Strahlengewölbe hinter elektrifiziertem Kreuz: Eine gotisch-expressionistische Rosettenexplosion überstrahlt den Taufstein. Foto: Ines Rudel

Die Esslinger Südkirche, 1926 eingeweiht, ist ein außergewöhnliches Beispiel expressionistischer Sakralarchitektur. Sie will Sinnlichkeit und Spiritualität, Gottesdienst und Gemeinschaftserlebnis vereinen.

Romanik, Gotik, Renaissance – eingeführte Stilepochen, auf die seit alters auch der Heilige Geist hört. Dass er eine jüngere, expressionistische Seite hat, ist weniger bekannt: Eher marginal ist die Zahl der Sakralbauten, die speziell dieser Architektur des Aufbruchs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verpflichtet sind. Eine der Raritäten ist die Esslinger Südkirche, deren Lage am Hang zunächst einmal die Luther’sche Metapher von der „festen Burg“ in der Pliensauvorstadt backsteinerne Wirklichkeit werden lässt: mit massiven Klinkerwänden und einem trutzigen Bergfried als Kirchturm. Aber dieses Gotteshaus ist beileibe keine architektonische Kostümierung, sondern authentischer Ausdruck dessen, was Kirche ausmacht: Spiritualität, Liturgie, Gemeinschaft. Und das in einer eigenständigen, neuen und stilistisch homogenen Sprache der Bauformen.

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Durchgestylt

Die zementverfugten Backsteinraster verpassen dem äußeren und teilweise inneren Erscheinungsbild einen geradezu textil anmutenden Einheitslook – als habe die Südkirche ein einheitlich gemustertes Leibchen an. Solches Gleichmaß im gestalterischen Großen und Ganzen, etwa in der Harmonie der Raumproportionen, wiederholt sich in etlichen aufeinander bezogenen Details. Zum Beispiel finden sich die „christologischen“ Buchstabensymbole der Glasfenster – etwa das Christusmonogramm X und P – auf der Altarabsperrung wieder: hier in Erz gegossene Glaubensbekundung, dort Verwandlung des Außenlichts in milde Farbakkorde, die bunte Lichtsymphonien auf den Fußboden zeichnen. Von den Art-déco-Lampen bis zu den schweren Deckenbalken, von den „Mühseligen und Beladenen“ des Hauptportalreliefs von Dorkas Reinacher-Härlin bis zu den schmerzverkrampften Körpern von Maria Eulenbruchs Kreuzigungsgruppe über dem Altar ist alles abgestimmt, Stilvarianz ohne Stilbruch: ein konsequentes Gesamtkunstwerk oder, wie Mesner Dirk Michael sagt: „komplett durchgestylt“.

Wann und warum

Die 1926 eingeweihte Südkirche ist im Wesentlichen ein Werk Martin Elsaessers, des Architekten der Stuttgarter Markthalle (1914). Die Pläne für den Sakralbau reichen in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurück, in eine schnell wachsende, mittelständisch geprägte Pliensauvorstadt. Konkreter wurden sie erst nach dem Krieg, nun mit Elsaesser, der alternativ eine große oder eine kleine „Volkskirche“ vorschlug – man dachte dabei an ein modernes Pendant zur gotischen Esslinger Bürgerkirche, der Frauenkirche am gegenüberliegenden Neckartalhang. Elsaessers Großprojekt für über 3000 Gottesdienstbesucher war bald vom Tisch, man entschied sich für die abgespeckte Variante mit 927 Sitzplätzen. Der Architekt selbst wurde 1925 Leiter des Frankfurter Hochbauamts und konnte die Realisierung seines Esslinger Projekts nicht mehr selbst leiten.

Sinnlicher, emotionaler, sakramentaler

Reform der Reformation

Architektur geworden ist in der Südkirche der Zeitgeist von Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel, denen der erste Südkirchenpfarrer Otto Riethmüller mit seiner Begeisterung für die kirchliche Jugendarbeit und das gemeinsame Singen einige Inspiration verdankt. Auch die ästhetischen Reformideale zwischen spätem Jugendstil und Bauhaus – also die europaweite Aufwertung des Kunstgewerbes, die Identität von Schönheit und Funktion, die neue und bisweilen monumentale Einfachheit – spiegeln sich in der Esslinger Südkirche. Den sakralen Fokus gab die Liturgische Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg vor: Ihr ging es um das sinnlich-emotionale Gemeinschaftserlebnis im Gottesdienst, um die Anknüpfung an gemeinsame sakramentale Traditionen mit der katholischen Kirche, um eine neue Mystik, eine neue religiöse Kunst, eine Reform des in Württemberg seit der Reformation geltenden Predigtgottesdiensts. Die Südkirche bringt Wort und Sakrament in eine Art räumliche Ökumene – getrennt, aber in geistlicher Koexistenz, sakrale Arbeitsteilung als Raumteilung in Predigt- und Feierkirche, mit dem Altar als Brücke und Bindeglied.

Auf der Durchreise durch die irdische Zeit

Höhle und Bahnhofshalle

Die „Verkehrskathedralen“ des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts – die großen Bahnhöfe etwa in Mailand, Paris oder New York – tragen ihren Spitznamen nicht zu Unrecht, haben sie sich doch eklektizistisch bei allerlei historischer Sakralarchitektur bedient. In den 1920er Jahren kehrt sich die (h)eilige Allianz von Mobilität und Religion um, jetzt entstehen Kirchenbauten mit der Anmutung von Bahnhofshallen. Auch der Esslinger Südkirche in der Pliensauvorstadt eignet solche Wirkung: Die große, rechteckige Predigtkirche mit ihren nüchternen Backsteinwänden – für die Masse berechnet, auch wenn’s nur 927 statt 3000 sind, bahnhofshallenartig, ein Transitraum (dies ist vielleicht überhaupt der Anknüpfungspunkt an die profane Mobilität: Auch das Gottesvolk befindet sich stets auf der Durchreise, nur eben durch die irdische Zeit). Ein Raum von „nicht vorwiegend sakralem Charakter“, schrieb der Architekt Martin Elsaesser selbst über sein Werk, stilistisch eher nach Neuer Sachlichkeit lotend. Der Expressionismus bleibt der kleineren, intimen Feierkirche überlassen, ein paar Stufen tiefer gelegt, backsteinfrei und kreisrund, zartbunt beleuchtet durchs diffuse Licht der Glasfenster: Krypta, Höhle, mystischer Uterus; „weiblich“ im Unterschied zur „männlichen“ Predigtkirche, so man zugesteht, dass der damalige Geist der Psychoanalyse wehte, wo er wollte, unter Umständen sogar in der Kirche. Dann der absolute Flash: das Strahlengewölbe, eine konzentrische Rosettenexplosion, eine gotisch-expressionistische Supernova über dem Ort des christlichen Initiationssakraments, dem Taufstein. Was für eine Konstellation für den Eintritt ins neue Leben!

Unterwegs in der Region

Serie
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Adresse
Die Esslinger Südkirche liegt in der Pliensauvorstadt, Spitalsteige 3. Parkplätze sind kaum vorhanden. Der Fußweg vom Esslinger Bahnhof dauert rund 15 Minuten, die nächstgelegene Bushaltestelle ist Pfeifferklinge.

Führungen und Gottesdienste
Die Südkirche ist außer bei Gottesdiensten und Führungen geschlossen. Gottesdienste beginnen sonntags um 9.30 Uhr. Die nächste öffentliche Führung findet statt am Tag des Offenen Denkmals, 11. September, 11 Uhr. Außerdem können Führungen unter 0711/39 69 73 42 vereinbart werden. Aktuelle Termine finden sich auf der Homepage.

Weitere Informationen online unter:
www.stadtkirchengemeinde-esslingen.de