Schönheit im Zwielicht: der Schwarzwald Foto: IMAGO/Zoonar

Hannah Häffner erzählt die Geschichte dreier eigenwilliger Frauen aus einem Schwarzwalddorf und beint die Idylle gründlich aus – was sie nur umso unwiderstehlicher macht.

Das Gebiet, das die Dorfgeschichte umreißt, ist ein heikles Terrain. Links und rechts lauern Gefahren. Hier die Idylle, der Kitsch, dort das Gegenteil, engstirnige Rumpfexistenzen, Brutstätten der Verbohrtheit, braune Borkenkäfer. Die eine Seite hat die Unterhaltungsliteratur ausbuchstabiert, die andere ist ein beliebtes Revier kritischer Hochlagen. Wer sich hier behaupten will, muss seinen eigenen Weg gehen, so wie Liese Riessberger, die erste in der Reihe jener „Riesinnen“, die dem Roman der Stuttgarter Autorin Hannah Häffner zum Titel verhelfen. Der Ort der Handlung ist ein fiktives, aber realitätsnahes Dorf im Schwarzwald, Wittenmoos.

Riesin wird sie genannt wegen ihres Nachnamens – und weil sie ihre Mitmenschen an Körpergrößer knochig überragt, was im Verbund mit ihren kupferroten Haaren das Leben in dem von dunklen Bäumen, argwöhnischen Blicken und unausgesprochenen Zugehörigkeitsregeln dominierten Ort nicht einfacher macht. Nichts wie weg von hier – wäre da nur der verstockt lieblose Mann an ihrer Seite und nicht auch das Kind in ihrem Bauch.

Schönheit im Zwielicht: der Schwarzwald Foto: Tanja Kernweiss

Beginnend in den frühen sechziger Jahren erzählt Hannah Häffner über drei Generationen hinweg die Geschichte dreier „Riesinnen“: Variationen eines Widerstreits von Fliehkraft und Anziehung, von Sehnsucht und Notwendigkeit, Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung.

Hannah Häffner zeigt, wie Träume zerstäuben

Der unerwartete Unfalltod ihres Mannes befreit Liese von einem unangenehmen Menschen. Aber weil man das so natürlich nicht sagen kann, zerreißt ihr schlechtes Gewissen zugleich die zarten Bande, die sie in Waldeinsamkeit zu einem anderen Außenseiter geknüpft hat. Nun steht sie auf eigenen Beinen, aber auch vor dem Nichts. Um sich und ihre Tochter Cora durchzubringen, ertrotzt sie von ihren gehässigen Schwiegereltern das Erbe des Verstorbenen, eine Metzgerei. Mit welchen Mitteln wird man erst am Schluss erfahren.

Eine Metzgerei – damit ist klar, dieser Roman nährt sich nicht von Kitsch. Hier wird die Idylle ausgebeint, rote Sprenkel auf der Stirn. Lieses Träume von einem anderen Leben zerstäuben im Blut geschlachteter Tiere oder verschwinden hinter klammen steifen Gummischürzen. Aber der Geist eigenwilliger Selbstständigkeit ist geweckt, auch wenn der Freiheitsradius zunächst nicht weiter reicht als zum Besuch des Straßburger Weihnachtsmarkts oder der Stuttgarter Wilhelma. Später weitet sich ihr Gesichtskreis über die blinde Obrigkeitshörigkeit der Filbinger-treuen Wittenmooser hinaus bis zu den Anti-Atomkraftdemonstrationen in Whyl.

  • Hannah Häffner: Die Riesinnen.
  • Penguin Verlag.
  • 416 Seiten, 24 Euro.
  • Erscheinungsdatum 25. Februar

Weiter wird es Cora, die nächste der „Riesinnen“, bringen. Wonach ihre Mutter sich gesehnt hat, steht ihr offen. Nach der Schule zieht es sie als Backpackerin in die Ferne. Paris, Amsterdam, Italien. Sie lernt Leute mit schönen Vornamen kennen, Lebensformen – und an was sie scheitern. Seltsamerweise zählen diese explorativen Erfahrungen zu den konventionelleren Passagen des Romans. Doch bevor die Freiheit richtig begonnen hat, ist sie auch schon wieder zu Ende.

Stuttgart – ein Stadt gewordener Kompromiss

Gravitationszentrum bleibt das Dorf. Und gegen alle Widerstände ist seine Anziehungskraft groß. Eva, die Dritte im Riesinnen-Bund, deren Geburt Coras Leben eine entscheidende Wende gibt, bringt es trotz aller Möglichkeiten über das in seinem „Kessel wie dicke Suppe“ liegende Stuttgart nicht hinaus: „Ein Stadt gewordener Kompromiss, für all jene, die woanders herkommen, von der Alb, aus dem Odenwald, von Bergen, aus Tälern, aber das Gefühl haben, es irgendwohin schaffen zu müssen, bloß halt nicht zu weit.“ Eva macht keine Kompromisse.

Man könnte als Stuttgarter darüber gekränkt sein. Doch liegt gerade in der expressiven Nüchternheit solcher Beobachtungen der Grund, warum man überhaupt bis hierher gefolgt ist. Hannah Häffner hat einen Weg durch den Schwarzwald gefunden, an dem sich Zeit- und Individualgeschichte kreuzen, ohne in die Sentimentalitätsfalle zu geraten. Ihre Protagonistinnen haben mit dem Kraft-Klischee der „starken Frau“ nichts zu schaffen, es sind eben Riesinnen: nicht unbedingt schön, herb und in all ihrer inneren wie äußeren Größe verletzlich. Männer haben hier einen schweren Stand; wenn sie nicht schon lange in der Hölle schmoren, lösen sich die meisten irgendwann auf, als wären sie nie dagewesen. Die Riessberger-Mädchen bleiben.

So wie Liese, Cora und Eva jede auf ihre Weise nichts voraussetzen können, als ihre unverbrüchliche Zuneigung, findet der Roman zu einer eigenen Sprache, die weder auf Versatzstücke der Heimat- wie der Antiheimatliteratur zurückgreift. Und hätte die Autorin noch mehr deren Ausdruckskraft vertraut, hätte sie vielleicht darauf verzichten können, das, was sie hinreichend beschreibt, mit Sentenzen zu untermauern: „Heimat ist Heimat, auch wenn man nicht mehr dort wohnt.“ Oder: „Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben“.

Der Reiz des Romans liegt gerade im Untergraben und Hinterfragen von Lebensweisheiten, nicht in ihrer Reproduktion. Und insgesamt ist der Wildwuchs dieser „Riesinnen“ doch so unwiderstehlich, dass manche gelichteteren Partien schnell vergessen sind.

Info

Autor
Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart. Von ihr erschien bereits der Roman „Dunkle See“.

Termin
Die Buchpremiere findet am 25. Februar in der Stadtbücherei Stuttgart statt.