Mit den neuen Elektrohybrid-Bussen ist man nicht mehr nur auf Oberleitungen angewiesen. Die Batterien reichen für 15 Kilometer, was den Ausbau des Streckennetzes erleichtert.Foto: Bulgrin Foto: Bulgrin - Bulgrin

Der Städtische Verkehrsbetrieb Esslingen (SVE) will innerhalb von zehn Jahren den Anteil an elektrisch betriebenen Bussen im öffentlichen Nahverkehr von derzeit 21 auf 63 Prozent erhöhen. Dadurch würden der Esslinger Norden sowie die Strecken nach Zell und Obertürkheim in das Netz elektrisch betriebener Busse eingebunden. Das würde in einigen Bereichen auch ohne Oberleitungen funktionieren, denn die neuen Elektrohybrid-Busse können etwa 15 Kilometer im Batteriebetrieb fahren.

Von Christian Dörmann

Für ihre Pläne brauchen Stadtverwaltung und Verkehrsbetrieb die Zustimmung des Gemeinderats, und dafür warb gestern Oberbürgermeister Jürgen Zieger während eines Pressegesprächs. Wenn etwa an der Grabbrunnenstraße in Esslingen hohe Stickoxidwerte gemessen würden, dann gelte es zu handeln und nicht nur zu reden, betonte der OB. Die weitere Elektrifizierung des Busnetzes in der Stadt hält er für ein innovatives und zukunftssicheres Betriebskonzept und auch der für den Nahverkehr zuständige Bürgermeister Ingo Rust erkennt in den Plänen eine nachhaltige Fortentwicklung des Verkehrsbetriebs: „Mit der Umsetzung der Ausbaupläne wird der SVE zum reinen Elektrobus-Betrieb und damit zum Modellunternehmen in Zeiten des Klimawandels.“
Eigentlich ist der Landkreis für die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs zuständig, doch für ihre Spezialität Elektrobus-Verkehr muss die Stadt Esslingen selbst aufkommen. Und das bedeutet mit Blick auf die Ausbaupläne von 2018 an jährlich 78 000 Euro Mehrkosten für Personal sowie 185 000 Euro pro Jahr für die Infrastruktur, wozu auch neue Oberleitungen gehören. Nicht eingerechnet ist die Anschaffung neuer Elektrohybrid-Busse. Über zehn davon verfügt der SVE bereits, 15 weitere sind nötig, um in zehn Jahren 63 Prozent des Stadtverkehrs elektrisch abdecken zu können. Jeder Bus kostet etwa 900 000 Euro.

15 Kilometer ohne Fahrdraht

Mit den Buslinien 101, 118 und 113 sind derzeit etwa 21 Prozent des Stadtbusverkehrs elektrifiziert, wobei eine Kapazitätserweiterung um 42 Prozent nicht bedeutet, dass im gleichen Maß neue Oberleitungen gebaut werden müssen. Denn dank der Elektrohybrid-Technik sind die Busse nicht nur auf die Drähte angewiesen, sondern schaffen etwa 15 Kilometer mit Batteriestrom. Auf diese Weise können dann auch der Esslinger Norden, Mettingen und Zell angeschlossen werden, ohne dass überall neue Oberleitungen entstehen.
All diese Überlegungen finden vor dem Hintergrund einer noch nicht gänzlich geklärten Situation statt. Denn gemäß einer neuen EU-Verordnung musste sich auch der SVE einem europaweiten Wettbewerb um die Vergabe des Esslinger Stadtverkehrs stellen (die EZ berichtete). Das zuständige Regierungspräsidium hat dem SVE dann im Januar den Zuschlag erteilt, wogegen private Mitbewerber wie Schlienz, Fischle, Schefenacker oder Ruoff aus Waiblingen Widerspruch eingelegt haben.

Für Private bleibt weniger übrig

Wie bekannt, betreiben Schlienz, Fischle und Schefenacker seit vielen Jahren knapp die Hälfte des Busverkehrs in der Stadt und sorgen sich um ihre Existenz für den Fall, dass sie am Ende leer ausgehen. Im Regierungspräsidium (RP) werden die Widersprüche derzeit geprüft. Sollten die Unternehmen mit dessen neuerlicher Entscheidung nicht einverstanden sein, können sie klagen. Dieses Verfahren kann bis zu einem Jahr dauern. Bleibt es beim SVE als Nahverkehrsbetreiber, dann hat dieser wie bisher schon die Möglichkeit, einen Teil der Verkehrsleistung nach strengen Kriterien an private Betriebe zu vergeben. Nach den aktuellen Plänen blieben für die Privaten aber nur noch 37 Prozent übrig, weil der SVE den Elektrobus-Betrieb wegen der technischen und betrieblichen Erfordernisse allein stemmt und damit in zehn Jahren 63 Prozent aller Strecken selbst bedienen will.
Bürgermeister Ingo Rust ist zuversichtlich, dass das Regierungspräsidium die Widersprüche der Privaten zurückweist und damit die Entscheidung bestätigt, den Esslinger Busverkehr in städtischer Hand zu belassen.

Weniger Schadstoffe und Lärm

  • Klimaziel: Die Esslinger Stadtverwaltung hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) um 25 Prozent zu senken. Ein Baustein auf diesem Weg soll die weitere Elektrifizierung des öffentlichen Busverkehrs in Esslingen sein.
  • Kohlendioxid: Bei einem Anteil von 63 Prozent Elektrobusverkehr rechnet die Verwaltung mit einer Einsparung von 2561 Tonnen CO2 pro Jahr.
  • Stickstoffoxid: Ebenfalls bei 63 Prozent Elektrobusanteil im städtischen öffentlichen Nahverkehr prognostizieren die Fachleute einen Rückgang von 511 Kilogramm NOX jährlich.
  • Lärm: Ein Elektrobus verursacht erheblich weniger Lärm für Fahrgäste und Anwohner als ein Dieselfahrzeug. Zudem erhöht sich der Fahrkomfort durch ein ruckfreies Anfahren und Bremsen.
  • Diesel: Ein Gelenk-Dieselbus kommt bei einem Berganstieg auf einen Verbrauch von 50 und 60 Liter Dieselkraftstoff pro 100 Kilometer.

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