Vor den Informationstafeln zum Projekt herrscht Gedränge, wie hier in einer der Tunnelröhren. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt - Lichtgut/Christoph Schmidt

Drei Tage lang konnten Interessierte einen Blick hinter die Bauzäune der Stuttgart-21-Baustelle am Hauptbahnhof werfen. Ganze 64 000 Besucher zählten die Veranstalter.

StuttgartWer sich einen ersten Eindruck davon verschaffen möchte, wie die neue Gleishalle des Projekts Stuttgart 21 derzeit aussieht, muss Geduld mitbringen. Zur Freude der Betreiber der Catering-Wagen auf dem Gelände stehen die Neugierigen am Samstag meterweit Schlange, um einen Blick auf die Kelchstützen oder die Stahlgerüste für die kommenden Bahnsteige zu erhaschen. Bei zehn bis 15 Minuten Wartezeit vor dem Zutritt zum spannendsten Teil der Baustelle kommen die Rote Wurst oder die Portion Pommes sehr gelegen. „Wenn ich schon mal hier bin, dann will ich auch alles sehen“, motiviert sich ein Herr. Andere Besucher der Tage der offenen Baustelle winken ab und sehen sich anderweitig um. „So aufregend wird es nun auch wieder nicht sein“, vermutet ein 49-Jähriger und geht seiner Wege.

Die Motive für einen Besuch des künftigen Tiefbahnhofs sind vielfältig. Kritiker vergewissern sich, dass alles so fragwürdig weiterläuft, wie vermutet. Befürworter des Projekts informieren sich über Baufortschritte. Familien erfreuen sich an Angeboten, die Kinderaugen zum Leuchten bringen. Der sechsjährige Dennis sitzt in einem Baufahrzeug und schaufelt Kies. Ein Mitarbeiter steht ihm zur Seite. Der Prozentsatz an Baustellenpilgern, die die Öffnung im Sinne eines unterhaltsamen Events für Jung und Alt nutzen, ist hoch. Daneben sind aber auch Kenner auf dem Baugrund unterwegs, die den Experten vor Ort überraschend detaillierte Fragen zur Bautechnik stellen.

64­ 000 Besucher an drei Tagen

Mitarbeiterin Jennifer Löwe ist allen Fragen gewachsen. Umfassend informiert sie über die Herstellung der Kelchstützen und deren architektonische Feinheiten. Für den Übergang der Bauelemente zur Wand habe es vor Stuttgart 21 keine standardisierten Berechnungsmöglichkeiten am Computer gegeben, lässt sie wissen. Inzwischen habe man viel Erfahrung hinzu­gewonnen. Die Arbeiten gingen zügig voran. „Besonders schön ist das ja nicht“, teilt eine Dame ihrem Ehemann mit und deutet auf den Entwurf, der zeigt, wie die Gleishalle mit Stützen und integrierten Lichtaugen eines Tages aussehen soll. Sie stößt sich an den Gittern, die die Oberlichter fragmentieren. Andere Besucher loben den Schwung der Architektur. Das Interesse daran, sich ein eigenes Bild vom Baufortschritt zu machen oder sich vor Ort über Themen wie das Grundwasser­management und die Zukunft der Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie zu informieren, ist groß. Harald Andre, der vor dem Zugang am Planetarium projektkritische Broschüren verteilt, hat den Eindruck, die Mehrheit der Baustellen-Besichtiger sei keineswegs restlos überzeugt von Stuttgart 21. Doch Spannend finden die meisten die Großbaustelle durchaus, macht es den Eindruck. Am Samstagmittag haben bereits die ersten 2000 Neugierigen die künftige Gleishalle besucht. Trotz Wartezeit. Am Ende der drei Tage zählen die Veranstalter insgesamt 64 000 Besucher, im Jahr zuvor waren es noch 35 000.

Die Ausführungen zum Gleisbau für die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) sind ein Publikumsmagnet. Vor den Infotafeln zu den Kompensationsmaßnahmen in Sachen Umweltschutz herrscht Gedränge. „Guck mal: Der Juchtenkäfer!“ amüsiert sich ein junger Mann. „Ich hoffe einfach, dass sie hier irgendwann fertig werden“, seufzt ein grau melierter Herr. Ein 43-Jähriger, der eben ein Stuttgart-21-Malbuch erstanden hat, ist begeisterungsfähiger: „Ich bin beeindruckt“, bekennt er. „Die Ausmaße. Die Technologie. Ich denke, wir sollten stolz darauf sein, dass so ein Projekt in Stuttgart entsteht.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: