Nach 30 Jahren geben die Betreiber des Schlesinger ihre Kult-Kneipe ab. Stuttgart verliert damit eines seiner „Wohnzimmer“. Wie geht es mit dem Lokal in Stuttgart-Mitte weiter?
Schon länger brodelt es in der Gerüchteküche, nun bestätigen es die Betreiber des Schlesinger in Stuttgart-Mitte offiziell: Ab dem Sommer ist für sie nach bald 30 Jahren Gastronomie Schluss. Das Team um Heribert „Heri“ Meiers und Martin „Nolde“ Arnold gibt den Staffelstab weiter und die Kult-Kneipe im Sommer an neue Betreiber ab.
Im März 1996 als Nachfolger des legendären „Casino“ (in Heslach) in der Schlosstraße eröffnet, hat die Institution Schlesinger unter der Leitung des langjährigen Trios – Mitbegründer Jörg „Tschelle“ Schelling ist Ende 2020 im Alter von 59 Jahren verstorben – bis heute bald 30 Jahre durchgehalten. Das hat das Schlesinger mitunter seiner Wandlungsfähigkeit und gleichzeitig seinem unprätentiösen Auftreten zu verdanken. Denn während das Lokal einst als Punk-Kneipe durchstartete und Heimat für zahlreiche Konzerte war, wandelte es sich im Laufe der Zeit wie ein Chamäleon zum Wohnzimmer für ein breiteres Publikum – auch Familien waren hier gern gesehene Gäste.
30 Jahre Kult-Gastro: Schlesinger in Stuttgart schließt
„Früher ging es hier noch wesentlich wilder zu“, erinnert sich Heri Meiers. „Das lag aber sicher auch daran, dass unsere Gäste und wir auch noch jünger waren“, sagt er und lacht. Doch auch viele Jüngere, die die Kneipe von ihren Eltern kennen, im Umkreis arbeiten oder an der nahe gelegenen Uni studieren, kommen ins Schlesinger. Das Aus also ein Verlust nicht nur für langjährige Wegbegleiter, sondern auch ein junges Publikum.
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Sein Geschäftspartner und Freund Martin „Nolde“ Arnold erinnert sich an die Konzerte an Samstagen – etwa von Stuttgarter Bands wie No Sports, Good Men gone Bad, der britischen Band Bollock Brothers und vielen anderen, auch international bekannten Acts. „Die kann man gar nicht alle aufzählen“, sagt er.
Heute finden im Schlesinger wesentlich weniger Konzerte statt. „Mit der Zeit sind wir immer mehr zu einem Laden geworden, in den die Leuten auch zum Essen kommen“, sagt Martin Arnold. Gäste kommen hier nicht mehr nur bei frischgezapftem Gerstensaft, sondern auch zu schwäbischer Hausmannskost zusammen. Doch warum ziehen die Gastronomen jetzt den Schlussstrich?
Von der punkigen Bier-Kneipe zum Lokal mit Hausmannskost
„Ich habe jetzt 40 Jahre Gastronomie auf dem Buckel“, sagt Heri Meiers. „Mir macht die Arbeit immer noch viel Spaß, aber mit bald 67 steckt man gerade die Nacht-Arbeit einfach nicht mehr so leicht weg.“
Das Lokal laufe zwar nach wie vor gut, dennoch seien die Rahmenbedingungen nicht mehr mit den einst „goldenen Zeiten“ zu vergleichen, sagt er. Das Ausgehverhalten der Leute habe sich verändert, gleichzeitig gäben die Gäste weniger Geld aus – und die Kosten für Getränke und Lebensmittel – das Schlesinger bezieht etwa Fleisch von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft aus der Region – steigen. „Früher konnte man den Umsatz immer ganz gut vorhersehen, heute wird es immer schwerer zu kalkulieren. Alles ist viel volatiler geworden.“
Stuttgarter Insititution wird fehlen: „Das Schlesinger ist für viele ihr Wohnzimmer“
Zeit also, etwas neuem Platz zu machen. Die Nachricht, dass Arnold und Meiers das Schlesinger nach 30 Jahren abgeben, trifft Stuttgart hart. „Gäste, die es schon mitbekommen haben, waren schockiert“, erzählt Meiers.
„Für viele ist das Schlesinger ihr Wohnzimmer – auch für mich. In diesen 30 Jahren habe ich mir hier auch ein soziales Umfeld aufgebaut.“ Den beiden Gastronomen fällt die Entscheidung daher nicht leicht. „Das Schlesinger ist für uns mehr als nur eine Wirtschaft“, sagt Heri Meiers, der sich mit dem Schlesinger-Aus aus der Gastronomie verabschieden will. „Da wird künftig etwas fehlen.“ Martin Arnolds Zukunft in der Gastro stehe „noch in den Sternen“, wie er selbst sagt.
Betreiber-Duo geht, Mitarbeitende und Konzept sollen bleiben
Doch wie geht es mit dem Kult-Lokal weiter? Meiers und Arnold sind momentan in Gesprächen mit mehreren Bewerbern, die das Lokal gerne übernehmen würden. Wer die potenziellen Neuen sind, darüber wollen die Gastronomen noch nicht sprechen. „Da ist noch keine Entscheidung gefallen.“ Eines ist ihnen jedoch wichtig: „Wir würden uns über Kontinuität freuen“, sagt Meiers. „Es wäre schön, wenn die neuen Betreiber unser Konzept fortsetzen würden.“
Party zum 30-jährigen Jubiläum im März
Auch über ihre Mitarbeitenden, aktuell sind das 14 Leute inklusive Aushilfen, heben die beiden ihre schützende Hand. „Unsere Bedingung ist es, dass das Personal übernommen wird“, erklären sie. „Natürlich besteht beim Team trotzdem eine Unsicherheit darüber, wie es weitergeht.“ Viele von ihnen sind schon lange dabei, kennen die Gäste seit Jahren.
Noch ist allerdings nicht Schluss: Erst einmal feiern die Betreiber am 14. März gemeinsam mit ihren Gästen das 30-jährige Bestehen des Kult-Lokals. Geladen sind alle, die mögen, zum Feiern und Tanzen im Schlesinger. Am 23. April wird dann – wie seit 25 Jahren – der Tag des Bieres begangen.
Der endgültig finale Tag im Schlesinger steht noch nicht fest, aber voraussichtlich wird das letzte Bier irgendwann im Juni oder Juli über die traditionsreiche Theke gehen.
Veranstaltung: Family Business in der Gastronomie
Termin
Am Mittwoch, 25. Februar 2026, findet die nächste Veranstaltung von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten statt – das Thema: Family Business in der Gastronomie.
Gäste
Alina Meissner-Bebrout und Steffen Meissner (Bibraud, Edda, Maison Meissner), Sebastian Finkbeiner von der Traube Tonbach, Simon Tress von den Tress Brüdern von der Schwäbischen Alb
Moderation Anja Wasserbäch (Kulinarik-Autorin der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten)
Datum Mittwoch, 25. Februar 2026
Uhrzeit 19:00 Uhr
Ort Look 21, Türlenstraße 2, 70191 Stuttgart
Tickets gibt es unter www.zeitung-erleben.de/familybusiness