Der scheidende Oberbürgermeister stellt sich zum Abschied ein gutes Arbeitszeugnis aus. Man wird genau hinschauen müssen, um das Erreichte zu sichten und das Versäumte zu benennen, findet Lokalchef Jan Sellner.
Stuttgart - In Fritz Kuhn rumort es. Der Vorwurf, Stuttgart nicht vorangebracht zu haben, setzt dem noch bis 6. Januar amtierenden Oberbürgermeister erkennbar zu. „Kuhn hat zu wenig gemacht“ ist der Grundton in Teilen der Stadt. Und es war der Grundton des OB-Wahlkampfs. Fast alle Kandidatinnen und Kandidaten hatten in ihren Bewerbungen den „Stillstand“ in Stuttgart beklagt und Besserung versprochen.
Kuhn hat während des Wahlkampfs dazu vorschriftsgemäß geschwiegen. Wie schwer ihm das gefallen sein muss, zeigt seine Wortmeldung vom Donnerstag. Ausführlich zog er eine Bilanz seiner Arbeit, listete Projekte aller Art auf, vom Klimaschutz-Programm bis zum Rückkauf der Villa Berg. Nur das Projekt Bürgernähe fehlte. Es war der Versuch, seine Amtszeit in ein besseres Licht zu rücken und die Deutungshoheit zu erlangen. Aus Sicht Kuhns waren es „gute acht Jahre“.
Richtig entschieden, falsch kommuniziert
Die Bewertung all dessen wird mit etwas Abstand erfolgen. Man wird auf jeden Fall genau hinschauen müssen, um das Erreichte zu sichten und das Versäumte zu benennen. Sicher ist: Unter Kuhn wurde manches begonnen, von dem man heute noch nicht sagen kann, was einmal daraus wird. Deshalb waren die meisten Beobachter auch davon ausgegangen, dass er trotz seiner 65 Jahre eine zweite Amtszeit anstreben wird. Bekanntlich kam es anders. Kuhn hat richtig entschieden, aber falsch kommuniziert, nämlich zu spät – ausgerechnet er, der Stratege. Auch wenn das die Grünen-Niederlage alleine nicht erklärt.
Dem scheidenden OB ging es ums „Säen“, wie er in seiner Bilanz betonte. Rein politisch gesehen, geht die Saat nicht auf. Kuhn hinterlässt eine Stadt, in der wieder die CDU den Oberbürgermeister stellt.
jan.sellner@stzn.de