15.12.2019 Do-it-Yourself-Mitmachparty in der Familienbildungsstätte Esslingen

 Foto: Johannes M. Fischer

Nichts muss weg: Wie drei Studierende der Hochschule Esslingen dazu anregen, weniger wegzuwerfen.

EsslingenZwei sehr unterschiedliche Welten, zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse, selbes Thema: Während es in den großen durchgestylten Konferenzräumen und -sälen von Madrid lange Gesichter gab angesichts der mageren Ergebnisse der UN-Klimakonferenz, wuselten sich am Wochenende zahlreiche Esslinger erfolgreich durch so genannte „Do-it-Yourself-Mitmachparty“ in den Räumen der Esslinger Familienbildungsstätte.

In Madrid verhandelten die Abgesandten von 200 Staaten zwei Wochen lang mehr oder weniger erfolglos über Möglichkeiten, die von Wissenschaftlern prognostizierte Klimakatastrophe zu verhindern. In diesem Zusammenhang spielt immer der Begriff der Nachhaltigkeit eine große Rolle: Mehrfachverwendung statt Verschwendung. Minimalisierung statt Überfluss. Genau das war auch das Thema in Esslingen, nur dass hier eine lokale Gruppe von Menschen mit einfachsten Mitteln aufzeigte, wie ein Leben ohne permanentes „mehr, mehr und noch mal mehr“ aussehen könnte.

Das sah dann so aus: In einer Ecke nähten die Besucher Stoffe zusammen, die im Normalfall weggeworfen worden wären, in einer anderen Ecke bastelten und recycelten sie aus alten Illustrierten, Büchern und Stofffetzen Weihnachtskarten. In der Küche kochten sie Mahlzeiten mit Essen, die in Gaststätten und in privaten Haushalten übrig geblieben und eigentlich dazu verdammt waren, weggeworfen zu werden. Am Nachmittag boten Fachleute Workshops an: Wie fermentiere ich Gemüse, wie stelle ich eine Kräutermundspülung her oder Flüssigseife oder Bienenwachstücher?

Die Initiative ergriffen hatten drei Studierende: Miryam Scheufele, Carolin Leuch und Nikolay Strukely. Es ist ihre Projektarbeit im Rahmen des Studiums „Soziale Arbeit“. Aufgabe war, ein Projekt im Zusammenhang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung aufzustellen. Die SDG-Ziele – die Abkürzung leitet sich aus der englischen Bezeichnung Sustainable Development Goals ab – stammen von den Vereinten Nationen, wurden vor sieben Jahren von den Mitgliedsstaaten beschlossen, traten 2016 Kraft und gelten erst einmal bis 2030. Insgesamt sind es 17 globale Forderungen an die Weltgemeinschaft, darunter Punkte wie „Armut beenden“, „Gesundes Leben für alle“, „Nachhaltige Konsum und Produktionsweisen“ und „Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel“. Hehre Ziele also, die, wie Madrid im Bezug zum Klima zeigte, offenkundig schwierig umzusetzen sind im globalen Konkurrenzkampf der Nationen und Konzerne.

Aber nicht im Alltag der Einzelnen. „Wir wollten etwas praktisches tun und etwas bewirken“, erklärte Scheufele, die kaum fünf Schritte gehen konnte, ohne von irgendjemandem angesprochen zu werden: „Wann soll das Essen fertig sein?“ „Ist irgendwo ein Verlängerungskabel?“ „Könnt ihr euch mal für ein Foto zusammensetzen – ist für die Eßlinger Zeitung?“

Alles steht unter dem großen Titel „Konsumreduktion“. Ob dies zur Marktwirtschaft passt, deren ökonomische Gesetzmäßigkeiten ein anderes Konsumverhalten vorzieht? „Mmmh.“ Strukely denkt einen Augenblick nach. Seine Mimik signalisiert: Eher nicht. Aber in einem anderen Punkt ist er sich sicher: „Jedenfalls treffen wir den Nerv der Zeit.“

Die Aktion in der Berliner Straße am Rande der Altstadt erhebt allerdings weder den Anspruch, die Welt zu retten, noch will sie die Weltwirtschaftsordnung umstülpen. Es gibt keine Parolen, keine Losungen, sondern viele kleine Gruppen Gleichgesinnter, die bastelnd und kochend miteinander den Sonntag verbringen. Eine lokale „Do-it-Yourself-Mitmachparty“, die zeigt, wie man seine eigene kleine Wegschmeißwelt in eine nachhaltige verändern kann.

Im Sommer entstand die Idee der drei Studierenden. Neben der Organisation gab es eine Reihe weiterer wichtiger Dinge zu erledigen. Die erfolgreiche Suche nach Partnern stand am Anfang. Ein wichtiger Partner ist das Forum für internationale Entwicklung und Planung (finep), die das Hochschulprojekt insgesamt unterstützen. Weitere Gruppen: Es pioniert, Greenpeace, Delicantina, Transition Town, Die Rote Zora und Foodsharing. Wie erdgebunden das Wissenschaftsprojekt tatsächlich war, lässt sich vor allem an den Betriebsamkeit ablesen, die 24 Stunden vor dem eigentlichen Veranstaltungsbeginn noch einmal so richtig auf Touren kam. Es ging darum, über die Organisation Foodsharing die noch frischen Zutaten für ein so genanntes Impro-Kochen zu besorgen. „Gegen 12 am Samstag haben wir angefangen, die Sachen einzusammeln. Abends gegen halb elf waren wir fertig“, berichtet Strukely, während er zusammen mit Besuchern einen Obstsalat vorbereitet. Foodsharing ist ein Verein, der sich gegen Lebensmittelverschwendung stark macht. Statt wegzuschmeißen, wird geteilt. Daran beteiligen sich auch Restaurants und Hotels, die den Verein unterstüzten. Verteilt wird das Essen bei solchen Gelegenheiten oder auch in Cafés. In Stuttgart hat ein solches im Sommer eröffnet (Raupe Immersatt); es finanziert sich aus Spenden.

Im Gegensatz zur Stimmung in Madrid laufen in den Esslinger Räumen ausschließlich heitere Gesichter umher. Es sind sehr viele junge Menschen unter 30, die gekommen sind. Die Räume sind voll, es ist ein stetes kommen und gehen. Am Abend räumten die drei Initiatoren und ihre Helfer auf. Was folgt, ist Hochschule: Die Verschriftlichung des Projekts, ein Abgabetermin. Das Protokoll eines Nachmittags, an dem am Ende des Tages dann doch ein wenig Welt gerettet wurde.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: