Die zweite Stutyard in der Nacht auf Sonntag ist ausverkauft. Auf der Landesmesse verläuft der Einlass ohne langes Warten. Foto: Uwe Bogen

Die zweite Stutyard ist besser organisiert als vor einem Jahr, lobt die Polizei. Drogendelikte seien nicht „exorbitant“. 9000 Raver im Glück. Eindrücke einer ekstatischen Nacht.

Mit einem Auftritt, der sofort Spannung erzeugt, startet gegen 21 Uhr eine lange und ekstatische Nacht: Bei der Stutyard 2.0 an der Messepiazza 1 betritt als erster ein geheimnisvoller DJ das Pult. Sein Gesicht ist hinter einer Maske verborgen. Rikhter nennt er sich – ausgesprochen wie „Richter“.

Kaum setzt er die ersten harten, brachialen Beats ein, beginnt die Halle zu pulsieren. Die Bässe dröhnen durch den Boden, gehen durch Mark und Bein. Die ersten Raver, die schon da sind, reagieren instinktiv: Arme hoch, Körper im Rhythmus, Haare fliegen.

Die meist schwarz gekleideten Tänzerinnen und Tänzer strömen zu einer für einen Rave frühen Zeit – draußen haben sie diesmal nicht Stunden warten müssen. Gegen 22 Uhr ist die Messehalle bereits proppenvoll. Erst in der frühen Morgenstunde gegen 8 Uhr wird Schluss sein.

„Du musst den Kopf ausschalten und dich der Musik ergeben“

Viele Fans von DJs Rikther tragen ebenfalls Masken, manche tanzen mit freiem Oberkörper. Gespräche sind kaum möglich, dafür ist die Musik zu laut – Worte werden eher gerufen als gesprochen. „Du musst den Kopf ausschalten und dich einfach der Musik ergeben“, ruft ein junger Mann durch seine Maske einem Neuling zu. Zehn Stunden Rave seien kein Problem, sagt er: „Irgendwann verlierst du das Zeitgefühl, dann werden Stunden zu Minuten.“

Raver strömen in Scharen: Stutyard 2.0 feiert ausverkauftes Comeback

Am Eingang weisen Leuchtschriften darauf hin, dass Drogen verboten sind. Die Polizei meldet am nächsten Tag „komischerweise“, wie der Sprecher mit leichter Ironie sagt, sichergestellte Substanzen. Die Zahl der Drogendelikte sei jedoch nicht „exorbitant“. Ein ausdrückliches Lob kommt vom Polizeipräsidium Reutlingen, zuständig für die Landesmesse in Leinfelden-Echterdingen: Das Rave-Festival sei deutlich besser organisiert gewesen als bei der Premiere vor einem Jahr. Die Fahrzeiten der S-Bahnen sind groß und deutlich an einer Stellwand aufgehängt. Jede Stunde bis 8 Uhr wird man öffentlich heimkehren können.

Mit einem überarbeiteten Konzept ist das Techno-Festival auf die Filder zurückgekehrt – und die Raver gaben dem Veranstalter Deniz Keser eine zweite Chance. Der Vorverkauf sprach eine deutliche Sprache: Die Nachfrage war so groß, dass in diesem Jahr gleich zwei Termine angesetzt sind. In der Nacht zum Sonntag ist die Messehalle mit rund 9000 Besuchern ausverkauft.

Die Dixiklos stehen diesmal nicht draußen in der Kälte, sondern in reichlicher Anzahl im Foyer der Messe. Foto: Uwe Bogen

Reibungsloser Einlass bei der Stutyard 2.0

Organisatorisch haben die Veranstalter deutlich nachgelegt. Statt des kleineren Westeingangs wird diesmal der große Osteingang der Messe genutzt, ausgestattet mit 20 Einlassschleusen. Das Ergebnis: keine Warteschlangen, kein Gedränge, entspannte Gesichter schon beim Ankommen. Auch bei den Bartheken wurde aufgestockt. Die Schließfächer zum Umziehen funktionieren bestens, anders als vor einem Jahr, und die mobilen Toiletten stehen diesmal im Inneren der Halle – niemand muss mehr frierend nach draußen. Ein großes Schild weist den Weg zu „Dixi-City“.

Am Eingang stehen Container, in denen die mitgebrachten Flaschen landen, die draußen bleiben müssen. Etliche Pfandsammler nutzen die Gelegenheit, um das Leergut herauszufischen – ein vertrautes, aber doch stets bedrückendes Bild bei Großveranstaltungen. Aber damit ist jedem gedient.

Tattoo im Foyer der Messepiazza

Die Landesmesse selbst erweist sich mit der Messepiazza 1 als idealer Schauplatz für ein Indoor-Techno-Festival. Im Inneren sind etliche Foodtrucks verteilt. Auf einer Liege liegt ein junger Mann mit freiem Oberkörper. Ist es ihm schlecht? Nein. er lässt sich auf dem Rücken ein Tattoo stechen, was in dieser Nacht im Foyer möglich ist.

Es wummert und knallt. Auf den maskierten DJ Rikhter folgt Clara Cuve, der Übergang ist nahtlos. Pausen gibt es keine. Später übernehmen Future.666, Kobosil und Somewhen die Regler – erst um 8 Uhr morgens wird das Programm enden. Für viele ist damit noch lange nicht Schluss: Die After-Show-Party im Club Lehmann geht bis 14 Uhr weiter.

„Einzigartiger Blick hinter das DJ-Pult bei Stutyard“

Was das Festival für viele besonders macht, beschreibt ein Besucher so: „Auf keinem anderen Techno-Festival kann man auch hinter dem DJ-Pult stehen.“ Dafür ist eine Tribüne mit mehreren Etagen aufgebaut. Die Nähe zu den Künstlern und der Blick über die tanzende Menge gehören zum Markenzeichen von Stutyard.

Wer sich so kleidet, zeigt Zugehörigkeit

Optisch folgt das Publikum klaren Codes. Schwarz dominiert die Outfits. Viele Besucherinnen und Besucher tragen nur wenig Kleidung: Lederriemen – sogenannte Harness – über nacktem Oberkörper, knappe Tops und Shorts, Netzstoffe und Latex. Männer scheinen in der Mehrheit zu sein, doch auch viele junge Frauen tanzen bewusst knapp bekleidet. Wer sich so kleidet, zeigt Zugehörigkeit.

An der Decke über dem DJ-Pult hängt das Leuchtzeichen der Stutyard. Foto: Uwe Bogen

Rave und Erotik liegen in dieser Nacht eng beieinander. Beide beruhen auf körperlicher Ekstase, mitunter auf Grenzüberschreitungen und dem Gefühl eines geschützten Raums. Schnelle Beats und tiefe Bässe versetzen viele Tänzer in einen tranceähnlichen Zustand. Der Drink, der am besten geht, ist Wodka Red Bull für 10,50 Euro.

Zahl 44 prägt Stutyard: Ein stilprägendes Techno-Label

Wer genauer hinsieht, entdeckt immer wieder die Zahl 44 – auf Bannern, Projektionen und Kleidung. Das hat seinen Grund: 44 ist der Name eines Techno-Labels, das eng mit der Veranstaltung verbunden ist und für viele Besucher als stilprägend gilt.

Lange Schlangen, Gedränge in den Gängen und eiskalte Toiletten im Freien – so war es noch vor einem Jahr. In den sozialen Netzwerken machten zahlreiche enttäuschte Besucher ihrem Ärger Luft, tagelang bestimmten kritische Kommentare Instagram und Co. Für Veranstalter Deniz Keser war klar: Eine zweite Ausgabe konnte es nur geben, wenn die Fehler behoben würden. Und genau das ist nun gelungen.

Digitale Innovationen prägen die Stutyard 2.0

Längst sind die Raver in der digitalen Welt angekommen. Schließfächer werden per QR-Code gebucht, bezahlt wird bargeldlos mit Karte. Auch die Lichtinstallationen sind digital programmiert – präzise getaktet auf den Rhythmus der Nacht. Beliebt sind „Lichtduschen“, unter den man abseits der Dunkelheit tanzen kann.

Stutyard 2.0 zeigt, dass ein Indoor-Techno-Festival dieser Größe auf der Landesmesse funktionieren kann – wenn Organisation, Infrastruktur und Konzept stimmen. Nach der holprigen Premiere ist dem Veranstalter der Neustart gelungen. Für viele Gäste ist klar: Das war mehr als nur eine zweite Chance. Auf den Fildern ist ein Neuanfang gelungen. Weil die erste Nacht ausverkauft ist, folgt bereits am kommenden Samstag die Wiederholung (dafür gibt es noch Tickets).