Im Jazzkellers Foto: Weller - Weller

Das Literaturfest im stimmungsvollen Ambiente des Jazzkellers krönte am Samstagabend mit Literatur und Musik die 24. LesART, die von Stadtbücherei und Eßlinger Zeitung veranstaltet und durch die Stiftung Kreissparkasse und den örtlichen Buchhandel unterstützt wurde.

EsslingenEs setzt ein außergewöhnliches Ausrufezeichen hinter fast vier LesART-Wochen mit rund 3500 Besuchern in 36 Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Es führt noch einmal die spannenden Begegnungen mit Schriftstellern und Musikern vor Augen. Es rundet ein Programm ab, in dem mit großer Leidenschaft literarische Höhen erklommen und verschiedenste gesellschaftliche Fragen diskutiert wurden: Das Literaturfest im stimmungsvollen Ambiente des Jazzkellers krönte am Samstagabend mit Literatur und Musik die 24. LesART, die von Stadtbücherei und Eßlinger Zeitung veranstaltet und durch die Stiftung Kreissparkasse und den örtlichen Buchhandel unterstützt wurde.

Ein spritziger Dialog zwischen Oberbürgermeister Jürgen Zieger und EZ-Redakteur Alexander Maier, der den Abend zusammen mit Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs moderierte, zählte auch in diesem Jahr zu den besonderen Schmankerln des Literaturfestes. Trotz seines vollen Terminkalenders lässt der OB es sich nicht nehmen, Lesungen zu besuchen: „Das ist für mich nicht nur Pflicht, sondern immer auch Bedürfnis: Wer liest, erfährt etwas über Hintergründe, er findet andere Antworten auf Fragen. Lesen bedeutet, sich auseinanderzusetzen und sich auf die Weltsicht anderer Menschen einzulassen“, betonte er und plädierte vehement für den Gedanken eines Studium Generale: „Literatur gehört für mich zum Grundkanon von Bildung.“

Literarisch eröffnete Pia Rosenberger den Abend. Sie ist als Journalistin, Museumspädagogin, Stadtführerin und Schriftstellerin tätig und gestand im Kurzinterview mit Gudrun Fuchs, dass ihre beruflichen Alter Egos „ganz eng zusammenarbeiten“. Bevor sie aus ihrem jüngsten Buch „Die Prinzessin der Kelche“ (Emons-Verlag, 12.90 Euro) über Hexenverfolgungen las, schlug sie den Bogen zur Esslinger Stadtgeschichte, wo Ende des 17. Jahrhunderts 33 Menschen, Männer und Frauen, als Hexen hingerichtet wurden. Rosenbergers Hauptfigur, die junge Adelige Leontine, verfügt über seherische Gaben und muss deshalb am Vorabend der Reformation aus Esslingen in die Uracher Residenz fliehen. Gemeinsam mit Prinzessin Anna von Württemberg tanzt sie in der Nacht zum ersten Mai auf dem Jusenberg, als „der gehörnte Gott“ auftritt und ausgerechnet Leontine als Maienbraut auswählt.

Pia Rosenberger erzählt leicht, lebendig, plastisch und spannend: Als an Leontines verlassenem Haus ein umgekehrtes Pentagramm über der Tür entdeckt wird, ist klar, dass das Mädchen in großer Gefahr schwebt. Eigentlich verspricht dieser Gaunerzinken Schutz, steht er jedoch auf dem Kopf, verheißt er Unheil.

Danach las der mit dem Nikolaus-Lenau-Preis der Künstlergilde ausgezeichnete Ulrich Stolte, der Lyrik und Kurzgeschichten publiziert, fünf unveröffentlichte Romane in der Schublade hat und im Brotberuf als Journalist arbeitet. Nachdem ihm auf der Wanderung nach Santiago de Compostela seine Füße ihren Dienst versagten, nutzte er die Zwangspause zum Schreiben seiner Erzählung „Die Armee und die Ameisen“. Eltern aus einem kleinen Pyrenäendorf, die während des Spanischen Bürgerkrieges die Partisanen unterstützen, haben ihre Kinder in der Obhut des alten Jorge gelassen. Als eine Einheit von Francos Armee das Dorf bedroht, greift Jorge zu einer List, um die ungebetenen Gäste zu vertreiben.

Er setzt auf die Macht der Worte, denkt sich eine pfiffige Geschichte aus und inszeniert gemeinsam mit den Mädchen und Jungen eine fantastische Bedrohung. In klarer, dichter Sprache vertieft sich Ulrich Stolte in die Gefühlswelt des alten Jorge, der mit Lebensweisheit, Mut und einem Augenzwinkern der Übermacht des Militärs die Stirn bietet.

Sibylle Knauss‘ neuer Roman „Das Liebesgedächtnis“ (Klöpfer & Meyer, 20 Euro), eine Erzählung über eine Altersliebe im Schatten der Demenz, ist mit der Biografie der Autorin verknüpft: „Die letzten Jahre im Leben meiner Mutter. Dann ist ein Buch daraus geworden, und es hat sich überraschenderweise gut erzählt.“ Sehr zart, sensibel, würdevoll, berührend und mit einem wunderbaren Blick für jene klitzekleinen Momente, die das Leben lebenswert machen, erzählt sie, wie sich ihre Protagonistin mit Ende 60 noch einmal in einen Mann verliebt.

Über ein Jahr hinweg nähern sich die beiden in kleinsten Schritten einander an. Gleichzeitig erkennt sie, dass sie ihr Gedächtnis verlieren wird, und sie hofft, dass ihr Erinnerungsvermögen sie nicht verlässt, bevor sie ihre Geschichte aufgezeichnet hat. Und tatsächlich hält diese letzte Liebe bis zum Tod: „Es ist doch paradox: Glücklicher kann keine Liebe ausgehen, als dass sie bis zum Tod hält. Aber auch nicht schmerzhafter“, betonte Sibylle Knauss.

Zum ersten Mal gemeinsam auf der Literaturfest-Bühne standen Patrick Bebelaar, einer der profiliertesten deutschen Jazz-Pianisten, und Matthew Bookert an der im Jazz selten zu hörenden Tuba. Mal melodiös und schmeichelnd, dann vehement sich austobend und ihre Instrumente attackierend, erzählten die beiden ihre hochkomplexen musikalischen Geschichten und schufen mit beeindruckender Leichtigkeit aus unterschiedlichsten Klangfarben grandiose Stimmungen. Nach einer letzten Zugabe dankten die Veranstalter vor allem dem Publikum, das der LesART seit so vielen Jahren die Treue hält, das sich einmal mehr so offen, neugierig, aufmerksam und interessiert gezeigt hat. „Und im kommenden Jahr feiern wir die 25. LesART, die etwas ganz Besonderes werden soll“, versprachen Gudrun Fuchs und Alexander Maier zum Abschluss des Literaturfests, das mittlerweile für viele LesART-Fans Kult-Charakter hat.

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