Wie viel Stuttgart steckt wirklich im neuen Tatort „Überlebe wenigstens bis morgen“? Wie realistisch ist die Handlung? Wir haben zugeschaut – und genau hingesehen.
Es ist viel besser geworden in den vergangenen Jahren – früher fuhren sogar die falschen Straßenbahnen durchs angebliche Stuttgarter Stadtbild. Diesmal kann man sich am Sonntagabend bei der „Tatort“-Folge „Überlebe wenigstens bis morgen“ ein Stück weit zurücklehnen und anerkennend nicken: „Ja, die Praxis ist wirklich an der Weinsteige.“ Das weniger an Aufregung über den Lokalitäten-Schmu mit Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) im Stuttgarter Tatort kann man nun also ganz in die Aufmerksamkeit für den Fall stecken – zumal auch endlich mit der in Bad Cannstatt geborenen Daniela Holtz als „M.“ endlich mal jemand ein Schwäbisch spricht, wie man es im Kessel leider immer seltener hört – und wie es eigentlich hierhin gehört.
Zur Handlung also: Ein Kernsatz im neuen Stuttgart-Tatort fällt in der 25. Minute des Films. „Ich weiß gar nicht, ob sie hier wirklich glücklich war. Sie hat immer gesagt: ,Alles ist gut.’ Immer.“ Es spricht hier die Mutter der toten Nelly Schlüter (Bayan Layla). Eine junge Frau stirbt in ihrer schönen Stuttgarter Altbauwohnung einen rätselhaften Tod. Und über Monate bekommt das niemand mit. Übrig bleibt ein ekliger Fleck im Parkett, eine Madenkolonie, die der Gerichtsmediziner untersucht, und Eltern, die nur an Weihnachten und Ostern wirklich Kontakt zu ihrem erwachsenen Kind hatten. Und ein Vermieter, für den die drängendste Frage zu sein scheint, wer denn nun für die Erneuerung des Parketts aufkommen wird. Und eine lange Liste Fragen. Denn niemand scheint Nelly wirklich gekannt und um ihre Einsamkeit gewusst haben.
Wer ist in Stuttgart besonders einsam?
Ist das möglich? Übertreibt der Tatort hier ein wenig? Kann es sein, dass das von Menschen in Berlin, München, Hamburg und Frankfurt als provinziell-beschaulich belächelte Stuttgart dann doch so sehr Großstadt ist, dass es deren Schattenseiten hat, man sich völlig unbemerkt bewegen kann – und aus dem Leben scheiden, ohne dass es jemand merkt?
Wer das mit „Nein“ beantwortet, hat es gut, denn dann ist das soziale Umfeld intakt, die Kontakte vielfältig, Abgründe nicht bekannt. Das ist zum Glück noch immer bei den allermeisten Stuttgarterinnen und Stuttgartern der Fall. Doch die Zahl derer, denen es nicht so geht, steigt. Das Statistische Amt der Landeshauptstadt hat erhoben, dass sich rund 58 000 Menschen einsam fühlen in der Stadt. Stark betroffen ist davon auch die Gruppe der 18- bis 27-Jährigen.
Deutschlandweit sind es laut einer Studie der Bertelsmannstiftung 51 Prozent, in Baden Württemberg rund ein Drittel der Menschen. Die Coronazeit, in der es leicht war, für Freunde und sogar Verwandte unsichtbar zu werden, gilt als ein Auslöser. Aber nicht der einzige: Auch das Verschieben der Realität in die Welt der sogenannten Sozialen Medien spielt eine Rolle. Siehe der aktuelle Tatort: ein Selfie mit glücklichem Blick, schon meint das Duo der Ermittelnden, die vor Monaten gestorbene junge Frau sei frisch verliebt gewesen.
Gespräche im Umfeld beweisen es „Ja, ich hatte auch mal drei Jahre lang eine Nachbarin, die hab ich kein einziges Mal gesehen, bis sie auszog.“ Oder: „Was, die hat ein Kind bekommen?“ Und: „Der Mann ist ausgezogen?“ Es ist nicht so selten, wie man meinen würde, dass im unmittelbaren Umfeld soziale Verschiebungen nicht mitbekommt.
Monatelang tot in der Wohnung – ist das in Stuttgart schon passiert?
Und kann das Symptom Einsamkeit zu Todesfällen führen, die lange Zeit unbemerkt bleiben? Das hat es in Stuttgart in der Tat schon gegeben. Aber weniger bei jungen Menschen, denn bei älteren. Zwei Tage lang lag im August 2023 eine Pflegeschülerin in einem Wohnheim an der Türlenstraße. Doch ihr Fehlen blieb nicht unbemerkt. Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus machten sich Sorgen. Doch zwei Tage lang hatte der später verurteilte Ex-Freund die Chance, sich zu verstecken – was ihm aber letztlich nichts nützte.
Gruselig, aber ohne Verbrechen dahinter, war ein Fall im Jahr 2019. Bei Stuttgart-Wangen fand eine Spaziergängerin einen menschlichen Schädel, die Polizei suchte und fand weitere Skelettteile. Eine DNA-Untersuchung ergab, dass es sich um einen 86-Jährigen Mann handelte, der einige Monate zuvor in Esslingen vermisst worden war. Die Ermittelnden gingen nach ihren Untersuchungen davon aus, dass er eines natürlichen Todes gestorben war.
Ähnlich ein Fall aus dem Jahr 2022. Damals wurde ein Skelett im Wald zwischen Fasanenhof und Autobahn gefunden. Die Obduktion ergab, dass es die sterblichen Überreste eines 37 Jahre alten Mannes waren und dass er – wie der alte Mann aus Esslingen – nicht gewaltsam getötet wurde.
Zum Sterben nach Thailand ins Zelt – was war der Grund?
Besonders bedrückend ist ein Fall aus dem Jahre 2015. Erst hatte ein Bauer in Thailand ein Skelett in einem Zelt in der Pampa gefunden. Es kam heraus, dass es sich um einen 34-jährigen Mann aus Stuttgart handelte, der an einer tödlichen Krankheit gelitten hatte. Er war quasi zum Sterben dorthin gegangen, so die Vermutung der Polizei. Die klingelte vergeblich bei den Eltern des Mannes in Stuttgart: Sie waren bereits seit gut acht Monaten tot. Das kam erst ans Licht, als die Polizei versuchte, sie zu erreichen. Die Spur führte zu einem verwilderten Gartengrundstück im Enzkreis. Dort waren die 65 Jahre alte Mutter und der 71-jährige Vater vergraben worden. Die Polizei kam zu dem Ergebnis, dass sie wohl der Sohn getötet hatte, um sie nicht allein zurückzulassen nach seinem Tod.
Was in all den benannten realen Fällen nicht geht: Rückblickend das Leben der Toten verstehen. Die Einsamkeit zu sezieren, mit all den Zwischenfällen zu erklären, die den Menschen in die Verzweiflung trieben – und Nelly im Fall „Überlebe wenigstens bis morgen“ in die Fänge des mysteriösen „Fischers“. Der leitet im Internet verzweifelten Menschen live beim Suizid an und sieht via Webkamera beim Sterben zu – des Rätsels Lösung ist eine monströse im jüngsten Stuttgarter Tatort.
Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.
Auch hier gibt professionelle Hilfe:
www.deutsche-depressionshilfe.de
Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33
E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de
Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)
Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
Wer hat den Tatort gemacht?
Die Schauspieler und Schauspielerinnen
Thorsten Lannert (Richy Müller) Sebastian Bootz (Felix Klare) Dr. Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) Elvira Möbius (Daniela Holtz) Nelly Schlüter (Bayan Layla) Fine Slowinski (Trixi Strobel) Yasemin Schlüter (Idil Üner) Henning Schlüter (Robert Kuchenbuch) Niclas Slowinski (Louis Nitsche) Felix Vietze (Malik Blumenthal) Christine Haller (Lana Cooper) Rike Singer (Melanie Straub) Lina Teismann (Leonie Wesselow) Romy Schlüter (Dalya Altan) Vermieter (Robert Besta)
Die Macherinnen
Buch: Katrin Bühlig Regie: Milena Aboyan