Die Chorfenster der Stuttgarter Stiftskirche transportieren Geschichten – biblische Geschichten und reale Geschichte: die der Feuernächte des Zweiten Weltkriegs.
Dieses Rot! Es lodert in einem fort. Auch bei Nacht. Je länger man es betrachtet, desto intensiver wirkt es auf den Betrachter. Der Eindruck verstärkt sich noch, wenn man die Geschichte dazu kennt. Matthias Vosseler und Valentin Saile kennen sie. Der eine ist der Stiftskirchenpfarrer, der andere ist Glasmaler. Gemeinsam stehen sie im Chorraum der Stuttgarter Stiftskirche. Ihre Blicke hängen an dem intensiven und raumfüllenden Rot der drei großen, vergleichsweise jungen Chorfenster.
Gemalt, gebrannt und eingebaut wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem sie unmittelbar zusammenhängen. Die Fenster spiegeln die Schrecken des Krieges wider – durch die Farbe Rot. Bei Bombenangriffen auf Stuttgart am 25. Juli und am 13. September 1944 war die Stiftskirche schwer getroffen und der frühgotische Chor mit den Fenstern aus dem 19. Jahrhundert zerstört worden. Ein Wiederaufbau der Kirche nach dem Krieg schien zunächst fraglich. Als man sich in den 1950er Jahren schließlich doch dazu entschloss, erhielten drei Stuttgarter Glaskünstler den Auftrag, neue Chorfenster zu entwerfen. Sie sollten darin die Feuernächte des Krieges thematisieren.
Ein Gemeinschaftswerk von drei Glaskünstlern
Gemeinsam machten sie sich an die Aufgabe: Wolf-Dieter Kohler, der jüngste der drei, gestaltete das linke Chorfenster. Es handelt vom Ende der Welt, wie es die Johannes-Offenbarung in der Bibel ausmalt. Das mittlere Fenster übernahm der nicht unumstrittene Rudolf Yelin. In den Kriegsjahren war der spätere Leiter der Abteilung für Glasmalerei und Mosaik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste einerseits mit idealisierten Soldatenporträts hervorgetreten. Andererseits hatte er – zusammen mit Theodor Heuss – aber auch „Feindsender“ gehört. Yelins Thema in der Stiftskirche ist Jesu Tod und Auferstehung.
Das rechte Fenster entwarf der Glaskünstler Adolf Saile, von dem auch die große West-Rosette in der Leonhardskirche aus den 1980er Jahren stammt. Im Zentrum seines Chorfensters steht Jesus als der wiederkommende Messias. Aus dem an Figuren reichen Bildprogramm sticht doch ein grimmig dreinblickender Engel hervor, der drohend einen Mühlstein in die Höhe hält, als wollte er ihn auf die Erde schmettern. Die biblische Offenbarung sei seinem Vater sehr wichtig gewesen, sagt Valentin Saile: „Auf dem Nachttisch hatte er immer eine Bibel liegen.“
Im Juni 1954 wurden die Fenster eingebaut. Vier Jahre später – 13 Jahre nach Kriegsende – wurde die Hauptkirche der Protestanten in Württemberg wieder eröffnet. In einem Eintrag der Stiftskirche dazu heißt es: „Der Gesamteindruck des Innenraums war ein düsterer. Dahinter stand bewusst ein Konzept der Buße – Buße für den durch Deutschland begonnenen Krieg, der auch fatale Auswirkungen für die Stiftskirche selbst gehabt hatte.“ Zu diesem Eindruck trug das drückende Tonnengewölbe bei, das beim Umbau 1999 bis 2003 einer modernen Tragwerkkonstruktion mit Glassegeln wich. Seitdem stehen die Glasfenster Besuchern noch eindringlicher vor Augen.
Die älteste Glasmaler-Werkstatt Baden-Württembergs
Valentin Saile hat einen geschulten Blick auf das, was sein Vater zusammen mit Wolf-Dieter Kohler und Rudolf Yelin geschaffen hat. In den etwa elf Meter hohen Chorfenstern sieht und entdeckt er Dinge, die andere nicht sehen. Etwa die durch markante Konturen gekennzeichnete Stilistik der 1950er Jahre. Er weiß um die Herstellung der Fenster, um die Farbzusammensetzung, um das Rot!
Der 71-Jährige führt in vierter Generation die 1868 gegründete, älteste Glaswerkstatt Baden-Württembergs mit Sitz in der Stuttgarter Moserstraße. Seine 84-jährige Schwester Anne-Dore Kunz, die ihm dabei lange zur Seite stand und die er eine „begnadete Glaskünstlerin“ nennt, tritt inzwischen deutlich kürzer. Von ihr stammen zwei 1988 entstandene Glasfenster in der Sakristei der Stiftskirche. Der frühere Stiftskirchenpfarrer und spätere Landesbischof Theo Sorg hatte die Fenster in Auftrag gegeben. Saile, das ist bis heute eine Institution in Stuttgart und weit darüber hinaus. Bekannte Künstlerinnen und Künstler haben hier Glasfenster nach ihren Entwürfen anfertigen lassen: Adolf Hölzel, Max Ackermann oder Ida Kerkovius. Und es geht auch in fünfter Generation weiter. Christoph Kunz, ein Neffe von Valentin Saile, setzt die Tradition des auf Glasmalerei und Kunstverglasung spezialisierten Betriebs fort, der letzten verbliebenen Glasmaler-Werkstatt in Stuttgart.
In der Stiftskirche versucht Valentin Saile den Blick des Betrachters für die Glasmalerei zu schärfen – beginnend bei den vielen Arbeitsschritten, die die Herstellung eines Glasfenster erfordern: aufmessen, durchpausen, zuordnen, ausschneiden, aufheften, einschmelzen (bei 600 Grad Celsius), in Blei fassen, verlöten, verkitten, einbauen. Vorausgegangen war die Herstellung der Farben und der mundgeblasenen Gläser in der Glashütte im bayerischen Waldsassen sowie das „freie Malen auf der Staffelei“. Anders als üblich, bemalten die Künstler der „Stuttgarter Schule“, die an die Stuttgarter Sezession der 1920er Jahre anknüpften, die Fenster selbst und überließen dies nicht der Werkstatt.
Unabhängig vom künstlerischen Aufwand, braucht es dafür viel Fleiß. Saile nimmt an, das jedes der drei Chorfenster aus rund 3000 Teilen zusammengesetzt ist. Beziffert man den Aufwand in Arbeitsstunden kommt man auf die Zahl 750. Das hat seinen Preis: Etwa 70 000 Euro würde ein solches Fenster heute kosten, schätzt Saile. Auch in den 1950er Jahren war die Finanzierung ein Kraftakt. Das Geld für die drei Chorfenster kam von Land und Stadt und über Spenden.
Der Kunstgeschichtler und Restaurator Saile spricht mit Leidenschaft über die in der Herstellung zeitlose Glaskunst. Er vergisst dabei nicht, auch die anderen Glaskünstler zu erwähnen, die in der Stuttgarter Stiftskirche gewirkt haben – Gottfried von Stockhausen etwa, ein Schüler Rudolf Yelins. Von ihm stammen die farbenprächtigen Fenster in der kleinen Kapelle am Eingang der Kirche und am Aufgang zur Empore. Oder die Glasarbeiten des jüngst 95 Jahre alt geworden Johannes Schreiter, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Glaskünstler gilt.
Dazu die Glaskunst von Bernhard Huber und Manfred Henninger, über die Valentin Saile ebenfalls voller Respekt spricht. Sein Vater ist übrigens, wie Wolf-Dieter Kohler, mehrfach in der Stiftskirche vertreten. Von ihm stammen auch die farblich bewusst zurückgenommenen sogenannten Prophetenfenster im Kirchenschiff. Dem Rot der Chorfenster soll ganz bewusst nichts an Wirkung genommen werden.
Das Geheimnis des leuchtenden Rots heißt Selen
Valentin Saile entfaltet vor dem Betrachter die große farbenprächtige Welt der Kirchenfenster. Er schwärmt von den hochwertig gearbeiteten Chagall- und Giacometti-Fenstern im Frauenmünster in Zürich und von den jahrhundertealten Fenstern in den französischen Kathedralen von Chartres, Autun oder Bourges. Er erklärt, was ein „Überfangglas“ ist – gemeint ist die Farbschicht auf einem farblosen oder getönten Glas – und er erläutert, warum Maschinen und künstlicher Intelligenz in seinem Kunsthandwerk Grenzen gesetzt sind – weil nämlich die Farbintensität nur durch Handarbeit erreicht werden könne. Und er verrät auch das Geheimnis des anhaltenden Glühens der Stiftskirchenfenster. Ihr scharfes, leuchtendes Rot entsteht durch die Beimischung von Selen. Der Fachmann spricht von „Edelfarbe“.
Doch nicht nur die Erinnerung an die Feuernächte des Zweiten Weltkriegs ist in diese Chorfenster eingeschmolzen, der Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler sieht darin auch etwas anderes aufscheinen: „Rot ist die Farbe der Liebe, die Hass und Not und Feuer überwinden kann“, sagt er beim Blick auf das Farbspiel. Im Hintergrund stehe die biblische Botschaft von Jesus Christus, „der alles in seiner Hand hält“. Valentin Saile stimmt ihm zu. Das habe auch sein 1994 verstorbener Vaters ausdrücken wollen. Von der ewigen Flamme im Glas geht also eine doppelte Botschaft aus: Mahnung und Hoffnung.
Filmprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“
Serie
Im Rahmen unseres Projekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ zeigen wir zusammen mit dem Stadtarchiv Filme aus dem Bestand der Kriegsfilmchronik. Sie wurden 1941 bis 1944 im Auftrag der Stadtverwaltung gedreht. Der Beitrag auf dieser Seite ist Teil der Berichterstattung zum Projekt. Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die exklusiven Videos im E-Paper (Freischalten unter stuttgarter-zeitung.de/premiumabo). Bei Fragen erreichen Sie unseren Leser-Service unter 07 11 / 72 05 - 61 61. Die Beiträge finden sie auch in einem Online-Themendossier unter: www.stuttgarter-zeitung.de/stuttgart-im-krieg .