Foto: Horst Rudel - Horst Rudel

Der Weltschmerz scheint durch dicke Posterschichten aus dem Kinderzimmer zu hämmern: Schön, kindlich und künstlich geriet der Tourauftakt des Rappers Rin in der Schleyerhalle.

StuttgartVon Bietigheim-Bissingen auf den Rap-Olymp: Die „Zeit“ nannte den Deutschrapper Rin unlängst den „Rio Reiser der Generation Autotune“. Jetzt hat er mit dem Auftakt seiner Tour in der Stuttgarter Schleyerhalle sein neues Album „Nimmerland“ gefeiert – ein grandioses Heimspiel für den rothaarigen Renato Simunovic, wie Rin bürgerlich heißt. „Es war mein größter Lebenstraum, hier einmal auf der Bühne zu stehen“, erzählt er und erinnert sich an seinen ersten Besuch in der Schleyerhalle. Es war ein Wrestling-Abend.

Wie passend, wenn man die sich immer wieder wild formierenden Moshpits – wild tanzende Menschentrauben – betrachtet, die den ganzen Abend für Bewegung sorgen. Laut Veranstalter wurden ein paar Nasen gebrochen. Fast wie beim Punk-Konzert. Rins Album – in einer Premiumbox im roten Nike-Schuhkarton mit „Ljubav“-Swoosh (kroatisch für Liebe) inklusive T-Shirt, Poster und Armbändchen verpackt – ist aber alles andere als Punk. Fast nerdhaft produzierte Melodien, nachahmungswürdige Adlibs (Ausrufe) à la „Glitzer, Glitzer“, „Oh Junge“ und „Space“ – und eine Kollaboration mit Sido, dem Rap-Rentner der Republik, machen seine zweite Platte zum Gesamtkunstwerk, das in Songs wie „Bietigheimication“ Lines wie „Ich will Immobilien und keinen Tom Ford“ in Stein meißelt.

Schön, kindlich, künstlich

So schön, so kindlich, so künstlich. Schon bevor das Konzert losgeht, fliegen T-Shirts durch die Luft, liegen Oberkörper frei. Rins Publikum kann man an diesem Abend in zwei Gruppen einteilen: Jugend und Jugendwahn-Sinnige, natürlich exquisit gestylt und edel ausgestattet. Während erstere ihre Liebe zur Hormon-Teenager-Nike-Welt als noch nie dagewesenen Frühling feiert, kann sich Gruppe zwei das neue Hoodie von Supreme auch ohne Zuschuss von Mama und Papa leisten.

Direkt ins Herz

Die Schleyerhalle ist voll und erwartungsfroh. Während Ex-Straßenrapper aus Berlin längst zum Altersheim-Sound gehören oder durch Polizei-Twitter-Gezwitscher auffallen, geht das Gefühlvolle aus Bietigheim-Bissingen direkt durch das Balenciaga-Shirt ins Herz. Sanfte Melancholie mischt sich mit 808-Beats und Referenzen an die 90er: Bausa schmachtet Retro-Refrains von Echt, Rin rappt Nirvana, Bietigheimication liegt irgendwo zwischen dem Strohgäu und Santa Monica – und der Weltschmerz scheint regelrecht durch dicke Posterschichten aus dem Kinderzimmer zu hämmern. Perfekt für Gruppe zwei, die in den 90ern wohl auch das erste Mal unglücklich verliebt war und nun heilfroh sein kann, dass es damals egal war, wie viel dem Baby Instagram-Likes bedeuten.

Der Abend wirkt wie das Album – nämlich wie aus einem Guss. Nachdem Rin seinen Bietigheimer Kollegen und Freund Bausa umarmt hat, verkünden die beiden ein neues Festival: „Wir wollen die Welt in die Heimat holen – nach Bietigheim-Bissingen!“ Am 26. Juni 2020 planen die beiden ein eigenes HipHop-Festival.

Der Moshpit tobt, und Stuttgart feiert seinen Peter Pan mit Doppelkennzeichen, der an diesem Abend groß ausholt, über ein Heranwachsen und ein über sich Hinauswachsen zwischen Drogen, Designerklamotten und Kippen rappt. Bitte nicht so schnell erwachsen werden, wenn du’s schaffst.

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