Nach der Debatte von OB Palmer und AfD-Chef Frohnmaier geht es im Netz um die Deutungshoheit. Rechte Influencer setzen dabei auf die Bilder eines Göppinger Kreisrats.
Seine Kameraführung ist ein wenig wacklig, der Ton bescheiden. Kein Wunder, schließlich ist Uwe Michael Freiherr von Wangenheim gerade erst als Kameramann angeworben worden. Bei einem kurzen Treffen vor der Tübinger Hermann-Hepper-Halle hat ihn Sebastian Weber zu seinem „Praktikanten“ ernannt. Das sagt er im Livestream wirklich so. Dann filmt von Wangenheim mit hörbarem Eifer, und fast 10000 sind live dabei.
Weber ist AfD-Kreisrat aus Sachsen und lebt davon, mit seinem Youtubekanal „Weichreite TV“ rechtsextreme Demonstrationen und AfD-Veranstaltungen ins Internet zu übertragen. Er ist dabei einer der erfolgreichsten. Am vergangenen Freitag wollte er das beim Streitgespräch zwischen Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) und dem baden-württembergischen AfD-Co-Landeschef Markus Frohnmaier tun. Doch am Eingang wurde er vom städtischen Presseamt abgewiesen. Deshalb sprang von Wangenheim ein. Wie es zu dem Kontakt gekommen war, verrät von Wangenheim auf Anfrage unserer Zeitung nicht. „Das hat sich situationsbedingt ergeben.“
Bilder aus dem Saal
Der Praktikant mit Adelstitel und AfD-Mandat im Kreistag von Göppingen lieferte jedenfalls die erhofften Bilder, die später auch von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt auf seiner Plattform „Nius“ und von anderen Influencern und Bloggern aus dem AfD-Umfeld für ihre Clips weiterverwendet wurden. Auf diese Weise sollte die Veranstaltung zu einem klaren Sieg für Frohnmaier umgedeutet werden.
Von Wangenheim filmte die chaotischen Zustände zu Beginn, als Gegendemonstranten die Veranstaltung mit Sprechchören störten, zeigte die empörten, aber wegen des Schauspiels auch zufrieden dreinblickenden Gesichter der AfD-Mitglieder in den ersten beiden Reihen und schwenkte die Kamera durch den Saal. Zwei Frauen, die nicht zu den Krakeelern gehörten, aber noch weniger zu den AfD-Sympathisanten, versuchten ihre Gesichter zu verbergen, als von Wangenheim an ihre Reihe tritt. Doch der hält unbeirrt drauf. „Das ist die bürgerliche Mitte“, sagt von Wangenheim im Livestream und will ironisch klingen.
Palmer spricht von Foulspiel
Eigentlich hatte Palmer genau dies im Vorfeld ausschließen wollen. Der offizielle Livestream, so hatte er als Bedingung für das Streitgespräch mit der AfD vereinbart, zeige nur das Podium. „Die Vorgaben sollten Manipulation und entstellenden Bildern vorbeugen und das Tübinger Publikum schützen“, sagt Palmer. Es sei deshalb richtig gewesen, den Youtuber nicht zuzulassen. Dieser hatte sich offenbar ohnehin nicht rechtzeitig angemeldet. Dass er dann sein Handy hineingeschmuggelt habe, lasse sich aber kaum verhindern, sagt Palmer. „Ich sehe nicht, was wir hätten tun sollen.“
Allerdings entspreche der Konkurrenzstream nicht den vereinbarten Regeln. „Das ist ein schweres Foulspiel“, sagt Palmer. Er gehe jedoch davon aus, dass es sich um eine Einzelaktion gehandelt habe, die nicht im Auftrag der AfD erfolgt sei. Wobei: dass er nicht ganz zufällig zu dem Streamer-Job gekommen ist, gibt von Wangenheim zumindest indirekt zu. Er sei Büroleiter von Sandro Scheer, dem Göppinger AfD-Landtagsabgeordneten, der „das Ganze eingefädelt hat“, erklärt er seinen Einsatz gegenüber unserer Zeitung. „Das ist einer unserer besten Leute“, lobt ihn der AfD-Bundestagsabgeordnete Alexander Arpaschi im Weichreite-Livestream – fügt allerdings lachend hinzu: „wenn ihr Schweinshaxe wollt.“
Shitstorm gegen Journalistin mit Kopftuch
Der offizielle Livestream, der Weichreite an Reichweite nur um wenige 100 Zuschauer übertrifft, war extra ohne Kommentarfunktion auf Sendung gegangen. Die Diskussion im Netz sollte nicht eskalieren. Auf Weichreite überschlagen sich die Anhänger jedoch mit ihren Kommentaren. Es regnet blaue Herzen, Adler-Emojs und schwarze Achter-Billardkugeln, ein Synonym für „Heil Hitler“. Palmer sei armselig und habe nur Populismus zu bieten, da ist man sich einig.
Als von Wangenheim eine Frau mit Kopftuch filmt, deren Jackenaufschrift sie als Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunks (SWR) ausweist, hagelt es hämische Kommentare, die sich später auch auf X finden. Von „Muslim TV ist die Rede. „Ihre Zwangsgebühren bei der Arbeit“, schreibt ein User zu einem Bild von der Journalistin. SWR heiße in Wahrheit „Südwest-Reinigungsteam“, bei der Frau handele es sich wohl um eine türkische Putzkraft, meint ein anderer.
Der Tübinger Studioleiter des SWR, Marcel Wagner, reagierte schockiert. Jeder einzelne in seinem Team sei gut ausgebildet und arbeite professionell nach den Programmgrundsätzen. „Da spielen Kleidung und Religionszugehörigkeit keine Rolle.“ Auch die Kollegin kenne die Anfeindungen. Sie wundere sich, dass für manche Personen offenbar die Religionszugehörigkeit ein Kriterium bei der Beurteilung von Menschen oder deren Professionalität sei, teilte der SWR auf Anfrage mit.