Im Gerangel um die meisten Sitze in den Gemeinderäten heißt es: Bei der Wahrheit bleiben. Leider gehen die tatsächlichen Fakten nämlich in manchen Diskussionen unter.
Er wäre wohl kein Windkraft-Befürworter gewesen, der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß. Der um keinen markigen Spruch verlegene CSU-Politiker polarisierte wie kaum ein zweiter auf der politischen Bühne der Bundesrepublik. Ein Bonmot, das er stets prägte, passt aber in viele Debatten, auch in die heutige um Windräder: Die normative Kraft des Faktischen. Strauß’ Meinung nach setze sich die Realität am Ende immer gegen politisches Wunschdenken durch.
Der Streit um neue Windräder zwischen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen kommt um diesen unumstößlichen Boden der Tatsachen nicht herum. Schade nur, dass der in der Debatte vor allem von den Skeptikern nur allzu gern verlassen wird. Bei der Infoveranstaltung der Initiative „Lebenswertes Böblingen“ in der Kongresshalle Mitte Mai war das offenkundig. Da wurden haltlose Horrorvisionen in den Raum gestellt. Was denn wäre, wenn ein brennendes Rotorblatt auf den Boden krache und der herbeieilenden Feuerwehr den Weg versperre, wollte einer der Anwesenden wissen.
Zwar ist dieses Szenario theoretisch denkbar, aber doch höchst unwahrscheinlich. Der Bundesverband Windenergie schätzt die Zahl von Windradbränden in Deutschland auf circa fünf bis zehn pro Jahr – bei derzeit 30 243 installierten Anlagen. Die Zahlen liegen im Promillebereich und sind de facto zu vernachlässigen, sagte deren Vorsitzender jüngst. Zumal neuere Anlagen häufig mit einem automatischen Löschsystem ausgestattet sind, da selbst die höchste Drehleiter nicht annähernd hoch genug ist, um die Kanzel zu erreichen. Klar ist aber auch: Windräder können genauso Feuer fangen wie alles andere auch, nur sollte dieses potenzielle Risiko nicht überhöht werden.
Sorge vor Eisschlag unbegründet
Bei anderen Schreckensszenarien ist der Boden der Tatsachen ebenfalls äußerst dünnes Eis. So werden immer wieder Sorgen vor herabfallenden Eisbrocken laut, die im schlimmsten Fall Menschen verletzen können. Für diese Befürchtung liegen keinerlei belastbare Daten vor. Zwar sei die Eisbildung an den Rotoren bei entsprechender Witterung möglich, doch viele Anlagen verfügen über eine Automatik, die bei Vereisung das Rad abschaltet. Außerdem lassen sich die Rotorblätter mittlerweile sogar beheizen, um das Risiko zu minimieren. Sowohl Behörden als auch Betreiber und Versicherungen gehen daher von einer sehr niedrigen Gefahr aus – bisher seien keine Fälle von Verletzung durch Eisschlag bekannt.
Die durch Windräder getöteten Vögel, vor denen immer wieder gewarnt wird, entpuppen sich bei näherer Betrachtung ebenso als Scheinargument. Deren Zahl lässt sich zwar nur sehr grob schätzen, da sie nirgends systematisch erfasst wird. Als gesichert gilt aber, dass Fensterscheiben, Autos und vor allem Hauskatzen eine weitaus höhere Gefahr für Vögel darstellen. Der Landesbund für Vogelschutz in Bayern etwa gehörte wegen des befürchteten Vogelschlags zu Beginn zu den Kritikern der Windräder, hat aber mittlerweile umgeschwenkt: Die Klimakrise sei eine noch viel größere Gefahr für die Artenvielfalt, sagte deren Vorsitzender unlängst.
Wer nicht bei den Fakten bleibt, schießt sich ein Eigentor
Wer als Kandidierender bei der bevorstehenden Kommunalwahl am 9. Juni mit dieser Form der Angstmache auf Stimmenfang geht, greift sehr kurz. Oder schießt sich am Ende ein Eigentor. Denn an der Sinnhaftigkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien besteht kein Zweifel. Umso erfreulicher war da die Erfolgsmeldung aus Sindelfingen dieser Tage: Die Verantwortlichen steckten symbolisch die letzte Solarzelle in den dritten Teil des Solarparks auf der ehemaligen Deponie Dachsklinge. Die 7200 Module pumpen jetzt Strom für bis zu 1000 Haushalte ins Netz.