Nach Olympia ist Schluss – aber: Wie viele Matches spielt Angelique Kerber noch bis dahin? Am Samstag hat sie überraschend Naomi Osaka geschlagen. Lernt sie Paris doch noch lieben?
Sie hatte gekämpft wie in besten Zeiten, hatte unerreichbar scheinende Bälle aus den Ecken des Court Philippe Chatrier gekratzt, hatte starke und gewinnbringende Grundlinienschläge gezeigt. Aber vor allem: Sie hatte es so richtig genossen. Wer das womöglich nicht gesehen hatte von einem der Plätze in diesem riesigen Tennisstadion, der musste Angelique Kerber nach ihrem Sieg in der ersten Runde des Olympiaturniers nur ins Gesicht schauen. Und ihren Worten lauschen.
„Ich habe es wirklich extrem genossen“, sagte sie und lächelte beseelt vom eben Erlebten, dem 7:5, 6:3-Erfolg gegen die viermalige Grand-Slam-Siegerin Naomi Osaka. „Genau dafür“, ergänzte die 36-Jährige, „bin ich zurückgekommen.“ In der zweiten Runde trifft sie auf die Rumänin Adina Cristian.
Im Sommer 2022 hatte Angelique Kerber bestätigt, schwanger zu sein, am 25. Februar 2023 kam ihre Tochter zur Welt – das Ende der sportlichen Karriere sollte dieses Ereignis aber nicht bedeuten. Kerber arbeitete sich noch einmal zurück, konnte aber an die ganz großen Erfolge nicht mehr anknüpfen. Drei Grand-Slam-Turniere hatte sie zwischen 2016 und 2018 gewonnen, wurde zudem die erste deutsche Nummer eins der Weltrangliste seit Steffi Graf – und holte 2016 olympisches Silber in Rio. Nun, bei den Spielen von Paris, soll sich der Kreis schließen.
Direkt vor dem Beginn der Wettbewerbe in der französischen Hauptstadt hatte Angelique Kerber bekannt gegeben, dass sie nach dem letzten Spiel in Paris ihre aktive Laufbahn beenden werde. Und viele dachten, eben dieses Match gegen Osaka werde zumindest das letzte Einzel auf der großen Bühne. Aber damit fand sich die Bremerin nicht ab.
Die Entscheidung zum Rücktritt steht
„Ich habe alles auf dem Platz gelassen“, sagte sie – und war sichtlich stolz auf sich und ihre Leistung gegen die Topkonkurrentin aus Japan: „Das zeigt mir, dass ich weiterhin gegen Topspielerinnen gewinnen kann.“ An der Entscheidung, nach Olympia aufzuhören, ändert das Erfolgserlebnis aber nichts. „Die Entscheidung steht, ich fühle mich gut damit“, sagte Kerber, die vom Publikum teils frenetisch gefeiert wurde. Sie gab aber auch zu, dass ihre Gefühlswelt seitdem ein bisschen durcheinander geraten ist.
Einerseits sei es ein befreiendes Gefühl, die Entscheidung nun getroffen zu haben. Andererseits geht sie nun in jedem Match mit dem Wissen auf den Platz: „Es könnte das letzte Spiel sein.“ Das, sagte sie am Samstagabend in Paris, erzeuge Druck. Weil sie ja auch nicht irgendwie gehen will.
Ihr geht es zum einen darum, noch einmal alle Emotionen, die der Sport und die Spiele bieten, mitzunehmen und abzuspeichern. Deshalb harrte sie trotz des Regens bei der Eröffnungsfeier aus bis zum Ende, als Celine Dion auf dem Eiffelturm sang. „Das war sehr emotional“, sagte sie. Und auf dem Platz will sie „bis zum letzten Moment“ genau den Kampfgeist zeigen, der sie immer auszeichnete: „Genauso möchte ich in Erinnerung bleiben.“
Auch in Paris – obwohl sie mit dem Turnier in Roland Garros und dem roten Sand ja nicht die besten Erinnerungen verbindet. Ihre drei Grand-Slam-Siege holte sie jedenfalls in Melbourne, Wimbledon und Flushing Meadows. Nun wird, egal wie weit die Reise noch geht – Kerber spielt auch noch im Doppel an der Seite von Laura Siegemund –, die französische Hauptstadt aber doch noch ein Special Place für die Linkshänderin.
„Am Ende“, sagte Angelique Kerber, „werden Paris und ich doch noch Freunde.“ Dann lachte sie und verschwand in den Abend. Um bald wieder zurückzukommen.