In betrieblichen Aktionen haben sich Beschäftigte der Chemieindustrie für höhere Löhne eingesetzt – zu Warnstreiks ist es dann doch nicht gekommen. Foto: dpa/Axel Heimken

Die Lohnerhöhung für die Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie steht fest: 6,85 Prozent in zwei Stufen. Ein anderes Element des Tarifabschlusses verdient noch mehr Beachtung.

Ohne Warnstreiks und kurz vor Ablauf der Friedenspflicht am 30. Juni haben Arbeitgeber und Gewerkschaft der chemisch-pharmazeutischen Industrie am Donnerstag einen Kompromiss erzielt. Demnach erhalten knapp 585 000 Beschäftigte in 1700 Betrieben über 20 Monate mehr Geld im Gesamtvolumen von 6,85 Prozent.

Zum 1. September werden die Gehälter um 2,0 Prozent und zum 1. April 2025 um weitere 4,85 Prozent bis Ende Februar 2026 angehoben. Die zweite Stufe kann in wirtschaftlichen Nöten verschoben werden. Bei roten Zahlen können dies zwei Monate Verschiebung sein, bei einer Nettoumsatzrendite unter drei Prozent ein Monat. Auf Basis einer Betriebsvereinbarung sind drei Monate Verschiebung möglich. Gefordert hatte die IG BCE sieben Prozent.

„Die Sozialpartnerschaft funktioniert auch in schwierigen Zeiten“

„Wir haben es wieder getan und uns in freien Verhandlungen geeinigt“, sagte ihr Vorsitzender Michael Vassiliadis. Es sei gelungen, „dass wir wieder einen Weg zur positiven Reallohnentwicklung gefunden haben, ohne die Unternehmen, in denen es im Moment Schwierigkeiten gibt, zu überlasten“. Katja Scharpwinkel, die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes BAVC, nannte den „hart erarbeiteten Kompromiss“ trotz des Inflationsdrucks und der negativen Geschäftsentwicklung der Branche „ein klares Zeichen, dass die Sozialpartnerschaft in diesen schwierigen Zeiten funktioniert“. Die Einigung biete der Branche Planungssicherheit und den Unternehmen Flexibilität, sagte ihr Verhandlungsführer Matthias Bürk.

Gewerkschaftliches Engagement wird stärker honoriert

Zur Stärkung der Sozialpartnerschaft wurde in Bad Breisig vereinbart, gewerkschaftliches Engagement stärker zu honorieren: Gewerkschaftsmitglieder erhalten von 2025 an einen freien Tag im Jahr zusätzlich. Für 10, 25, 40 oder 50 Jahre Mitgliedschaft gibt es im entsprechenden Jahr einen Ausgleich von einem weiteren Arbeitstag. So werde der ehrenamtlichen Tätigkeit als Gewerkschaftsmitglied Rechnung getragen.

Gewerkschaftsboni sind aufseiten von Arbeitgebern generell hochumstritten. Nun also der Durchbruch: „Dass wir den ersten Flächentarifvertrag mit einer solchen Regelung haben, finde ich phantastisch“, lobte Vassiliadis. Organisatorisch sei es so geregelt, „dass jedes Mitglied für sich entscheidet, ob es die Mitgliedschaft gegenüber seinem Arbeitgeber offenlegt und den Anspruch erhebt“, ergänzte sein Verhandlungsführer Oliver Heinrich. Er gehe davon aus, dass der Arbeitgeberverband alles daran setzen werde, „dass die Wertschätzung flächendeckend angewendet wird und nicht einzelne Arbeitgeber eigene Regelungen bauen“. Wenn versucht werde, das Thema zu umgehen, etwa weil die gesamte Belegschaft unabhängig von der Mitgliedschaft den freien Tag erhält, „wäre auf Dauer die Frage des gemeinsamen Miteinanders neu zu stellen“.

„Wir finden die schwarzen Schafe“

„Wir trauen uns, das zu machen – weil wir uns gegenseitig trauen“, sagte Vassiliadis. „Schwarze Schafe“, die die tarifliche Regelung nicht einhalten, seien auf beiden Seiten nicht gelitten. Und wenn es beim Missbrauch gar einen „Flächenbrand“ geben sollte, dann sei das Vorhaben gescheitert. Nach seinen Worten hat die Chemieindustrie „mit die höchste Tarifbindung in Deutschland“ – im Westen um die 82 und im Osten gut 70 Prozent. In den Betrieben organisiere die IG BCE „um die 35 Prozent“ der Belegschaften. Der Tarifabschluss „kann daher für die Arbeitgeber sehr teuer werden, weil wir ja mehr Mitglieder gewinnen wollen“, setzte er hinzu.