehen bekannten Stars wie Lars Eidinger (zuletzt etwas in der TV-Serie „Babylon Berlin“) gibt’s: „Hamlet“ am 1. April, „Richard III.“ am 3. April.

Schauspielhaus Stuttgart mit Grußbotschaften

In Stuttgart arbeiten einige Theater noch an Formaten, wie die Sprecher ihrer Häuser auf Anfrage mitteilen, darunter das Figurentheater Fitz, das Theater Tri-Bühne, das Studio Theater, – sie informieren ihr Publikum dann aktuell auf der Homepage.

Die Komödie im Marquardt streamt am 2. April von 18 bis 24 Uhr auf nachtkritik.de Axel Preuß’ Inszenierung des Stücks „Koi Auskomma mit dem Einkomma“ mit den Schauspielern Monika Hirschle und Reinhold Weiser. Auf der Homepage der Schauspielbühnen Stuttgart werden weitere Streamingangebote angekündigt.

Das Forum-Theater geht auch online. Gezeigt wird ab 1. April 20 Uhr , in etwa zweitägigen Abständen eine Videodokumentation über die Proben zu dem Solo-Stück mit Martina Guse, „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ von Peter Hacks.

Das Schauspiel Stuttgart zeigt sich etwas zurückhaltend mit dem Streamen. „Grundsätzlich wollen wir uns vom gegenwärtigen Aktionismus, ständig irgendwelche alten Inszenierungen zu streamen, nicht anstecken lassen“, sagt die Theatersprecherin Katharina Parpart und führt auch technische Gründe an: „die Qualität der allermeisten vorhandenen Mitschnitte wird unserer Meinung nach weder dem Live-Erlebnis von Theater noch der Qualität unserer Inszenierungen gerecht.“

Das Haus setzt lieber auf Grußbotschaften der Ensemblemitglieder. Sebastian Röhrle wird einen Vorleseservice anbieten, Matthias Leja täglich eine Folge von Giovanni Boccaccios „Decamerone“ lesen. Weitere kleine Lesungen der Künstler und Künstlerinnen werden folgen.

Junges Ensemble Stuttgart geht online

Das Junge Ensemble Stuttgart (JES) zeigt auch Produktionen. Ab sofort können für jeweils zwei Tage wechselnde Produktionen online angeschaut werden. Am 2. und 3. April zu sehen: „Die beste Geschichte – En iyi hikâye (ab 8), eine deutsch-türkische Ensembleproduktion, am 4. und 5. April „Vesper“ (ab 4), ein Tanztheater von Nicki Liszta, am 6. und 7. April: „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ (ab 11), nach den Romanen von Finn-Ole Heinrich in der Regie von Theaterleiterin Brigitte Dethier. Weitere aktuelle Videoaufzeichnungen und alle Infos über das Programm sind auf der Homepage zu finden.

Zusätzlich zum Online-Spielplan bespielt das Ensemble des JES die Social-Media-Kanäle Instagram, Facebook und YouTube mit den Reihen #JESerzählt und #JESstayshome. „Für #JESerzählt hat das JES-Ensemble sich in den vergangenen Tagen auf die Suche nach ihren liebsten Erzählungen gemacht“, erklärt die Theatersprecherin Annalena Ehmann. „Gefunden haben sie umgedichtete Gedichte, Lieblings-Legenden oder auch Geschichten von den Anfängen des JES. Diese werden in den nächsten Wochen mittels kleiner Videos auf den Social-Media-Kanälen veröffentlicht.“

Unter der Überschrift #JESstayshome zeigt das JES-Ensemble persönliche Tipps, wie die Zeit, die alle Zuhause verbringen müssen, angenehmer gestaltet werden kann. Ehmann: „Hier ist vom liebsten Pancake-Rezept bis hin zu einer Rechercheaufgabe für unsere erste Produktion der nächsten Spielzeit „Paradies“ ganz viel Verschiedenes dabei.“

Theater Rampe zeigt Live-Premieren

Das Stuttgarter Theater Rampe geht mit der Reihe „Montage“ online, die sich mit Popkultur und anderem beschäftigt: jeden Montag von 21 Uhr an als Radioshow online: https://mixlr.com/theater-rampe. Mittwochs und sonntags wird jeweils für 24 Stunden eine Aufführung aus dem Repertoire zum Streaming angeboten über die Webseite (Theaterrampe.de). Die Premiere von „Haus der Antikörper“ von Backsteinhaus Produktion am 18. April findet online statt.

Freie Gruppen spielen live im Netz

Freie Stuttgarter Gruppen wie Lokstoff (Lokstoff.com) spielen live, im Stream nachzuverfolgen auf Youtube. Spieltermine jeweils ab 20.30 Uhr von „Less Home – Wohnst du noch oder teilst du schon“ sind am 2. und 3. April. Und am 4. April: #ichsehedich“.

Die Stuttgart Gruppe O-Team hat einen Podcast über die neue Produktion „Wetware“ zusammengestellt.

Und das Citizen Kane Kollektiv hat weiterhin Radiosendungen am Start (wieder am 28. 4.). „Wir können uns vorstellen – wenn die Krise sich lange hinzieht – dieses Format auszubauen“, sagt Regisseur Christian Müller, „und auch mit Live-Online-Kollektionen über unsere derzeitige Recherche und künstlerische Arbeit zu ergänzen.“

Ein Lied von Schorsch Kamerun

Und von Ferne grüßt ein bekannter Künstler: Schorsch Kamerun, Theaterregisseur und Sänger der Punkband Die Goldenen Zitronen, der im September 2019 mit der musikalisch-theatralen Performance „Motor City Super Stuttgart“ die Baugrube am Hauptbahnhof bespielt hat, stellt ein schönes, bombast-melancholisches Lied online, mit Liedzeilen wie gemacht für jetzt: „Wie steht’s um dein Haus? . . . dein neuester Plan?“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: