Die zwei Punks und ihre Drum Machine sind zurück: Twin Noir über Pandemie, Pachuca, Punk, Proberäume – und warum die Kultur in Stuttgart mehr Freiräume braucht.
Sie haben im Jugendhaus Degerloch ihre ersten Punkkonzerte gesehen, in Stuttgarter Clubs aufgelegt, in Proberäumen zwischen Neckar und Weinbergen an Songs geschraubt – heute spielen sie in Mexiko vor ekstatischen Fans und laufen bei der BBC in der Sendung von Iggy Pop. Twin Noir, das sind Ian Volt und Cody Barcelona, zwei Musiker aus Stuttgart, die sich und ihren Sound in Berlin gefunden haben – und deren Mischung aus Punk-Attitüde und Club-Energie international funktioniert. Das konnte man auch schon bei ihrem Auftritt mit DAF in der Stuttgarter Staatsgalerie miterleben. An diesem Freitag erscheint ihr großartiges Album „Chapter 3“.
Sensationell vermengen sie Industrial und Postpunk, EDM und Wave, inszenieren Songs wie „Stimmen“, „Niemals nie“ oder „Fliegen“ mit knurrigen Bassläufen, fiesen Gitarren, unwiderstehlichem Elektrobeat und hypnotisch-monotonem Gesang („Wir wollten nie so ein wie sie/Alles nur nicht sein wie sei“). Im Gespräch erzählen sie von wenig Geld und viel Energie, ihrer Flucht nach Mexiko und verraten, was Stuttgart von Berlin lernen könnte.
Ihr kommt ursprünglich aus Stuttgart, lebt in Berlin, wart aber mitten in der Pandemie plötzlich in Mexiko. Wie kam es dazu?
Ian Volt: Wir wollten einfach nur spielen. Ich hätte dieses Kellerloch-Wärmen nicht mehr ausgehalten. Nur im Keller sitzen und produzieren – das ging nicht.
Cody Barcelona: Wir waren von Anfang an pandemiegeplagt. Wir haben probiert, gemacht, getan – aber du konntest ja nicht auftreten. In Deutschland ging nichts, da zu diesem Zeitpunkt bereits der zweite Lockdown eingesetzt hatte und keiner absehen konnte wie lange er diesmal dauert.
Ian: Unsere ersten Shows waren unter anderem in München, zwei, drei Gigs – und dann direkt Mexiko.
Ihr seid also geflohen?
Ian: Ja. Wir sind während der Pandemie abgehauen, weil wir wussten: Da gibt es keinen zweiten Lockdown.
Cody: Ich weiß noch, ein Freund in Mexiko meinte, der Lockdown ist vorbei. Und bei uns war schon der nächste angesagt. Also sind wir weg. Wir wollten spüren, ob das, was wir da machen, auch live funktioniert.
Ian: Man verzichtet viel in dem Moment für die Kunst. Aber wir wollten das machen.
Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: Das funktioniert nicht?
Cody: Nein. Keine einzige Sekunde.
Ian: Im Gegenteil. Die Musikszene dort war total begeistert – vor allem, weil wir auf Deutsch singen. In Mexiko haben wir gemerkt: Wenn wir international spielen wollen, brauchen wir kein Englisch. Wir können einfach auf Deutsch weitermachen.
Cody: Und mehr wir sein.
Twin Noir sind ein Duo – ohne Schlagzeuger. War das eine ästhetische oder eine pragmatische Entscheidung?
Cody: Beides. Ich habe irgendwann durchgerechnet – ein Drummer hätte in unserer Konstellation 62 Prozent des Budgets gefressen. Das war ein absolutes No-Go.
Ian: Aber es ist nicht nur das Geld. Es sind die zwei Charaktere, die da aufeinandertreffen. Mit Twin Noir haben wir unseren Weg entwickelt – und dann passiert es von alleine.
Cody: Wir wollten klein bleiben. Wenig Produktionskosten. Wir hatten teilweise 100 Euro Gage für einen Gig. Davon sollten wir beide hin und zurückkommen. Wenn dann noch ein Halloumi im Brot drin war, war es super.
Wie beschreibt ihr euren Sound selbst?
Cody: Twin Noir ist die rohe Live-Gewalt mit Drum Machine.
Ian: Es gibt keine Effekthascherei. Wenn wir acht bis zwölf Spuren haben, ist das viel. Wir committen uns. Der Sound, den wir live erzeugen, ist der Sound.
Und wie entstehen eure Songs?
Cody: Unterschiedlich. Manchmal dauert es Wochen, manchmal 30 Minuten. Beim Song „Ostkreuz“ hat die Hauptsession vielleicht eine halbe Stunde gedauert.
Ian: Du hast eine Stimmung im Raum, ein Riff, eine Atmosphäre. Und plötzlich siehst du Bilder, Textzeilen entstehen. Und live verändert sich alles noch mal. Du weißt nie hundertprozentig, wie ein Song auf der Bühne wirkt. Manchmal wird ein vermeintlich ruhiger Track plötzlich zum Tanzsong.
In Mexiko habt ihr sehr intensive Momente erlebt.
Cody: Pachuca. Bergstadt. Eiskalt. 50 Leute, fünf Bands. Wir spielen als Letzte. Es gab keine Bühne, nur eine Floor-Show. Drei, vier Lichter hinter uns.
Ian: Wir wussten nicht, was passiert.
Cody: Und dann bricht die Hölle los. Leute werfen mit Anoraks, drehen komplett durch. Ein älterer Mann steht vor mir, Tränen in den Augen. 40 Minuten Ausnahmezustand.
Ian: Danach kamen drei Jungs mit einer Tape-Maschine. Sie sind 250 Kilometer gefahren, weil seit 15 Jahren kein internationaler Act mehr in dieser Stadt war.
Cody: In dem Moment merkst du: Das ist mehr als nur ein Gig. Du merkst, wie krass emotional das sein kann für Leute. Wie wichtig das ist.
Ihr habt mehrfach in England gespielt und immer wieder draufgezahlt. Warum?
Cody: Weil wir England knacken wollen. Und wir wollen es auf Deutsch knacken. Wir waren drei-, viermal drüben. Immer die Nase angehauen. Finanziell lohnt es sich zumindest nicht.
Aber dann kam dieser Moment mit der BBC …
Cody: Ein Typ war auf einem unserer London-Gigs, meinte, er arbeitet bei der BBC. „Ich würde euch gern spielen.“ Wir dachten: Ja, klar. Und dann klingelt irgendwann das Telefon: „Schalt mal um 16 Uhr BBC ein.“
Ian: Und dann läuft Iggy Pop. Nicht nur ein Song – er stellt uns vor, spielt zwei Tracks, redet über uns.
Cody: Wenn dich jemand wie Iggy Pop beim Namen nennt – das ist verrückt.
Ihr habt beide eine starke Stuttgarter Sozialisation. Wie wichtig war das?
Ian: Sehr. Ich habe im Jugendhaus Degerloch mein erstes Punk-Konzert gesehen. Das war ein selbstverwaltetes Haus. Solche Freiräume sind entscheidend.
Cody: Wir waren in der Punk-Szene, gleichzeitig in der Clubkultur. DJ-Jobs, Visuals, Bands. Diese Fusion aus Club und Punk kommt sicher aus Berlin – aber auch aus Stuttgart.
Was könnte Stuttgart von Berlin lernen?
Cody: Räume öffnen. Wenn es keine Räume gibt, in denen Subkultur stattfinden kann, stirbt sie. Gatekeeping ist der Tod für jegliches Wachstum.
Ian: In Berlin gab es historisch einfach mehr Freiräume. Aber auch hier wird es schwieriger. Ateliers, Proberäume – alles teuer.
Cody: In Stuttgart zahlst du 20 Euro pro Quadratmeter im Proberaum. Wie willst du das finanzieren, wenn du in der Ausbildung bist?
Ian: Wichtig ist nur, dass es Räume gibt. Für junge Leute. Für Subkultur. Für Experimente.
Cody: Am Ende ist es ganz einfach: Take a chance. Einfach machen.
Gab es von Anfang an einen Plan?
Cody: Nein. Kein Marketing-Konzept. Kein Masterplan. Es war go with the flow.
Ian: Wir hatten keinen großen Investor, kein Label. Viel ist organisch entstanden.
Cody: Wir sind maximal ehrlich aus uns selbst heraus. Ich glaube nicht, dass wir Twin Noir spielen. Ich glaube, Twin Noir sind wir.
Ian: Und die Leute im Ausland beschäftigen sich wirklich mit den Texten. In Mexiko kannten 20-Jährige DAF. Sie verstehen den Kontext.
Cody: Diese Fantasie, die beim Schreiben entsteht, wird plötzlich Realität. Menschen nehmen das auf. Das ist ein krasses Gefühl.
Ihr habt inzwischen rund 150 Konzerte gespielt. Was lernt man dabei?
Ian: Spannung halten. Dynamik im Set. Einer geht zurück, der andere nach vorne. Das ist auch Theater.
Cody: Und du lernst Demut. Wenn du in einer spanischen Bar vor 15 Leuten spielst, dann musst du diese 15 Leute zur Party bringen.
Ian: Und manchmal explodiert es. In einer Feuerwehr-Garage im Baskenland. Oder mittwochs in einer Kneipe.
Wie geht es weiter?
Ian: Eine Band hat einen Sound. Und der darf sich entwickeln, ohne sich zu verlieren.
Cody: Wir wollen uns weiterentwickeln. Nicht stehenbleiben. Aber keine Sorge, wir werden kein Jazz-Album machen.
Twin Noir auf Tour: Termine 2026
- 27.02.2026 GER - Hannover - Subkultur
- 28.02.2026 GER - Bremen – Lila Eule
- 05.04.2026 GER - Bischofswerda, Dark East Festival
- 10.04.2026 GER - Jena - Rosenkeller
- 11.04.2026 GER - Trier - Mergener Hof
- 25.07.2026 GER - Köln - Amphi Festival
- 02.10.2026 GER - Stuttgart - Wizemann
- 15.10.2026 ITA - Torino - Ziggy Club
- 16.10.2026 ITA - Prato - Monsters A-Live Club
- 17.10.2026 ITA - Caserta/Neapel - Lizard Club
- 23.10.2026 GER - Hamburg - Hafenklang
- 24.10.2026 DK - Copenhagen - Råhuset
- 27.11.2026 GER - Essen - Grend
- 28.11.2026 GER - Rüsselsheim - Das Rind
- 11.12.2026 GER - Chemnitz - Aaltra
Weitere Infos und Tickets gibt es hier.
Twin Noir: Von Stuttgart nach Berlin
Cody Barcelona und Ian Volt waren lange in der Stuttgarter Szene aktiv, bevor sie nach Berlin zogen, um Twin Noir zu gründen. 2023 erschien ihr Debüt „2 punks and a tape machine“, 2024 veröffentlichten sie den Nachfolger „Chapter 2“. Seit Freitag, 27. Februar, ist das dritte Album erhältlich: „Chapter 3“ (Odyssey Music Network/H’Art).