Wer am Impostor-Syndrom leidet, zweifelt seine eigenen Fähigkeiten an. Auch die Stuttgarterin Mara Felzen hatte ständig das Gefühl, sich ihre Erfolge nicht verdient zu haben. Wie geht sie damit um?
Als Mara Felzen im Oktober 2022 ihren Master Medienmanagement in Stuttgart beginnt, begleitet sie ein Gedanke: Ich gehöre hier nicht hin. „Ich habe mir die Frage gestellt: Warum habe gerade ich eine Zusage bekommen, die anderen Studierenden sind doch viel besser?“ Die eine sei bei einem großen Konzern angestellt gewesen, die andere war selbstständig. Da fange man an, sich zu vergleichen.
Mit den Zweifeln kam der Druck, bessere Leistungen zu erbringen und auch wenn sie rational gewusst habe, was sie könne, habe sie immer die Sorge begleitet, dass ihr jemand sagt: Sie können das ja gar nicht. „Je mehr Jobs ich hatte, je häufiger ich mit talentierten Menschen zusammengearbeitet habe, desto größer wurde die Sorge aufzufliegen“, erzählt Mara Felzen. Was die 25-Jährige beschreibt, kennen auch Michelle Obama und Emma Watson. Jodie Foster rechnete 1989 bei ihrer ersten Oscar-Verleihung damit, dass jeden Moment jemand die irrtümliche Preisvergabe aufdecken würde und den Oscar zurückfordert.
Nicht nur beruflich erfolgreiche Menschen sind betroffen
Menschen mit dem Impostor-Syndrom, auch als Hochstapler-Phänomen bekannt, beziehen ihren beruflichen Erfolg nicht auf ihre eigene Leistung, sondern auf andere Umstände wie Glück, ihre umfangreiche Vorbereitung oder Sympathie. Dabei findet sich das Impostor-Syndrom nicht nur im Zusammenhang mit dem Job. „Die meisten Imposter, die ich kenne, hatten nicht nur ein Problem in der Schule und im Beruf, sondern das erstreckte sich auf den Freizeitbereich, auf die Freundschaften, die Partnerschaft und auch auf die Kindererziehung“, sagt Andreas Jähne, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura.
Beim Impostor-Syndrom handelt es sich nicht um eine psychische Krankheit, sondern um ein psychologisches Phänomen. Wie viele Menschen davon betroffen sind, ist nicht hinlänglich erforscht. Laut einer Analyse der thailändischen Psychologin Jaruwan Sakulku und ihrem australischen Kollegen James Alexander machen etwa 70 Prozent aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben Bekanntschaft mit dem Phänomen.
Mehr als Minderwertigkeitsgefühle
Michelle Obama sagte in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“: „Ich musste hart dafür arbeiten, die Frage zu überwinden, die ich mir immer stelle: Bin ich gut genug?“ Und auch die Schauspielerin Emma Watson, die unter anderem für ihre Rolle in den Harry Potter Filmen bekannt wurde, sagte 2013 in einem Interview mit dem Rookie Magazin, dass sie sich umso unzulänglicher fühle, je erfolgreicher sie sei, weil sie denke: Jeden Moment wird jemand herausfinden, dass ich eine totale Betrügerin bin und dass ich nichts von dem verdiene, was ich erreicht habe.
Obwohl dieses Phänomen sehr häufig zu beobachten ist und seit etwas vierzig Jahren erforscht wird, haben viele Betroffene noch nie etwas davon gehört und verwechseln ihre Gedanken mit reinen Selbstzweifeln oder Minderwertigkeitsgefühlen. Erstmals beschrieben wurde das Phänomen 1978 von Pauline Clance und Suzanne Imes. Die US-amerikanischen Psychologinnen bemerkten, dass sich Studentinnen an ihrer Fakultät trotz guter Leistungen minderwertig gegenüber ihren Studienkolleginnen und -kollegen fühlten. Sie kannten dieses Gefühl von sich selbst und fingen an, Studentinnen und Akademikerinnen zu befragen.
Frauen sind häufiger betroffen – auch aufgrund ihrer Sozialisierung
Mittlerweile ist bekannt, dass auch Männer das Phänomen kennen – oft aber weniger darüber sprechen. Warum Frauen häufiger betroffen sind, ist nicht eindeutig erforscht. Andreas Jähne vermutet, dass Frauen anders sozialisiert werden, es schwerer in den höheren Stufen ihrer Karriere haben und generell in vielen psychiatrischen Erkrankungen eine höhere Erkrankungshäufigkeit haben als Männer.
Auch die Ursachen für das Impostor-Syndrom sind noch nicht ganz klar. „Was man immer wieder hört, ist, dass die Menschen aus einem Elternhaus mit leistungsorientierter Erziehung kommen“, erklärt Andreas Jähne. Der Leistungsdruck müsse aber nicht von den Eltern kommen, oft würden sich den die Betroffenen selbst machen. Betroffen seien Menschen, die klug und ehrgeizig seien und daran arbeiten, alles zu erreichen – und das mit einem Anspruch, der in Perfektionismus umschlagen könne.
Lob? Damit kann nicht ich gemeint sein
Gerade Vorreiter und Vorreiterinnen haben besonders mit der Hochstapler-Gefühlen zu kämpfen: Menschen, die als erstes studieren, Schwarze und Menschen mit Migrationshintergrund. Mara Felzen ist in ihrer Familie die Erste, die studiert. „Meine Eltern haben mir nie Druck gemacht. Ich habe mir schon früh Ziele gesetzt und möchte, jetzt wo ich so viel Zeit und Arbeit in das Studium und den Job investiere, auch etwas erreichen. Es kann gut sein, dass dadurch der Druck entstanden ist“, erklärt sie.
Lob und Anerkennung führt bei Menschen mit dem Impostor-Syndrom nicht zu mehr Selbstvertrauen, sondern zu mehr Zweifeln und dem Druck, noch bessere Leistungen zu erbringen. Sie gehen davon aus, dass die positive Rückmeldung, Auszeichnungen und Beförderungen nichts mit der eigenen Leistung zu tun haben. Vielmehr fühlen sie sich durch die Erfolge wie Betrüger. „Menschen mit dem Impostor-Syndrom beziehen Erfolge auf Andere und Misserfolge auf sich selbst. Nach dem Motto: Jetzt habe ich den Beweis dafür, dass das eintritt, wovor ich immer Angst habe. In der Regel trifft sie Misserfolge viel härter als jemanden mit einem stabilen Selbstwertgefühl“, sagt Andreas Jähne.
Einstellungen hinterfragen und relativieren
„Seit das Impostor-Syndrom für mich einen Namen hat und ich weiß, dass es auch anderen Menschen so geht, habe ich schon mehr gelernt, damit umzugehen“, erklärt die 25-Jährige. Im Bewusstsein entwickeln sieht auch Andreas Jähne den ersten Schritt zur Besserung. „Als erstes muss ich mich mit diesem Phänomen auseinandersetzen, zweitens verstehen, wo kommt das bei mir her, wie hat sich das entwickelt, drittens mein Denken und meine Einstellungen hinterfragen und vielleicht auch in manchen Bereichen relativieren.“
Betroffene müssten dann mit der Zeit die Erfahrung machen, dass dieser neue Weg funktioniere und das Selbstwertgefühl dadurch wachse. Mara Felzen spricht mit Menschen in ihrem Umfeld und versucht sich darauf zu konzentrieren, was sie bereits erreicht hat. „Und ich musste lernen, Komplimente anzunehmen. Statt zu widersprechen, versuche ich mich darüber zu freuen – der- oder diejenige hat ja recht.“