Taylor Swift beim Auftritt in Gelsenkirchen Foto: dpa/Marius Becker

Willkommen in Swiftkirchen! Zum Auftakt der Deutschlandkonzerte von Taylor Swift verwandelt sich Gelsenkirchen in eine funkelnde All-American-Girl-Partyzone. Ein Erfahrungsbericht.

Die nette Kollegin hat Kinder und kennt sich aus: „Du kannst doch nicht einfach so auf ein Taylor-Swift-Konzert gehen!“, hat sie sich entrüstet. Schließlich ist das die „Eras“-Tour. Und da ist jedes Outfit ein modisches Bekenntnis zu einer Lebensphase der wahrscheinlich mächtigsten Frau der Welt, die nebenher auch noch Popstar ist. Wer also am Mittwoch beim ersten Konzert Taylor Swifts dabei ist, darf in Gelsenkirchen nicht in Jeans und T-Shirt auftauchen, sondern sollte tief in den hinteren Ecken des Kleiderschranks nach selten Getragenem wühlen. Und wer das Glück hat, dort ein Sakko mit Goldpailletten hervorkramen zu können, das wohl mal für irgendeine Faschings- oder Halloween-Party angeschafft wurde, macht garantiert nichts falsch. Denn bei all den Kostümwechseln, die Taylor Swift am Mittwochabend beim ersten ihrer Deutschlandkonzerte pompös zelebriert: Pailletten finden sich eigentlich in allen ihren Outfits.

Pailletten gehen immer

Wer sich also unschlüssig ist, welche Taylor-Swift-Era die beste ist, macht mit Pailletten nichts falsch. Das hat sich offensichtlich auch das kleine Mädchen gedacht, das im Glitzerkleidchen in der ersten Reihe steht, und begeistert mitsingt, als Taylor Swift gerade in der „Red“-Phase angekommen ist. Diese hat sich mal zur Abwechslung ein weißes T-Shirt übergezogen, auf dem „Who’s Taylor Swift Anyway? Ew“ steht. Der Song, aus dem die Zeile stammt, heißt „22“. Und während Swift davon singt, dass das eine tolle Nacht sei, um sich wie Hipster zu verkleiden, entdeckt sie das Mädchen, lässt kurz ihre Tänzerinnen allein herumhüpfen, kniet sich am Bühnenrand zu dem Mädchen herunter, setzt ihm ihren Hut auf, klatscht es ab, kehrt auf die Bühne zurück, die Show geht weiter – und wenig später zieht sie auch das T-Shirt aus – und natürlich kommen wieder einmal darunter Pailletten zum Vorschein.

Perfekt geölte Popmaschinerie

Solche Momente der Nähe sind allerdings rar an diesem Abend. Dafür lässt die Showregie kaum Zeit und Raum. Schließlich geht es darum, 45 Songs in knapp dreieinhalb Stunden unterzubringen, einige Songs spielt Swift nur in gekürzten Fassungen, um alle ihre „Eras“ in der Show unterzubringen, die nach ihren Alben benannt sind ( „Lover“, „Fearless“, „Red“, „Speak Now“, „reputation“, ,„folklore/evermore“„1989“, „The Tortured Poets Department“, „Midnights“). Ein bisschen hat man den Eindruck, dass Swift in dieser genau getimten, perfekt geölten Popmaschinerie, gefangen ist, zur Marionette der auf Effekte setzende Regie wird, obwohl sie natürlich eigentlich ihr eigener Boss ist.

Taylor Swift grüßt auf Deutsch

Swift ist zwar die Chefin eines Multimillarden-Unternehmens, gibt sich aber trotzdem gerne bescheiden. 58 000 Gäste jubeln ihr zu, als sie das Konzert um 19:40 Uhr mit „Miss America & the Heartbreak Prince“ eröffnet – ebenso viele werden auch am Donnerstag und Freitag in dem Stadion erwartet. Und natürlich sind auch alle weiteren Konzerte in Deutschland – wie im gesamten Rest der Welt – schon seit Ewigkeiten ausverkauft. „Schön, euch zu sehen!“, begrüßt sie das Publikum auf Deutsch. „Ihr gebt mir das Gefühl, so stark zu sein“, sagt sie und entschuldigt sich ausführlich, so lange nicht mehr in Deutschland aufgetreten zu sein.

Offenbar ist keine Entschuldigung nötig. Nicht nur die Fans, sondern auch der Ruhrpott haben Taylor Swift mit offenen Armen empfangen. Während sich die Massen seit dem Nachmittag auf den Wegen zum Stadion drängeln, kommen sie an Ortsschildern vorbei auf denen „Swiftkirchen“ steht. Denn drei Tage lang ist Gelsenkirchen nicht mehr Gelsenkirchen, sondern heißt mit bürgermeisterlicher Genehmigung Swiftkirchen. Und spätestens wenn man an den Sicherheitsschleusen in der Sonne auf Einlass wartet, stellt sich heraus, dass sich die Idee mit dem Glitzersakko gelohnt hat. „You look amazing“, du siehst toll aus, ruft jemand aus einem Auto mit belgischen Kennzeichen, der es irgendwie zwischen die Absperrungen geschafft hat. Und das Rot im Gesicht ist kein Sonnenbrand.

Die Welt braucht Vorbilder wie Taylor Swift

Trotz des schönen Wetters in Gelsenkirchen bleibt das Arena-Dach allerdings zu, was später die große Taylor-Swift-Show besser zur Geltung bringt. Für das Vorprogramm ist aber zunächst die US-Band Paramore zuständig. Es sei toll in einer Zeit zu leben, in der es Vorbilder wie Taylor Swift gibt, sagt Sängerin Hayley Williams, die mit ihrer Band auch den Talking-Heads-Song „Burning Down the House“ covert – und die, obwohl sie Taylor Swift verehrt, sich outfitmäßig für keine Era entschieden hat und lieber in Jeans und T-Shirt über die Bühne rennt.

Toll inszeniertes Spektakel

Zurvor sind im Vorprogramm der „Eras“-Tour zum Beispiel auch schon Haim, Phoebe Bridgers, Beabadoobee, Girl in Red, Gracie Abrams oder Sabrina Carpenter aufgetreten. Fast immer hat sie also zunächst anderen Frauen, die Bühne überlassen. Aber natürlich ist trotzdem Taylor Swift die Frau, auf die alle auch in Gelsenkirchen gewartet haben. Und sie feiert eine großartige Party, bei der die Karriere des größten Popstars auf diesem Planeten in einzelnen Kapiteln – den Eras – musikalisch nacherzählt wird. Das toll inszenierte Spektakel zwischen beeindruckender Lichtshow, furiosen Choreografien und verblüffenden Bühnenumbauten, zwischen Konfetti und Feuerfontänen lässt der 34-Jährigen allerdings wenig Spielraum für Variationen – nicht nur was die Nähe zu den Fans angeht.

Hit für Hit zeichnet Swift ihre Musikkarriere nach

Immerhin gibt es erstmals auf der Tour den Song „Superstar“ vom „Fearless“-Album live zu hören. Begleitet von einer Band, die unauffällig rechts und links von der Bühne versteckt ist, singt sie sich charmant-routiniert von Hit zu Hit, zeichnet ihre musikalische Entwicklung vom Country („Love Story“) über den Dancepop („Shake It Off“) zum Indiefolk („Cardigan“) nach, ist mal Partygirl, mal Cinderella, mal Waldfee, immer aber bleibt sie das All-American-Girl, das nette Mädchen von nebenan, das in ständig neuen Variationen Songs über das Verlieben und Entlieben schreibt, oder sich trotzig gegen Anfeindungen wehrt.

Selbst das Personal singt mit

Selbst die Menschen, die all jenen, den das kostenlos verteilte Wasser in der Arena nicht reicht, Getränke verkaufen, scheinen ausnahmslos Swifties zu sein. Auf die natürlich nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob sie tatsächlich für ihren Job bezahlt werde, nickt die Frau an der Kasse nur grinsend und singt weiter lautstark den Refrain von „Lover“ mit.

Und mittendrin steht man dann allein glitzernd unter Swifties, trägt das im Einklang zur Musik blinkende Armband, das einem am Eingang geschenkt wurde, und das goldene Sakko – und fühlt sich dann doch ein bisschen, wie jemand, der als einziger nicht mitbekommen hat, dass die Verkleidungsparty abgesagt wurde. Zumindest als Mann. Denn der Eras-Look scheint ein Frauending zu sein. Abgesehen von ein paar Jungs, die ihre rosa Cowboyhüte wahrscheinlich schon vor einem Jahr beim Harry-Styles-Konzert getragen haben, scheinen modische Bekenntnisse zu Taylor Swifts Lebensphasen nicht die Sache männlicher Fans.

Leuchten am Arm und in den Augen

Am nächsten Morgen blinkt das Taylor-Swift-Armband immer noch herrlich aufgeregt weiß, rot und blau. All die Swifties, die sich im Zug auf die Rückfahrt an ihre Heimatorte begeben, erkennt man gleichermaßen am Leuchten ihrer Plastikbänder und in ihren Augen. Das goldene Glitzersakko wandert aber erst einmal wieder hinten in den Schrank, bis zur nächsten Era und zur nächsten Tour Taylor Swifts.

Taylor Swift: Setlist vom Konzert am 17. Juli in Gelsenkirchen

Lover

  • Miss Americana & the Heartbreak Prince
  • Cruel Summer
  • The Man
  • You Need to Calm Down
  • Lover

Fearless

  • Fearless
  • You Belong With Me
  • Love Story

Red

  • 22
  • We Are Never Ever Getting Back Together
  • I Knew You Were Trouble
  • All Too Well

Speak Now

  • Enchanted

reputation

  • ...Ready for It?
  • Delicate
  • Don’t Blame Me
  • Look What You Made Me Do

folklore / evermore

  • cardigan
  • betty
  • champagne problems
  • august
  • illicit affairs
  • my tears ricochet
  • marjorie
  • willow

1989

  • Style
  • Blank Space
  • Shake It Off
  • Wildest Dreams
  • Bad Blood

THE TORTURED POETS DEPARTMENT

  • But Daddy I Love Him / So High School
  • Who’s Afraid of Little Old Me?
  • Down Bad
  • Fortnight
  • The Smallest Man Who Ever Lived
  • I Can Do It With a Broken Heart

Surprise Songs

  • Superstar/Invisible String
  • Slut/False Gods

Midnights

  • Lavender Haze
  • Anti-Hero
  • Midnight Rain
  • Vigilante Shit
  • Bejeweled
  • Mastermind
  • Karma

Im Rahmen der „The Eras“-Tour tritt Swift noch bis 19. Juli in Gelsenkirchen auf. Weitere Konzerte gibt es in München und Hamburg.