Im westfälischen Münster haben die Vorlesungen schon begonnen. Der Hörsaal ist voll. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Die Hochschulrektoren wollen die Studierenden an die Unis zurückholen. Die umfangreichen, von der Landesregierung auferlegten Coronakontrollen lehnen sie jedoch als unnötig ab.

Stuttgart. - Das Wintersemester beginnt, und die Rektoren erwarten, dass es auf dem Campus der Universitäten, in den Hörsälen und in der Mensa wieder wuselt. Präsenz wird großgeschrieben. Auch die Wohnheime seien wieder voll. „Das wird ein Wintersemester, für das es sich lohnt, auf dem Campus zu sein“, sagte Stephan Dabbert unserer Zeitung. Der Hohenheimer Rektor Dabbert ist Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz.

Dutzende Hygienehelfer im Einsatz

Allerdings wird nicht alles sein wie vor der Pandemie. Es gibt zahlreiche Vorgaben – so wie die Maskenpflicht und die 3-G-Regel. Die Einhaltung der Regeln wird überprüft. Dass bei Lehrveranstaltungen Stichproben genügen, ist den Rektoren recht. Doch alle vier Wochen müssen sie im Ministerium darüber berichten, und allein in Hohenheim, auf einem überschaubaren Campus, setzt Dabbert zwischen 30 und 50 sogenannte Hygienehelfer ein. „Das ist mehr als unsere Personalabteilung.“

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Die Helfer werden allerhand zu tun haben. Nicht nur der Zugang zu den Lehrveranstaltungen, auch etwa der zur Bibliothek muss geprüft werden. Und es gilt nicht überall die gleiche Coronaregel. Für die Vorlesung ist 3 G vorgegeben, aber nicht für die Arbeitsstätten wie Labore. Thomas Puhl, Dabberts Stellvertreter in der Rektorenkonferenz und Rektor der Uni Mannheim, appelliert an die Landesregierung, sich für einheitliche Regelungen starkzumachen.

Rektor: Wir müssen von dieser Kontrollkrake runter

Auch die Nachverfolgung der Kontaktdaten von positiv Getesteten halten die Rektoren für verzichtbar. Dabbert wünscht sich generell „mehr Beinfreiheit“ für die Hochschulen. „Man sollte die Kontrollen herunterfahren und in die Verantwortung der Universitäten legen“, sagt er an die Adresse der Landesregierung, und Puhl fasst zusammen: „Wir müssen die Bürokratie reduzieren und von dieser Kontrollkrake runter.“

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Das wäre gerechtfertigt, lehrt die Erfahrung aus Mannheim. Man weiß dort dank des „Hörsaalpasses“, dass 98 Prozent der Studierenden, die auf den Campus kommen, geimpft sind, ein Prozent sind genesen – und nur ein Prozent lediglich getestet. „Im Hörsaal ist man sicherer als bei Aldi“, meint Thomas Puhl. Und das mache Mut zur Präsenz.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist da zurückhaltender. Auch sie sagte unserer Zeitung: „Ich freue mich sehr, dass das Leben wieder auf den Campus zurückkehrt und die Studierenden und Lehrenden wieder zusammenkommen.“ Sie weist darauf hin, dass Stichproben ausreichend seien, und stellt in Aussicht: „Wir machen hier gemeinsam unsere Erfahrungen und werden die Vorgaben sukzessive immer wieder anpassen.“ Zunächst will sie abwarten: „Wir dürfen nicht vergessen: Die Pandemie ist noch nicht vorbei.“

Jeder Zehnte bleibt lieber zu Hause

Das Wintersemester, das an den Unis meist am Montag beginnt, sieht Stephan Dabbert als „Übergang in eine ganz andere Zeit“. Den ersten Schritt dazu hat die Universität Mannheim bereits getan. Dort beginnt das Studienjahr traditionell am 1. September. „Ein Drittel der Studierenden kriegen wir nicht auf den Campus“, ist die erste Bilanz des Mannheimer Rektors Puhl. Die einen schreiben ihre Abschlussarbeiten, andere sind im Ausland. Allerdings schätzt Puhl, dass zehn Prozent der Studierenden ohne besondere Gründe fernbleiben und sich an das Fernstudium gewöhnt haben.

In Mannheim findet die Hälfte der Veranstaltungen entweder in Präsenz statt oder „hybrid“. Dabei läuft die Vorlesung im Hörsaal und wird auch ins Internet gestellt. Hybridvorlesungen hören sich nach Puhls Erfahrung zwei Drittel der Studierenden von zu Hause an. Das ist dem Rektor zu viel. Daraus zieht er schon jetzt die Konsequenz für die Zukunft: „Im Sommersemester 2022 werden wir praktisch nichts mehr in Hybrid anbieten.“ So wolle man mehr Präsenz erreichen. „Die Präsenz ist ein wichtiger Vorzug“, betont Puhl, den jedoch nicht jeder erkenne. Die Studierenden seien am Limit. Durch die Pandemie habe sich die Nachfrage nach psychologischer Beratung verdreifacht. Dabei gehe es um ernsthafte Probleme, etwa Selbstmordgedanken, die aus der Isolation herrühren. Aus Bequemlichkeit zögen manche Studierende die falschen Konsequenzen. Also versuche man, sie an die Uni zurückzubringen.

Maßnahme gegen die Isolation

Zunächst geht es aber um das kommende Wintersemester. Da sind den Hochschulen stabile Angebote besonders wichtig. Und das sind die Hybridveranstaltungen, die sowohl in Präsenz als auch online ablaufen. „Das funktioniert auch noch, wenn ein Lockdown kommt“, sagt Stephan Dabbert. Bei totaler Lockerung könne man das Konzept ebenfalls anwenden. Auch wenn diese Art Veranstaltungen für die Dozenten ein hoher Aufwand seien. „Eigentlich müssten dort zwei Dozenten sein“, meinen Dabbert und Puhl.

Präsenz ist den Rektoren ohnehin wichtiger. Sie denken daran, große Veranstaltungen zu teilen oder rollierende Systeme einzuführen. So soll immer ein Teil der Studierenden die Chance auf einen Platz im Hörsaal bekommen.

Millionenzuschüsse für den Pandemiebetrieb

Das Land lässt sich nicht lumpen. Auf rund 83 Millionen Euro summiert sich die Unterstützung für den Hochschulbetrieb in der Pandemie. Dieser Tage genehmigte das Kabinett 13,5 Millionen, die zum Beispiel für die Hygienehelfer und zusätzlichen Aufwand bei der Lehre und bei Prüfungen eingesetzt werden können. Das wissen die Rektoren zu schätzen: „Das macht kaum ein Bundesland“, lobt Dabbert.

Verordnung für den Studienbetrieb

Vorgaben
 Mit der aktuellen Coronaverordnung für den Studienbetrieb will das Ministerium „verlässlichen Präsenzstudienbetrieb“ gewährleisten. Es gibt aber allerlei Vorgaben. Bei Coronasymptomen ist die Teilnahme am Präsenzstudienbetrieb nicht erlaubt. Für den Zugang zu studentischen Lernplätzen ist eine Voranmeldung vorgesehen. In Mensen und Cafeterien gelten Regeln wie in Restaurants. Verstöße werden als Ordnungswidrigkeiten geahndet.