Jörg Kleinbach (links) und Werner Rienesl vom Vorstand der Stiftung sind zufrieden mit der Notfalldose. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Mit einer Notfalldose wollen Jörg Kleinbach und Werner Rienesl vom Vorstand der Stiftung der Esslinger Baugenossenschaft das Leben für ältere Menschen erleichtern. Sie knüpfen ein dichtes Netzwerk unterschiedlicher Hilfen.

EsslingenLeben sei mehr als nur ein Dach über dem Kopf, betont der Vorstand der Esslinger Baugenossenschaft, Christian Brokate. Um in Not geratenen Menschen, insbesondere Mietern, unbürokratisch im Einzelfall zu helfen und ein selbstbestimmtes Leben so lange wie möglich in der angestammten Wohnung und dem vertrauten Umfeld zu ermöglichen, wurde anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Baugenossenschaft eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen. So konnte in den vergangenen vier Jahren unter anderem einer Familie, die ihr ganzes Hab und Gut bei einem Wohnungsbrand verloren hatte, geholfen werden. Außerdem hat die Stiftung weitere Seniorinnen und Senioren bei der behindertengerechten Ausstattung der Wohnung unterstützt.

Annähernd 2500 Haushalte wurden inzwischen mit einer grünen Notfalldose ausgestattet, die wichtige Informationen unter anderem zur Medikamenteneinnahme und Kontaktpersonen enthält. Darüber hinaus unterstützt die Stiftung fünf Wohncafés in den einzelnen Stadtteilen. Demnächst wird auch das Projekt „Nachbarschaftslotsen“ starten. „Jeder Esslinger Bürger, nicht nur Mitglieder der Baugenossenschaft, kann im Einzelfall Hilfe beantragen“, sagt Brokate. Die Hilfe greife allerdings erst nachrangig, wenn andere finanzielle Leistungen sozialer Einrichtungen oder der Krankenkassen ausgeschöpft sind. Außerdem muss sie im weiteren Sinne mit der Wohnsituation zu tun haben.

Auch aus der Not heraus – und zwar der Wohnungsnot – hatten rund zehn Engagierte, darunter Handwerker und ein Bankier, in einer Esslinger Gasstätte 1890 die Baugenossenschaft gegründet. Es war die Zeit der Industrialisierung. Bis zu zehn Bewohner mussten sich ein Zimmer teilen. Heute herrscht wieder Wohnungsnot. „Im vergangenen Jahr hatten wir durchschnittlich 200 Bewerbungen pro Wohnung“, erzählt Brokate. Die Genossenschaft hat zurzeit 7000 Mitglieder und verfügt über insgesamt 3000 Wohnungen.

Soziale Verantwortung sollte aber über die bloße Überlassung von Mietwohnungen hinausgehen, meinte nicht nur der Vorstand. Daher sei 2015 die Stiftung gegründet worden. Das Kapital von einer Viertelmillion Euro ist inzwischen durch Zustiftungen auf rund 275 000 Euro angewachsen. Ganz unbürokratisch und wenn nötig auch schnell können die beiden Vorstandsmitglieder Werner Rienesl und Jörg Kleinbach über die Verwendung der Gelder entscheiden.

Das war zum Beispiel bei zwei Wohnungsbränden der Fall, bei denen eine Familie sowie ein Ehepaar ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten. Da es keine Hausratsversicherung gab, verhalf die Stiftung mit einem einmaligen Betrag zu dringend notwendigen Neuanschaffungen wie Kleidung und Möbel. Rienesl erinnert sich auch an die ältere Dame, die immer schlechter laufen konnte und daher Handläufe in ihrer Wohnung benötigte. Einer pflegebedürftigen Seniorin half die Stiftung, als die Waschmaschine kaputt war. Einen Studenten, der kurz vor den Prüfungen stand und aufgrund des Todes seiner Mutter die Miete nicht mehr bezahlen konnte, unterstützte die Stiftung ebenfalls. „Aber nur bis zum Abschluss des Examens“, betont der Vorstand.

„Mit der grünen Notfalldose für den Kühlschrank haben wir offene Türen eingerannt“, freut sich Rienesl. Denn im Notfall zählt jede Sekunde. Und so sind Angaben über Krankheiten und Medikamente sehr hilfreich. Auf einem vorgefertigten Infoblatt können aber auch Kontaktpersonen eingetragen werden, oder welche Tiere sich im Haushalt befinden. Die Dose mit dem Faltblatt sollte leicht auffindbar und somit im Kühlschrank, den 99 Prozent aller Haushalte besitzen, aufbewahrt werden. Ein Aufkleber an der Innenseite der Eingangstür sowie außen auf der Kühlschranktür weist den Rettungskräften den Weg. 2500 solcher Dosen mit Informationen für die Lebensrettung sind inzwischen verteilt worden. „Eine Dame habe zwei und zwar auch eine für ihre Handtasche“, weiß Kleinbach. Die Aktion sei zwar mittlerweile beendet, aber wenn Bedarf bestehe, werde durchaus über eine Neuauflage nachgedacht. Eine solche Notfalldose sorge für mehr Sicherheit in den eigenen vier Wänden, weiß Brokate.

Und um der Vereinsamung entgegenzuwirken, unterstütze die Stiftung inzwischen fünf Wohncafés in den Stadtteilen. Weitere sind denkbar, wenn ein geeigneter Standort, der gut erreichbar sein sollte, gefunden werde. Brokate freut sich über die große Resonanz, insbesondere auch über das Engagement der vielen Ehrenamtlichen. In Mettingen sowie in der Pliensauvorstadt wird demnächst das Projekt „Nachbarschaftslotsen“ anlaufen. Ehrenamtliche sollen als niederschwellige Ansprechpartner im Quartier unterwegs sein, den Kontakt zu den Bewohnern suchen und bei Problemen helfen. So soll ein Netzwerk aufgebaut werden, das länger ein selbstbestimmtes Leben in der angestammten Wohnung und dem vertrauten Umfeld möglich macht. Darüber hinaus möchte die Stiftung die Vielfältigkeit fördern und die Lebensqualität stärken.

Informationen und Kontakt zur Esslinger Baugenossenschaft gibt es unter www.bge-stiftung.de oder unter Telefon 07 11/35 17 67 - 30.

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