Rund 3000 Hästräger und Guggenmusiker verwandelten Wernau (Kreis Esslingen) am Samstag in eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Straßenfasnet.
Zwar tummelten sich bei leichtem Nieselregen und nasskalten fünf Grad ein paar weniger Zuschauer als sonst entlang der Kirchheimer Straße. Der guten Stimmung tat das Wetter indes keinen Abbruch. Der närrische Lindwurm startete um 14 Uhr mit ohrenbetäubenden Böllern des Wernauer Schützenvereins. Angeführt von Büttel und Till – zwei der traditionellen Hauptfiguren der Wernauer Narren – folgten 87 Gruppen mit rund 3000 Mitwirkenden. Darunter Hästräger, Guggenmusiker und Gardetänzerinnen aus der ganzen Region, aus dem Land und darüber hinaus – sie alle verwandelten Wernau erneut in eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Straßenfasnet.
Die weiteste Anreise hatten dieses Jahr die Guggenmusiker Les Endiablés aus der französischen Schweiz. Die Wernauer Narren selbst waren mit allen fünf Maskengruppen, Laichles-Hexa, Geesgass-Deifl, Heckarutscher, Baura sowie Brotloibla, vertreten – lautstark unterstützt von „ihren“ Bodenbachsymphonikern. Wie immer ließen es sich aber auch viele Vereine aus Wernau nicht nehmen, die fünfte Jahreszeit beim Umzug angemessen zu begehen: Wie etwa der örtliche Ski- und Snowboardverein oder der Akkordeonverein, selbst der Wernauer Stadtrat war mit einem eigenen Wagen vertreten.
Abwechslung ist bei den auswärtigen Teilnehmern des Wernauer Umzugs Pflicht: „Wir schauen, dass wir immer wieder neue Gruppen für den Umzug einladen“, bestätigte Wernaus 1. Zunftmeister Markus Mirbauer. Normalerweise gebe es einen Drei-Jahres-Zyklus bis eine Gruppe wieder teilnehmen darf: „Denn wenn es immer dieselben Gruppen sind, wird es ja langweilig.“ Da die Wernauer Narren selbst an vielen Umzügen teilnehmen, habe man ein große Kontaktbörse – die dann für den eigenen Umzug genutzt wird.
Die Organisation der närrischen Tage in Wernau ist ein Kraftakt für den Verein. „Für den Vorstand ist das ein Ganzjahres-Job“, bekräftigt Mirbauer. Obendrauf kommen Veranstaltungen wie die traditionelle Vatertagshocketse oder das Helferfest für die rund 360 aktiven Mitglieder, die alle vom „Schmotzigen Doschtig“ bis zum Fasnetsbegräbnis am Dienstag im Einsatz sind. „Anders würde das nicht funktionieren, zur Wernauer Fasnet muss jeder ran“, sagt der Zunftmeister.
Fasnet in Wernau: Umzug ist auch ein teurer Spaß
Sehr dankbar sind die Wernauer Narren, dass auch die Stadt geschlossen hinter ihnen steht: „Ohne die große Unterstützung seitens der Verwaltung wäre ein solches Event über vier Tage undenkbar.“ Auch finanziell sei das Risiko für den 1983 gegründeten Verein nicht ohne – nachdem die wirtschaftliche Situation bei den Wernauer Narren vor ein paar Jahren nicht so rosig ausgesehen hatte, habe man inzwischen wieder eine gesunde Basis, so Mirbauer. Das Ziel jeder Kampagne sei immer die schwarze Null: „Das kann schon knapp werden, 2025 haben wir das zum Beispiel gerade so geschafft.“ Wobei die Kampagne im Vorjahr auch extrem lange dauerte – insgesamt mussten die Wernauer Narren 2025 dafür 180 000 Euro aufbringen. Sorgen bereitet in diesem Jahr das durchwachsene Wetter: „Wenn das Wetter nicht so gut ist, kommen weniger Leute – sprich wir generieren weniger Umsätze.“ So betonten auch die Moderatoren des Umzugs betonten immer wieder, wie wichtig das Eintrittsgeld für den Verein sei und baten darum, dass jeder seinen Obolus beitrage.
Närrische Spielchen und Plastikrosen zum Valentinstag
Schließlich bekamen die Zuschauer einiges geboten: Neben mitreißender Guggenmusik gab es Hebefiguren, Hexenpyramiden sowie furchterregende Teufel und Dämonen, die ihre Karbatschen fliegen ließen oder versuchten, die Besucher zu erschrecken. Natürlich wurde mit den Zuschauern das ein oder andere närrische Spielchen getrieben: Konfettiregen war dabei noch relativ harmlos, wesentlich hartnäckiger erwiesen sich indes Sägespäne, die an den nassen Mützen, Haaren und Kleidung kleben blieben. Manch einer bekam eine kleine Gesichtsbemalung oder eine neue Frisur verpasst oder wurde ein Stück von den Narren mitgenommen.
Auch Tauschgeschäfte – besonders begehrt waren Brillen aller Art und Kopfbedeckungen – waren an der Tagesordnung. Großzügig verteilt wurden aber auch Süßigkeiten, kleine Spielzeuge und – passend zum Valentinstag – rote Plastikrosen. Dies alles getreu dem Motto „Jedem zur Freud’, keinem zum Leid“. Nach dem Umzug ging die Party weiter: Auf der Straße, rund ums Quadrium und am Abend beim großen Narrenball in der Stadthalle – und bis in die späten Nachtstunden erschallte dabei immer wieder der Wernauer Narrenruf „Hecka-Heala, hoi, hoi, hoi“.
Fasnet und Wernau sei wie Romeo und Julia – das passe einfach zusammen, so Zunftmeister Mirbauer mit einem Augenzwinkern: „Inklusive dem tragischen Ende – schließlich endet immer alles am Aschermittwoch.“ Aber im Gegensatz zur Shakespeare’schen Liebestragödie gebe es für die Wernauer Narren immer ein Licht am Horizont: „Denn am Anfang eines neuen Jahres geht es mit der nächsten Kampagne wieder von vorne los.“
Wernauer Fasnet
Geschichte
Auf Initiative einiger katholischer Frauen wurde die Wernauer Fasnet 1976 aus der Taufe gehoben. 1983 tauchten die ersten Häs der Laichleshexa und der Geesgassdeifl auf, im selben Jahr erfolgte die Vereinsgründung der Wernauer Narren. Mittlerweile ist die Wernauer Fasnet ein echter Publikumsmagnet: Allein beim Umzug am Faschingssamstag werden meist bis zu 30 000 Besucher erwartet. „Die Fasnet in Wernau ist ein Ereignis, auf das sich alle freuen“, bestätigt Zunftmeister Markus Mirbauer.
Programm
Am Faschingsdienstag steigt ab 14 Uhr die Kinderfasnet in der Stadthalle Wernau. Einlass ist bereits um 13 Uhr, Karten kosten drei beziehungsweise vier Euro. Neben einem Showprogramm sorgt die Wernauer Guggamusik „Bodenbachsymphoniker“ für Unterhaltung. Ebenfalls am Dienstag, ab 19 Uhr, wird in der alten Rathausgarage bei der traditionellen Hexenverbrennung die Fasnet zu Grabe getragen – anschließend Fasnetsausklang in der „Hölle“ (alte Rathausgarage).