Terézia Mora bringt Gefühle der Figuren schön zum Ausdruck. Foto: Andreas Kaier - Andreas Kaier

Der 49-jährige Darius Kopp ist ein Wanderer zwischen Welten. Bei der LesART stellte Terézia Mora ihren neuen Roman „Auf dem Seil“ vor, den letzten Teil ihrer Trilogie.

EsslingenMit feinem Gespür für die Schwingungen zwischen Menschen zeichnet Terézia Mora die Figuren in ihren Romanen. Bei den Literaturtagen LesART in Esslingen nahm die Trägerin des Büchner-Preises 2018 und des Deutschen Buchpreises (2013) das Publikum im Kaisersaal des Amtsgerichts auf eine abenteuerliche Reise mit ihrem Protagonisten Darius Kopp mit. „Auf dem Seil“ (Luchterhand-Verlag, München, 24 Euro) heißt der dritte und letzte Teil ihrer Trilogie, die das Leben eines Heimatlosen im 21. Jahrhundert beschreibt.

Mit seiner 17-jährigen Nichte Lorelei erlebt der inzwischen 49-jährige IT-Spezialist etwas wie einen zweiten Frühling. Sichtlich genießt der Mann, der sein Alter nicht mehr leugnen kann, die Bewunderung der jungen Frau. In einer eingeklammerten Textpassage lässt Mora ihr Lesepublikum in die aufgewühlte Welt seiner Gedanken blicken: „Sie strahlt mich an, ihre Augen, das ist ganz merkwürdig. Als wäre es mit Bewunderung. Wofür es keinen Grund gibt. Vermutlich missverstehe ich es auch. Männer missverstehen ja angeblich oft und vieles. Wie Frauen schauen. Mädchen.“ Nach dem Suizid seiner Frau Flora, drei Jahre ist das her, hat Kopp seinen Halt im Leben verloren. Die 17-Jährige lässt ihn wieder aufblühen, für eine gewisse Zeit jedenfalls. Nach seinem Aufbruch in den Süden Europas kehrt er mit ihr wieder zurück nach Berlin.

Sinnlichkeit und Mortadella

Im inspirierenden Gespräch mit Martin Mezger, Kulturchef der Esslinger Zeitung, erzählte Mora von der besonderen Beziehung zu ihrem Protagonisten Darius Kopp. „Ich habe diese Erzählweise für ihn gefunden“, schildert die Autorin ihr langes Herantasten an die Figur im Schreibprozess. „Wir gehen Arm in Arm durch den Text.“ Dass ihr Verhältnis zu der komplexen Romanfigur mal liebevoll ist, mal sehr distanziert, ist aus Moras sinnlichen Alltagsbildern herauszulesen. Nach dem erotischen Augenblick mit der Heranwachsenden stürzt er in die Küche und stopft sich am Kühlschrank mit Mortadella voll. Die Fressattacke mit der Brühwurst inszeniert Mora grandios. Der Reiz ihrer Literatur liegt in der Komplexität der Figuren, die sie in ihrer Prosa zeichnet.

Wenn Terézia Mora ihre Zeilen vorliest, ist ihre Stimmung in Bewegung. Mal artikuliert sie lauter, dann leiser. Das bringt die Gefühle der Figuren wunderschön zum Klingen. Dennoch steht die Literatin aber für eine Gegenwartsliteratur, die den Außenseitern, den Menschen in prekären Lebenssituationen eine Stimme gibt. „Keine Kuschelliteratur“ wolle sie schreiben, sagt die Autorin, die 1971 in Sopron in Ungarn geboren wurde. Schon damals habe sie davon geträumt, Autorin zu werden und zu schreiben. Sehr ehrlich und direkt teilte Mora ihre Erinnerungen an die Kindheit in Ungarn mit dem Esslinger Publikum: „Schon in meinem Dorf in Ungarn wusste ich, dass ich durch das Schreiben von den Leuten wegkommen würde, mit denen ich da lebte.“ In Sätzen wie diesen schwingt die große Traurigkeit der Autorin mit, schon als Mädchen nicht verstanden worden zu sein. Seit 1990 lebt die gefragte Schriftstellerin in Berlin, erlebt in der Hauptstadt die krassen sozialen Gegensätze. Diese Unwucht spiegelt sich in ihrer Literatur.

Eine Generation, die Terézia Mora sehr beschäftigt, sind die Millennials (deutsch etwa: Jahrtausender). Nicht nur die junge Lorelei, die schon mit 17 Jahren an der Suche nach einer Lebensperspektive scheitert, nimmt sie in den Fokus. Kopp und seine Nichte übernachten in den ersten Tagen in Berlin als Couchsurfer bei „Online-Olli“, der seine Wohnung mit Fremden teilt. Nach drei Tagen ziehen sie weg „aus dem Verwesungs- und Milchpulver-Geruch“ zu Rolf, der im Rollstuhl sitzt.

Dunkle Bilder der Großstadt

Die dunklen Bilder der Großstadtmenschen, die Terézia Mora entwirft, faszinierend. Nüchtern und klar beschreibt sie den Blick aus dem Fenster. Da sitzt ein Patient mit Mundschutz, offenbar nach einer Transplantation. Seine Blässe ist durch die Kapuzenjacke zu erkennen.

Ihr gehe es nicht nur darum, die prekären Lebensverhältnisse der Millennials darzustellen: „Ich zeichne ein Bild von uns allen.“ Das Leben sei heute fragmentiert, alle seien beschäftigt, verlören den sozialen Halt: „Das sehe ich, wenn ich mich mit Freunden meiner Generation verabreden möchte.“ Keiner finde mehr Zeit für die anderen. Und selbst wenn die Menschen Zeit hätten, verlören sie sich in anonymen sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. „Auf dem Seil“ ist für Terézia Mora ein „So-sind-wir“-Roman.

Bei der Lesung erzählt Terézia Mora vom Leben in Berlin. Die vielfach preisgekrönte Autorin besticht durch ihre natürliche, humorvolle Art. Immer wieder lenkt sie den Blick auf die Gesellschaft, die aus ihrer Sicht im Zerfall begriffen ist. Dieser schleichende Prozess beschäftigt sie auch in ihrer Trilogie über Darius Kopp, dessen Vorname durchaus an den persischen König erinnern solle. Geschichten aus dem Alltag ihrer Figuren spannend und fesselnd zu erzählen, das ist Terézia Moras Anspruch. Deshalb wog sie in der Lesung bewusst ab, was sie preisgeben wolle und was nicht. Denn „Spoilern“ wolle sie ihre Geschichten nicht.

Besonders betroffen machte sie ein Zettel, der in ihrer Nachbarschaft hing. Da sammelten Leute für einen alten Mann, der ein Armenbegräbnis vom Sozialamt bekommen sollte – ohne Namenstafel. „Die Nachbarn sollten dafür spenden, dass der Name an seinem Grab steht.“ Dass der Staat offenbar nur Geld für ein anonymes Begräbnis habe, hat die Künstlerin ebenso betroffen gemacht wie die Tatsache, dass ein Mensch so einsam sterben müsse und niemanden habe, der sich im letzten Lebensabschnitt um ihn kümmert. Das sollte jeden einzelnen zu der Einsicht bringen, sich nicht zu isolieren: „Wir sollten vermeiden, zu vereinsamen.“

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