Eigentlich soll man an den Feiertagen zur Ruhe kommen. Doch die besinnliche Stimmung kommt nicht auf, der Stress bleibt. Eine Stuttgarter Expertin verrät, was wir selbst tun können.
Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei und in zahlreichen Familien machen sich Jahr für Jahr Erschöpfung, Frust und ein bitterer Nachgeschmack breit. Der Grund dafür: Obwohl man sich bei den Vorbereitungen verausgabt hatte, blieben Freude und besinnliche Stimmung aus. Woher kommen die hohen Erwartungen an ein perfektes Fest voller Freude, gutem Essen und perfekter Dekoration und was kann man tun, um tatsächlich ein entspanntes Fest zu feiern? Darüber haben wir mit der Diplom Pädagogin Tanja Knoke gesprochen.
Frau Knoke, beobachten Sie, dass der Stress um Weihnachten herum und an Weihnachten selbst in den vergangenen Jahren zugenommen hat?
Ja. Das liegt unter anderem daran, dass beide Eltern meistens arbeiten, oft bis zum 23. Dezember; teilweise auch viel arbeiten und nur begrenzt Urlaub haben. Wenn man bis kurz vor Weihnachten unter Strom steht, ist der Sprung in die Feiertage nicht ganz so entspannt.
Woran glauben Sie liegt das?
Ich habe Eltern in meinen Gruppen gefragt: Was empfindet ihr als Stress? Und wenn man es kurz zusammenfasst: Es ist von allem zu viel.
Können Sie das präzisieren?
Es stehen Weihnachtsfeiern bei der Arbeit, im Kindergarten, Schule, Musikverein an. Man kauft Geschenke ein und muss sie verpacken, die Feiertage planen. Dann gibt es zu viele Süßigkeiten und zu viele Geschenke. Schon an Nikolaus wird vielfach unglaublich viel geschenkt.
Bleiben wir kurz bei den Geschenken: Oft wollen Eltern und Großeltern das geben, was sie selbst so vielleicht nicht hatten.
Die Menge kann Kinder aber auch überfordern. Man kann überlegen: Brauchen sie wirklich noch das 25. Kuscheltier von den Großeltern? Vielleicht können Oma und Opa stattdessen etwas auf ein Sparkonto der Kinder einzahlen und nur eine Kleinigkeit schenken. Das, was bei den Kindern nämlich in Erinnerung bleibt, ist, ob es ein schöner Tag war und die gemeinsam verbrachte Zeit.
Damit es eben ein schöner Tag wird, verausgaben wir uns oft bei den Vorbereitungen und eine Sintflut an Weihnachtsfilmen und strahlend schönen Bildern macht es manchmal noch schlimmer. Lassen wir uns dadurch unterschwellig beeinflussen?
Manche Familien können sich gut distanzieren. Andere fühlen sich eventuell unter Druck gesetzt und bekommen das Gefühl: die Dekoration muss perfekt sein, das Menü groß. An Weihnachten müssen sich alle gut verstehen, alle fröhlich sein. Das macht Druck. Es gibt viele unterschiedliche Erwartungen und mache werden enttäuscht.
Stichwort Erwartungen…
Ja, dann ist da auch die Erwartungshaltung der anderen Familienmitglieder, der Großeltern oder Geschwister, wo man am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag sein sollte. Dann sind die Eltern über die Feiertage oft schon fix und fertig.
Das klingt erstsmal wirklich nicht nach einer besinnlichen Zeit. Kann man hier auch gegensteuern?
Wenn bereits vor Weihnachten so viel stattfindet, geht ein bisschen das verloren, was Weihnachten eigentlich ist, mal abgesehen vom religiösen Inhalt. Die dunkle Jahreszeit kann nämlich auch dazu dienen Ruhe zu finden, es sich drinnen gemütlich machen und sich wieder auf andere Dinge zu besinnen.
Was kann man also als Familie tun, um diese Ruhe zu finden?
Das Wichtigste in der Weihnachtszeit ist Zeit schenken. Dinge machen, die man gerne gemeinsam macht - backen, singen, lesen. Sei es auch nur ein Hörspiel hören oder kuscheln, wenn alles andere zu viel ist.
Ist Zeit also ein Luxusgut geworden?
Genau. Deshalb sollte man sich überlegen, was der Familie wichtig ist und Überflüssiges streichen. Weniger ist hier mehr. Dass man sich Aufmerksamkeit schenkt, sich füreinander interessiert, gemeinsam lachen kann, ist das wertvollste Geschenk.
Klingt gut, aber wie nimmt man den Stress raus?
Die Familie kann sich im Vorfeld zusammensetzen und versuchen herauszufinden, was jeder möchte, was ist jedem wichtig und welche Rituale und Traditionen haben für die Familie über die Feiertage Priorität. Es ist essenziell, dass man ehrlich sagt, was man braucht, was man möchte und natürlich versucht zu berücksichtigen, was die Verwandtschaft, die eigenen Eltern und Schwiegereltern, für Wünsche und Bedürfnisse haben und überlegt: Was könnte eine gemeinsame Lösung sein. Und auch mit den anderen Verwandten, beispielsweise den Großeltern, besprechen, was ihnen wichtig ist. Eventuell erklären, dass es uns gerade guttut, dass wir zuhause bleiben und den Besuch verschieben, vielleicht auf die Tage nach Weihnachten.
Das kann aber auch mit Schuldgefühlen einhergehen.
Natürlich. Aber andererseits ist man als Familie unter Stress vielleicht auch enttäuscht, wenn man nach Weihnachten kraftlos zuhause sitzt. Deshalb sollte man nicht nur sagen, wir kommen nicht sondern nach Alternativen schauen.
Und welchen Tipp hätten Sie da?
Frühzeitig planen. Im November bereits mit den Großeltern sprechen und Besuche planen, damit auch sie ebenfalls planen können und ihr Fest eventuell anders gestalten. Vielleicht auch Aufgaben verteilen, wer übernimmt was, und wer bereitet was vor. Auch, dass die Geschenke nicht überhandnehmen. Man könnte vorher losen, wem man ein Geschenk macht. Und Geschenke rechtzeitig kaufen. Meine Erfahrung ist: Mich stresst es unglaublich, das in der Weihnachtszeit zu tun. Also fange ich nach den Sommerferien an.
Die Fragen stellte Dominika Bulwicka-Walz
Tanja Knoke, Jahrgang 1969, studierte an der TU Berlin Erziehungswissenschaften und arbeitete an Förderschulen in der Lehrerfortbildung. Seit 2000 betreibt sie in Stuttgart die Praxis „Eltern wachsen“, wo sie neben Spieleraum-Kursen nach Emmi Pikler auch Elternberatung, Stressmanagement und Vorträge zu elternrelevanten Themen anbietet.