Das Stuttgarter Weindorf geht noch bis zum 6. September. Foto: Lichtgut / Christoph Schmidt

Der 85-Euro-Rostbraten auf dem Stuttgarter Weindorf sorgt für Furore. Das bodenständige Fest der Lauben ist aber kein Nobel-Event – es bleibt bei Käsespätzle statt Kaviar.

Das Weindorf hat sein Nobel-Etikett weg und findet dafür garantiert bundesweit mediale Beachtung. Das Corpus delicti für diese unzutreffende Pauschal-Kategorisierung wird in einer Laube am Marktplatz gerade für einen Gast serviert und tranchiert: Ein Rostbraten für 85 Euro vom Wagyu-Rind, gerühmt als das non plus ultra an Fleischqualität, ursprünglich in Japan zuhause, doch hier aus heimischer Zucht in Horb-Talheim stammend. Er sei, so der Herr, der nur seinen Vornamen Robert preisgibt, dafür eigens in die „Jägerlaube by Easy Street“ gekommen.

Die Wirte Ingo Hampf und Leone Paul haben in Kooperation mit Florin Luz, Metzgermeister und Fleischsommelier aus bekannter Cannstatter Metzgerfamilie, mit diesem hochpreisigen Premiumangebot das Laubendorf scheinbar zum Luxus-Event hochstilisiert. Aber der Blick in die Speisekarten verrät: Es bleibt bei Käsespätzle statt Kaviar.

Mehr als eine halbe Tonne verkauft

Und, wie schmeckt’s? Mehr als ein „hm, großartig“, ist dem Genießer nicht zu entlocken, aber es gehört sich ja auch nicht, jemanden beim Essen zu stören. Peter Holl am Nachbartisch hat sich vorerst mit Wildmaultaschen zufriedengegeben, nimmt sich aber einen zweiten Besuch und das ultimative Geschmackserlebnis fest vor.

Das Stuttgarter Weindorf. Foto: Christoph Schmidt / Lichtgut

Da ist er keine Ausnahme: „Wir sind extrem überrascht, wie gut dieses Angebot angenommen wird“, versichert Leone Paul. Denn ein gewisses Risiko sei ihnen bewusst gewesen, man kenne ja das Vorurteil über die Sparsamkeit der Schwaben. Aber unter der Woche gingen schon mal 20 bis 30 dieser Rostbraten, jeder 250 Gramm schwer, raus. Das Tomahawk-Steak, das ein Kilo wiegt, wollen sich vier Leute teilen, genau wie die Rechnung über 350 Euro. „Bisher“, so Paul, „haben wir deutlich mehr als eine halbe Tonne vom Wagyu Rind verbraucht, da sind allerdings die Smash-Burger mit drin.“ Für 19 Euro am Tisch und 14 Euro auf die Hand die preisgünstigere Möglichkeit, den geschmacklichen Unterschied zum gewöhnlichen Rindvieh herauszufinden.

Sie wollten Qualität aufs Weindorf bringen, da gebe es noch Spielraum nach oben, hatte Ingo Hampf zu diesem Angebot erklärt. Klingt etwas vollmundig. Und könnte bei den Kollegen Unmut auslösen. Als hätten sie bisher keine Qualität geboten. Aber keine Spur. Annette Currle vom Dreimäderlhaus findet es wunderbar, dass junge Gastronomen so etwas wagen und zur Vielfalt des Angebots beitragen. Sie selbst setze auf raffiniert-schwäbische Küche, die ihre Stammgäste lieben. Den Kartoffelsalat, für den täglich zweieinhalb Zentner Kartoffeln geschält werden. Oder die Tafelspitzsülze, die ein Metzger aus Biberach, der Schwiegersohn vom unvergessenen Uhlbacher Hasenwirt Josef Stritzelberger, liefert.

„Wird jetzt nur noch über Preise geredet“

Nicole Pscheidt und Nicole Urru liebäugeln mit den Maultaschen mit Pfifferlingen. Erst mal hat Annette Currle einen Uhlbacher Kerner trocken gebracht, den ihre Schwester Christel, Chefin des Weinguts, produziert. Das Viertele zu 7,50 Euro. Aus dem Weinbrunnen sprudeln Riesling, Schiller und Trollinger-Lemberger für 6,50 Euro, für Sauvignon blanc oder Syrah muss man mehr anlegen.

„Wird jetzt nur noch über Preise geredet“, machen Joachim Breitmayer und Tobias Faude, die Wirte vom „Schluckspecht“, kurz ihrem Ärger über das Dauerthema Luft. Man solle lieber darüber reden, wie schön und friedlich das Weindorf ist und wie glücklich die Gäste sind. Richtig. Über die einmalige Atmosphäre, die gute Stimmung, die netten Leute. Auch über die Preise, ist man dann doch wieder beim Thema, denn vor allem zur Mittagszeit sind sie mit Gerichten zwischen zehn und 15 Euro ausgesprochen appetitfördernd. Uli und Gitte Schwarz lassen sich bei Sonja Merz Kutteln und Tellersülze schmecken und nehmen dazu einen Weißburgunder vom Weingut Diehl, das Viertele für 5,50 Euro. Die Ochsenbäckle für 24,90 Euro in einer Nachbarlaube seien ihr doch zu teuer gewesen, sagt Gitte Schwarz.

Weindorf-Wirte bisher sehr zufrieden

Mehr Nachsicht für hohe Weinpreise hat Freund Günter Staiger als ehemaliger Hobby-Wengerter und Besenwirt: „Weil ich weiß, wieviel Arbeit da drinsteckt.“ „Wenn der Weinbau weiter Bestand haben soll, müssen wir diese Preise nehmen“, erklären die Debütanten Markus und Christian Escher vom Weingut Escher in Schwaikheim, warum das Viertele Sauvignon blanc oder Chardonnay nicht unter zehn Euro zu haben sind. Genau so viel kostet auch ihr alkoholfreie Wein „Freistil“. Der werde aber selten bestellt, verraten die Brüder.

„Die Weindorf-Wirte sind sehr zufrieden“, versichert Dominik Schwab, Geschäftsführer des Bürgervereins und Veranstalters Pro Stuttgart, der wieder fast eine Million Besucher erwartet. Zwar spüre die Gastronomie auch hier eine deutliche „Preissensibilität“, was im Klartext den Verzicht aufs dritte Viertele oder die zweite Flasche Wein bedeutet. Doch es gibt, verspricht Schwab, „für jeden Geldbeutel etwas. Und einen tollen Abend hier zu verbringen, ist doch der wahre Luxus.“