Äußerst selten und träge: der Juchtenkäfer. Foto: dpa

Hätten Sie’s gewusst? Der Rot- und Schwarzwildpark mit seinen vielen Methusalem-Bäumen gilt landesweit als Paradies für Juchtenkäfer und andere „Urwaldreliktarten“.

Was macht eigentlich der Juchtenkäfer? Bundesweit bekannt wurde das selten vorkommende Krabbeltier in der Auseinandersetzung um das Bahnprojekt Stuttgart 21. Damals, 2011 und 2012, mussten 173 alte Bäume im Schlossgarten weichen, die dem Juchtenkäfer gute Lebensbedingungen boten – 105 wurden gefällt, 68 verpflanzt, 51 davon existieren noch. Im Naturpark Schönbuch wurde zudem eine „Sonderfläche“ ausgewiesen. „Das Vorkommen und die zukünftigen Aussichten für den Käfer dort sind erfreulich“, sagt Kathrin Klein, Försterin und Sprecherin des Forstbezirks Schönbuch.

„Nur wenn Bäume so alt sind, entstehen Baumhöhlen, in denen die Larven existieren können.“

Andrea Lehning,Waldreferentin beim BUND

In diesen Tagen begegnet einem der Juchtenkäfer wieder – und zwar im Stuttgarter Rot- und Schwarzwildpark. Die jüngsten Waldarbeiten in dem als Fauna- und Flora-Habitat (FFH-Gebiet) ausgewiesenen Rot- und Schwarzwildpark stehen in engem Zusammenhang mit dem von Forst BW und dem zuständigen Forstbezirk Schönbuch entwickelten Vorsorgekonzept zum Schutz des Juchtenkäfers. Es beruht auf dem Managementplan „Glemswald und Stuttgarter Bucht“ von 2019. In diesem Rahmen finden Kartierungen zu unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten statt.

2500 alte Bäume und Baumveteranen gibt es im Rot- und Schwarzwildpark

Ein Spezialist für holzbewohnende Käfer hatte bei einer Begehung des Waldes 17 sogenannte streng geschützte „Urwaldreliktarten“ ausfindig gemacht, darunter den Juchtenkäfer. Die nun durchgeführten „Durchforstungsmaßnahmen“ sind Teil dieses Schutzkonzeptes, wie Kathrin Klein auf Anfrage erklärt. Es gehe darum „Biotop-Bäume“ zu fördern, indem störendes Gehölz in der Nachbarschaft entfernt wird. Bei Waldspaziergängern führen solche Einschläge zu Irritationen.

Die Waldreferentin des BUND, Andrea Lehning, unterstützt das Konzept von Forst BW ausdrücklich. Der Rot- und Schwarzwildpark sei in Baden-Württemberg ein „herausragender Schatz“. Nirgendwo sonst, außer in den Rheinauen, gebe es so viele alte, knorrige Bäume und Baumveteranen – 2500 an der Zahl. Die um die 200 Jahre alten Bäume, die den ursprünglich als Weide- oder Parklandschaft angelegten Rotwildpark prägen, seien ideal für Juchtenkäfer und andere „Urwaldreliktarten“.

Juchtenkäfer sind alles andere als Flugkünstler

Der Streit über Stuttgart 21 hatte den Juchtenkäfer in die Schlagzeilen gebracht. Foto: dpa

„Nur wenn Bäume so alt sind, entstehen Baumhöhlen, in denen die Larven existieren können“, erklärt die Waldreferentin. Durch forstliche Maßnahmen müsse dafür gesorgt werden, dass die Käfer dort weiterhin gute Bedingungen finden. So dürfe sich rund um einen von Käfern besiedelten Methusalem-Baum kein Geäst befinden. „Es besteht sonst die Gefahr, dass die Juchtenkäfer hängen bleiben und zu Boden fallen.“

Wie bitte? Tatsächlich sind die bis zu vier Zentimeter großen Juchtenkäfer, die den Großteil ihres Lebens im Larvenstadium als „Eremiten“ in Baumhöhlen verbringen, alles andere als Flugkünstler. Sie gelten als träge. Nur rund 200 Meter reicht ihr Radius – wenn sie denn mal fliegen. In diesem Radius sollten sich keine Hindernisse befinden, meint die Waldreferentin. Das erklärt denn auch manche lichte Stelle im Wald.