Daniel Geiger führt den Kornwestheimer Stuckateur-Betrieb fort. Foto: Georg Linsenmann

Die Courage des Urgroßvaters, des „Mannes mit dem Motorrad“, hat den Grund gelegt für ein stolzes Jubiläum: 100 Jahre Stuckateurbetrieb Geiger in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg).

Eine Weltreise waren die 20 Kilometer auch damals nicht, eine hübsche Entfernung von der Heimat aber schon. Ein Aufbruch, ein Abschied gar? Weiter reichend jedenfalls hätten die Folgen kaum sein können, als sich Karl Geiger vor 100 Jahren in Unterriexingen auf sein Motorrad setzte, um sich Kornwestheim mal ein bisschen genauer anzuschauen. Der junge Stuckateur wollte herausfinden, ob die Leinenweberstadt jener Ort ist, an dem er sein eigenes Geschäft gründen könnte. Und siehe da: Das passte! Und deshalb kann der Stuckateurbetrieb Geiger heute den 100. Geburtstag feiern, als erfolgreicher Familienbetrieb in vierter Generation.

Der Ur-Opa als „Marktforscher auf dem Motorrad“. Das gefällt Daniel Geiger, der den Betrieb nun führt: „Ja, er hatte Courage. Es war ein Experiment“, stellt er fest und fügt lachend hinzu: „Ein Experiment, das offensichtlich bis heute funktioniert.“ Schwäbischer Fleiß, Unternehmergeist, Tatkraft sind das Eine. Daniel Geiger weiß aber auch, dass der Urgroßvater „zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle war. Er hat die Chance erkannt und beim Schopf gepackt“.

Dynamische Entwicklung

Denn in jener Zeit war in Kornwestheim eine dynamische Entwicklung im Gange, in der sich das Bauerndorf, die Kornkammer Württembergs, zur Industriestadt mauserte. Die Schuhfabrik Salamander wurde 1891 gegründet, Metall- und Drahtwaren Kreidler, später für sein Mopeds berühmt, im Jahr 1903. Noch ein Jahr vor der Jahrhundertwende hatte sich beim Bahnhof auch die Eisengießerei Stotz angesiedelt, und sechs Jahre vor der Gründung des Gipsergeschäfts Geiger ging der Rangierbahnhof in Betrieb.

Karl Geiger sah den wachsenden Bedarf an Wohnraum für die Beschäftigten, überstand mit seinem Handwerksbetrieb in der Christofstraße die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929, vergrößerte und zog mit seinem Geschäft auf das damals noch freie Feld westlich des Rathauses, in die Karlstraße, heute mitten in die Stadt befindlich. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1963 übernahm Karl Geiger Junior das Geschäft, das er 1999, kurz vor dem 75 Jahre-Jubiläum seinem Sohn Rudolf Geiger übergab. Von dessen Tatkraft zeugt auch der unter seiner Ägide entstandene Neubau-Komplex, mit dem er Wohn- und Geschäftsräume samt großer Halle unter ein Dach brachte.

Die Ahnengalerie Foto: Georg Linsenmann

Der Betrieb stand in voller Blüte, als Rudolf Geiger 2015 mit 52 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. Die lange Historie des Familienbetriebs fortzuführen, das war für Sohn Daniel „keine einfache Entscheidung“, denn er hatte 2011 die Ausbildung zum Maler und Lackierer abgeschlossen und seit 2014 auch den Bachelor für Betriebswirtschaftslehre im Handwerk in der Tasche. Er entschied sich dafür und packte 2018 noch den Meisterbrief im Stuckateurhandwerk oben drauf.

Die Mutter als feste Größe im Betrieb

Eine feste Größe im Betrieb ist seine Mutter Beatrix Geiger, die das Büro schon für ihren Mann geführt hatte, im vergangenen Jahr also mit dem „Fünfundzwanziger“ ihr eigenes „kleines Betriebsjubiläum“ feiern konnte. Sie ächzt zwar „unter dem Wahnsinn der heutigen Bürokratie“, ist aber auch stolz darauf, „dass wir das alles so geschafft haben“. Daniel Geiger mag besonders „Spezialaufträge im Altbau, wo gutes Handwerk gefragt ist“. Dank der Breite seiner Qualifikationen hat er mit seinem „kleinen Familienbetrieb“ auch Fassaden, Vollwärmeschutz, Innenputze, Spachteltechniken, Maler- und Tapezierarbeiten im Portfolio. Bei größeren Aufträgen bildet er Arbeitsgemeinschaften mit anderen Handwerkern. Im Vorstand der Stuckateur-Innung kümmert sich Geiger um den Nachwuchs, denn auch diese Profession leide unter Fachkräftemangel. Eine „schwierig zu lösende Aufgabe“ sei das, „denn kaum jemand will sich noch dreckig machen“.

Dem hält der junge Familienvater zweierlei entgegen: Handwerkerstolz und Zukunftssicherheit. „Gute, saubere Arbeit machen und sehen, wie unter den eigenen Händen etwas schön wird und wie die Leute sich darüber freuen. Das ist alter Handwerkerstolz, das gibt mir Zufriedenheit. Und wenn jetzt sogar bei Porsche, Bosch und Daimler Arbeitsplätze wackeln, dann sieht man vielleicht wieder deutlicher, dass ein Handwerk etwas Beständiges und Zukunftssicheres ist.“ Ja, der alte Satz gelte noch immer: „Das Handwerk hat goldenen Boden.“ Deshalb habe sich ja einst „der Mann mit dem Motorrad“ auf den Weg gemacht. Und deshalb wird nun die Halle mal nicht nur für die Kornwestheimer Kirbe ausgeräumt, sondern für ein Fest mit Familie, Kollegen, Freunden: Für 100 Jahre Stuckateurbetrieb Geiger. Gratuliert hat bereits die Kreishandwerkerschaft, mit einer Ehrenurkunde zum Firmenjubiläum.