Lars Henrik Gass: Gründungsdirektor des SMIC (vormals Haus für Film und Medien). Foto:  

Das Haus für Film und Medien geht mit einem halbierten Personaletat, neuem Namen (SMIC) und hoher Motivation in die weitere Planung. Direktor Lars Henrik Gass bleibt zuversichtlich.

Vor rund einem Jahr trat der ehemalige Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sein Amt als Gründungsdirektor des neuen Film- und Medienhauses in Stuttgart an. Seitdem ist viel passiert, die Kulturszene ächzt unter Kürzungen, die Planungen des Hauses gehen nach einem Beschluss des Stuttgarter Gemeinderats Ende Januar unter geänderten Vorzeichen voran.

Neu rechnen, neu konzipieren

Herr Gass, wie würden Sie Ihr erstes Jahr in Stuttgart als Gründungsdirektor des Hauses für Film und Medien beschreiben? Wie wurden Sie hier aufgenommen?

Extrem freundlich, neugierig und kollegial. Das Vorhaben ist auch für mich ein Lernprozess. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, für die man Lösungen finden muss. Wir haben in den letzten Monaten mit sehr vielen Personen und Institutionen gesprochen, um die Programmformate zu entwickeln und haben immer offene Türen angetroffen. Wir sind gerade dabei, die Programmkonzeption abzuschließen, damit wir die Betriebskonzeption aus dem Jahr 2022, die Grundlage der politischen Vorentscheidungen bislang war, vertiefen und auch neu rechnen können. Im Sommer werden wir eine neue Betriebskonzeption vorlegen. Dann können wir genau sagen, wie das Haus funktionieren soll und was wie viel kostet.

Das SMIC soll zwischen Breuninger und Leonhardsviertel entstehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Haus soll nun Stuttgart Moving Image Center (SMIC) / Haus für bewegte Bilder Stuttgart, heißen. Manchen kommt das sehr sperrig vor. Wie stehen Sie zu dem neuen Namen?

SMIC wirkt nur sperrig, wenn man auf der Abkürzung beharrt. Wenn man aber den Klang im Ohr und den Geschmack im Mund wirken lässt, wird ein Kunstwort daraus, mit dem man spielen kann. Und das ist viel schöner als eine Abkürzung wie „HFM“, die den Geist verwalteter Sprache verströmt. Aus unserer Sicht war es nötig, den in der Tat sperrigen Namen „Haus für Film und Medien“ zu ersetzen, der nicht ganz korrekt war, weil auch der Film ein Medium ist. Jetzt firmiert die Stadt Stuttgart zu Beginn des Namens wie das Schild über einem Gasthaus. SMIC ist ein Four-Letter-Word wie LOVE. Man kann also den Sinn der Abkürzung leichten Herzens vergessen und mit dem Namen spielen. Das ist wie bei ABBA: Niemand denkt mehr an die Vornamen, die nur wenige korrekt aussprechen können. Funktioniert auch als Verb: Ich sehe schon die Ansteck-Buttons: „smic it!“, „smic-up!“ – oder was auch immer. Das hat Potenzial.

Budgetkürzungen und Stellenstreichungen

Die Kürzungen im Kulturbereich im Doppelhaushalt 2026/2027 treffen viele Akteure und Projekte sehr hart. Die Stadt Stuttgart plant jedoch nach wie vor, 115 Millionen Euro in das neue Haus für Film und Medien zu investieren. Manche fragen sich, ob diese Entscheidung zu den Kürzungen an anderen Stellen geführt hat. Wie begegnen Sie Unmut und Unverständnis gegenüber Ihrem Projekt?

Mir begegnet niemand mit Unmut und Unverständnis. Alle wissen, wie schwierig die Haushaltslage ist und was sie allen abverlangt, im Übrigen auch uns, denn auch wir mussten Budgetkürzungen und Stellenstreichungen hinnehmen. Umgekehrt bestehe ich darauf, dass im Kulturbereich keine Besitzrechte gelten. Das Neue darf und muss Raum haben, denn die Gesellschaft hat Anspruch auf Entwicklung. Nur das kann ihre Investition in Kultur rechtfertigen. Das Neue entsteht nicht gegen das Alte. Mit dem SMIC soll eine bundesweit völlig neuartige Kulturinstitution entstehen, die sich der zentralen Erfahrung des 20. und 21. Jahrhunderts widmet, dem Erscheinen und der rasanten Entwicklung von technischen Medien, die Gesellschaft und Politik heute wesentlich und anwachsend bestimmen. Ich finde es also bemerkenswert, dass man im Januar nochmals politischen Mut dafür gezeigt hat.

2029 soll das Haus eröffnen und könnte dieser Architektur-Visualisierung nach etwa so aussehen. Foto: Delugan Meissl Associated Architects. Wien

Inwiefern kommen Sie mit Ihrer Arbeit an der Vision für ein offenes Haus für Film und Medien, Begegnung und Bildung voran? Was sind Ihre größten Baustellen derzeit?

Das Haus wird kein Museum, kein Forschungszentrum, sondern eher ein Hybrid zwischen Kultur- und Bildungsinstitution, ein Haus für die Stadtgesellschaft. Dafür ist ein umfängliches Vermittlungsprogramm vorgesehen, das derzeit unter den neuen Vorzeichen eines seit Januar halbierten Personaletats für das künftige Haus berechnet wird. Wir erwecken das Raumprogramm, das wir vorgefunden haben, zum Leben. Zum Beispiel konnten wir noch einen Raum für Kinder ins Haus hieven. Ich wünsche mir und hoffe, dass das Haus dazu beitragen kann, der Privatisierung des Medienkonsums etwas entgegenzusetzen, indem man den Gebrauch von Medien wieder zum Gegenstand öffentlicher Aushandlung und Gestaltung macht.