Der Stuttgarter Professor für Kommunikationswissenschaft, Frank Brettschneider, analysiert das Streitgespräch zwischen Boris Palmer und dem AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier.
Die AfD auf dem Podium öffentlich zu entlarven – das war Boris Palmers großes Ziel. Ist es dem parteilosen Oberbürgermeister im Streitgespräch mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten und Landeschef Markus Frohnmaier am Freitagabend in Tübingen gelungen? Darüber spricht der Stuttgarter Professor für Kommunikationswissenschaft, Frank Brettschneider, im Interview mit unserer Zeitung.
Herr Brettschneider, Sie haben das Streitgespräch zwischen Palmer und Frohnmaier im Livestream verfolgt. Wie ergingt es Ihnen?
Es war anstrengend. Den Versuch war es wert, doch das Format würde ich als missglückt bezeichnen.
Warum?
Das eine waren die Publikumsfragen, die keine waren, sondern vorbereitete Statements. Die haben überhaupt nicht zum Erkenntnisgewinn beigetragen – und auch gar kein Gespräch zustandekommen lassen, weil ja ständig unterbrochen wurde. Zweitens: Muss man das überhaupt vor Publikum machen? Da hatten wir ja lange Zeit Störungen und immer wieder Versuche, das Gespräch zu unterbinden. Da wäre eine Konstellation in einem Studio und dann auch mit einem professionellen Moderator sinnvoller gewesen – vielleicht sogar mit einem kleinen Faktencheck. Das wäre für die, die sich eine Meinung bilden wollen, wertvoller.
Die Moderation hatte der Tübinger Rhetorik-Professor Joachim Knape.
Ja, die war nicht besonders gelungen. Das war viel zu langatmig und es wurde zu viel auf Formalitäten geachtet – wie der Blick auf die Zeit. Der Moderator hat auch nicht nachgehakt, wenn es nötig gewesen wäre.
Ein Gewinner dieses Streitgesprächs lässt sich unter diesen Umständen also schwer ausmachen?
Je nachdem, wie man Gewinner definiert. Die AfD-Anhänger werden sagen, dass eindeutig Frohnmaier der Gewinner war, weil er sich eloquent präsentiert habe. Die Anhänger von Palmer werden sagen, er war der Gewinner, weil er Frohnmaier mit Sachthemen unter Druck gesetzt habe. Aber ändern die ihre Meinung aufgrund dieser Veranstaltung?
Sagen Sie es uns.
Nein, tun sie nicht. Hier werden eher vorhandene Einstellungen bestärkt. Frohnmaier kann sich auf die Fahne schreiben, dass er eine große öffentliche Aufmerksamkeit hatte und dass er sich als ein vermeintlich ganz normaler demokratischer Gesprächspartner gezeigt hat. Das ist für ihn und seine Partei in der eigenen Anhängerschaft ein Pluspunkt. Palmer kann sich zugute halten, dass er eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD gesucht hat. Und die ist ja wahrlich nötig. Es ist sinnvoll, das zu tun. Aber in einem anderen Format wäre es vermutlich gelungener gewesen.
Wer hat in welchen Bereichen gepunktet?
Die Stärke von Frohnmaier war, dass er sehr gelassen geblieben ist, sich durch Palmers Zitate kaum aus der Ruhe hat bringen lassen. Ganz am Anfang ist er zwar ein bisschen ins Schwimmen geraten, aber ansonsten hat er sich nicht provozieren lassen. Palmer war dann gut, wenn es um konkrete Themen in Tübingen ging, also zum Beispiel die Klimaschutz-Investitionen und die Nachfrage: Bedeutet dann das AfD-Wahlprogramm, dass die jetzt alle in den Wind geschrieben sind? Das gleiche beim sozialen Wohnungsbau und der Diskussion darüber, wie man den Wohnungsmangel beheben könnte. Ein bisschen spät kam er mit dem „Ausmisten“-Zitat von Frohnmaier – das hätte er schon früher platzieren können. Frohnmaier wiederum wird bei seinen eigenen Anhängern, etwa mit Aussagen zur Migration oder zur Kernenergie, seine Punkte gemacht haben.
Die beiden haben also Ihre Anhänger in deren Positionen bestärkt. Wer hat möglicherweise Unentschiedene auf seine Seite gezogen?
Das hat vermutlich keiner so richtig geschafft. Es wäre aber auch naiv, anzunehmen, dass das ein einzelnes Ereignis auslöst. Es ist schon viel gewonnen, wenn Unentschiedene über Argumente nachdenken. Und da gab es zum Beispiel von Palmer eine ziemlich gute Sequenz beim Themenblock „Innere Sicherheit und Migration“. Er hat deutlich gemacht, um wie viele Menschen, die aufgrund ihres Rechtsstatus abgeschoben werden müssten, es in Tübingen überhaupt geht. Und er hat nachgefragt, ob es der AfD auch um den zugewanderten Fahrradmechaniker geht. Da hat sich Frohnmaier dafür entschieden, in seinen Antworten nicht so sehr auf die eigene Anhängerschaft zu schielen, sondern auf die Unentschiedenen, indem er behauptete: Alle, die sich einbringen, seien willkommen. Da hat man von AfD-Politikern auch schon deutlich anderes gehört. Hier hat sich Herr Frohnmaier anpassungsfähig gezeigt.
Palmer wollte die AfD entlarven. Ist ihm das gelungen?
In einzelnen Punkten, aber nicht im Großen und Ganzen. Er hat die AfD jetzt nicht komplett entzaubert. Andererseits ist das auch nicht ganz einfach aufgrund dieser argumentativen Flexibilität, die AfD-Vertreter immer wieder an den Tag legen. Herr Frohnmaier ja auch, wenn er wie in Tübingen geschmeidiger daherkommt als auf AfD-Parteitagen. Palmer hat es nicht schlecht gemacht, aber dass man hinterher rausgeht und sagt ‚Ja, das war es jetzt mit den Positionen der AfD’ – so ist es nicht gelaufen. Und dazu hat das Setting sehr viel beigetragen.
Die Kritiker haben dem Tübinger OB vorgeworfen, er würde nur Werbung machen für die Rechtsaußen-Partei, ihnen eine Bühne bieten. Haben die Recht behalten?
Die Kritik habe ich von Anfang an als nicht sonderlich stichhaltig empfunden. Die AfD hat ja ohnehin eine große Bühne, tagtäglich in den sozialen Medien und in der Berichterstattung. Anders als in ihren Anfängen ist die Partei heute nicht mehr auf zusätzliche Bühnen angewiesen.
Oft heißt es ja, mit Populisten könne man nicht diskutieren, weil sie mit anderen Regeln spielen. Kann man dem Ansatz von Palmer für den künftigen Umgang mit der AfD dennoch was abgewinnen?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die anderen Versuche sind ja mehr oder weniger gescheitert, wie man am Erfolg der Partei erkennen kann. Reden kann man mit Populisten, aber überzeugen wird man sie nicht. Doch entscheidend ist: Kann man anderen Zuschauern, die noch nicht festgelegt sind, Denkanstöße geben, dass hier nur Scheinlösungen präsentiert werden, dass es logische Brüche gibt, in dem was vorgeschlagen wird – oder, dass Positionen gegen fundamentale Werte wie die Menschenwürde verstoßen.