Norbert Gstrein Foto: dpa - dpa

LesART-Gast Norbert Gstrein erzählt in seinem neuen Roman „Die kommenden Jahre“ von einem Ehepaar in der Krise.

EsslingenDie Ehe der deutschen Schriftstellerin Natascha und des österreichischen Gletscherforschers Richard ist festgefahren. Die beiden stecken schon länger in einer handfesten Krise, die zu eskalieren droht, nachdem Natascha das Sommerhaus der Familie einer aus Damaskus geflüchteten syrischen Familie zur Verfügung gestellt hat. Es sind zwei grundverschiedene Charaktere, die Norbert Gstrein in seinem neuen Buch „Die kommenden Jahre“ (Hanser Verlag, 22 Euro) miteinander verheiratet hat: Hier die Kulturfrau, die Mitgefühl, Menschlichkeit und Nächstenliebe humanitär eifernd vor sich herträgt, ihr Gutmenschentum ausstellt und ihr Engagement für die Geflüchteten medienwirksam aufbereitet. Dort der Naturforscher, der als Kind zur Strafe in den Kühlraum eingesperrt wurde und als Erwachsener rein rational aufs Leben schaut. Obwohl im Alltag ein Zauderer und Hasenfuß, der sich vor jeder Verantwortung drückt, träumt Richard auf einer Vortragsreise in New York von einem Neubeginn als Aussteiger auf Neufundland und ist in Gedanken immer wieder bei Nataschas verstorbener Zwillingsschwester. Natascha nennt Richard „Eismann“ und wird im Gegenzug selbst als „Monster der Moral“ charakterisiert.

Mit dem Titel „Die kommenden Jahre“ verweist Norbert Gstrein auf das Älter- und Altwerden des Paares in der Midlife- und Beziehungskrise ebenso wie auf kommende gesellschaftliche, ökologische und politische Krisen: Der von Ängsten begleitete Umgang mit Flüchtlingen, die Klimaerwärmung, die Gletscherschmelze, eine drohende Apokalypse. Das alles ist in Norbert Gstreins gewohnt klare Sprache gefasst, raffiniert komponiert, in langen, eleganten Gedankenwendungen ausgearbeitet, streckenweise hübsch spöttisch und amüsant, aber auch melancholisch. Am Schluss hat der Leser die Wahl zwischen einem „Ende für Literaturliebhaber“, einem „anderen Ende“ und dem, „was wirklich geschehen ist“. Ob literarische Erzählungen tatsächlich für die Darstellung von Wahrheit oder Wirklichkeit taugen – diese Frage beschäftigt den 1961 in Tirol geborenen Norbert Gstrein in vielen seiner Erzählungen und Romane, in denen es nicht nur um die Komplexität des Lebens, sondern auch um deren Darstellung geht, um die Wirklichkeit und ihr Abbild, um Fakt und Fiktion. gw

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