Die Bempflinger Textilfirma Elmer & Zweifel trotzt seit 170 Jahren den Herausforderungen der Branche. Inzwischen liegt der Fokus auf Bio-Baumwolle und Nachhaltigkeit.
Wer auf den Hof der Textilfirma Elmer & Zweifel in Bempflingen kommt, dürfte sich zurückversetzt fühlen in vergangene Zeiten. Der Großteil des Gebäudeensembles mitten im Ort stammt noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Textilunternehmen hier einen neuen Standort fand – einige der Bauten wurden nach Plänen des bekannten Industriearchitekten Philipp Jakob Manz errichtet. Seit Sommer 1855 steht hier die Baumwolle im Fokus aller Aktivitäten, also seit nun 170 Jahren – Jahre voller Umbrüche in einer schwierigen Branche.
Den genauen Tag der Unternehmensgründung kenne er nicht, sagt Geschäftsführer Roland Stelzer. Über die Firmengeschichte aber weiß der 66-Jährige genauestens Bescheid. Bewegte Zeiten gab es demnach reichlich bei dem Bempflinger Familienbetrieb. Produzierte die Firma anfangs vor allem Stoffe zur Herstellung von Bekleidung und Heimtextilien wie Bettwäsche, spezialisierte sie sich später auf Gewebe für medizinische und technische Zwecke und auf Babypflegetextilien. Bei Babywindeln etwa sei seine Firma einer der größten Hersteller in Deutschland gewesen – bis in den 1960-er Jahren die Pampers kamen. Die Pampers hätten innerhalb von zwei Jahren alle anderen Anbieter verdrängt.
Konkurrenz aus Fernost: Medizinprodukte-Markt bricht ein
Ähnlich war die Entwicklung bei den Medizinprodukten, die lange ein stabiles Standbein der Firma waren. Mit dem Mauerfall war das vorbei: „Als ich im Jahr 1990 die Firma übernommen habe, ist der Markt praktisch komplett zusammengebrochen.“ Grund dafür sei die Konkurrenz aus Osteuropa und Fernost gewesen: Die Kunden hätten nun Zugang zu den wesentlich günstigeren Produkten aus Polen oder China gehabt – und diesen genutzt. Innerhalb kürzester Zeit habe seine Firma keine Chance mehr auf dem Markt gehabt. Schon wieder habe man sich umorientieren müssen. „Wir mussten immer schauen, wo wir bleiben“, sagt Stelzer.
Er habe sich daraufhin neu orientiert und 1995 als einer der ersten in der Branche auf Bio-Baumwolle umgestellt. Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 habe einen weiteren Umbruch bedeutet: Der Anteil von Textilien aus Polyester sei rasant gestiegen, Qualität und Preise seien gesunken und Modetrends immer kurzlebiger geworden. Da wollte die Bempflinger Firma nicht mitmachen: „Im Jahr 2003 haben wir unser altes Geschäft beendet und fertigen seither nur noch Bio-Produkte“, erzählt Stelzer.
Textilfirma mit zwei Konstanten: Baumwolle und Ökologie
Dafür habe man eigens die Bio-Marke Cotonea gegründet. Damit habe man auch die zweite Konstante der Firma neben der Baumwolle gestärkt: die Ökologie. Diese habe immer schon eine große Rolle im Unternehmen gespielt. „Das war vermutlich die einschneidenste Umstellung in der Firmengeschichte, weil wir eine ganz neue Struktur einführen mussten“, sagt Stelzer. Hatten bis dato fünf Großkunden fast alle Produkte abgenommen, so arbeite man inzwischen sehr viel kleinteiliger mit vielen verschiedenen Partnern.
Die Bio-Baumwolle kommt laut Stelzer aus Uganda und Kirgistan und wird dort auch entkörnt. In Spinnereien in Deutschland und der Türkei werde Bio-Garn hergestellt, das in der firmeneigenen Weberei in Tschechien zu Stoff verarbeitet werde. Sogenanntes Gestrick wie etwa Jersey für Spannbettlaken werde in kleinen Betrieben auf der Schwäbischen Alb gefertigt. Anschließend werden die Stoffe in Deutschland oder der Schweiz mit Sauerstoff gebleicht und veredelt – also gefärbt oder bedruckt – und gehen dann zur Konfektion in die Näherei nach Tschechien.
Bempflinger Textilfirma setzt auf Tranzparenz und Nachhaltigkeit
Der Vorteil: „Wir kennen unsere gesamte Wertschöpfungskette“, betont Stelzer. Das sei durchaus eine Besonderheit in der Textilbranche: Seit den 1990-er Jahren konzentrierten sich die meisten Betriebe nur auf einen ganz bestimmten Bereich der Produktion und wüssten oft nicht genau, was davor oder danach passiere. Für Stelzer ist die Kontrolle der Produktionskette essenziell, denn nur so könne er sicherstellen, dass tatsächlich nachhaltig und nicht zu Lasten von Mensch und Umwelt produziert werden.
Er habe darauf bestanden, dass an allen Maschinen – auch an denen der Partner – Energiezähler angebracht werden, sagt Stelzer. Die Daten habe man gesammelt und ausgewertet und könne nun für 460 Gewebe den exakten CO2– und Energie-Fußabdruck nennen, der meist weit unter dem konventionell hergestellter Stoffe liege. Aufgrund bestimmter Bewässerungstechniken würden für seine Stoffe zudem nur etwa ein Zehntel der Wassermenge verbraucht die etwa in Asien bei der Textilproduktion üblich seien.
Die Produkte der Textilfirma sind im Outlet auf dem Firmengelände in Bempflingen zu besichtigen. Hier reihen sich große Stoffrollen unterschiedlichster Farbe und Textur aneinander, in einem Regal stapeln sich farblich geordnete Handtücher, in einer Ecke ist Kinderkleidung drapiert, in der anderen Bettwäsche. Auf einem Tisch dazwischen stehen neben Textilien unterschiedlicher Art kleine Flaschen Sesamöl: „Wir helfen den Menschen in Uganda, auch die Produkte des Fruchtwechsels auf den Baumwollfeldern zu vermarkten“, erklärt Stelzer – dazu gehört unter anderem Sesam. Stelzer ist überzeugt, dass sein Konzept nachhaltig ist – und seine Firma auch nach 170 Jahren noch eine gute Zukunft hat.
Faser aus biologischem Anbau
Erträge
Roland Stelzer ist überzeugt, dass der Bedarf der gesamten Weltbevölkerung an Bio-Baumwolle gedeckt werden könnte – wenn man denn wollte. Seine ökologisch wirtschaftenden Bauern in Uganda etwa hätten durchschnittlich höhere Erträge als die konventionellen Anbaubetriebe in den USA.
Wasserbedarf
Manch angeblicher Nachteil der Baumwolle sei nur ein Mythos, etwa dass sie besonders viel Wasser brauche, sagt Stelzer. Das Gegenteil sei der Fall: „Baumwolle braucht heißes und trockenes Klima.“ Für ihn hat Baumwolle Zukunft, denn sie brauche – die richtige Bewässerungstechnik vorausgesetzt – wenig Wasser und ihre Fasern seien ohne Chemie oder größeren Energieaufwand zu gewinnen. Auch andere Experten, unter anderem von der Umweltorganisation WWF, erklären den hohen Wasserverbrauch beim Baumwoll-Anbau vor allem mit verschwenderischen Bewässerungstechniken.