Eigentlich als Werk mit düsteren Klängen und Anzeichen von Todesahnungen gebrandmarkt: Doch die Foto: Rainer Kellmaier - Rainer Kellmaier

Mit Franz Schuberts Messe Es-Dur sind Kantorei und Jugendkantorei in der Stadtkirche aufgetreten. Dabei zeigte der Chor, was die Messe zu einem Gipfelwerk romantischer Sakralmusik macht.

EsslingenVieles ist über Franz Schuberts Messe Es-Dur gesagt und geschrieben worden. Sie sei zu düster, klänge eher wie ein Requiem. Oder in der 1828 - Schuberts letztem Lebensjahr - geschriebenen Messe hätte der Komponist Todesahnungen verarbeitet. Ungeachtet solcher Mythen steht fest: Die Messe ist einfach herrliche Musik, dringt in ihrer Schönheit und kunstvollen Faktur tief in die Seele der Hörer ein. Eine mustergültige Wiedergabe dieses Gipfelwerkes romantischer Sakralmusik erlebten die Besucher am Vorabend des Totensonntags im Rahmen einer Stunde der Kirchenmusik in der Esslinger Stadtkirche St. Dionys.

Der Komponist sagte einst über sein Werk, er hätte in dieser Messe „ das Höchste in der Kunst“ angestrebt. In meisterhafter Ausgewogenheit stellte er homofone und polyfone Teile gegenüber, reizte vom Stile antico bis zu gewaltigen Fugen alle Facetten der Kompositionskunst voll aus. Subjektivität triumphiert hier über religiöse Doktrin, macht die Musik zu einer ganz persönlichen Glaubensbotschaft. Die zentrale Rolle hat Schubert dem Chor zugewiesen – eine anspruchsvolle Aufgabe, die Kantorei und Jugendkantorei der Stadtkirche souverän meisterten.

Frische und Helligkeit

Es ist erstaunlich, wie positiv sich dieser Chor über die Jahre entwickelt hat. Es ist nicht nur die schiere Größe mit mehr als 100 Sängerinnen und Sängern oder die erstaunliche Tatsache, dass Tenöre und Bässe in absolut ausgewogenem Verhältnis zu den Frauenstimmen stehen. Entscheidende Pluspunkte sind die überwiegend jungen Stimmen, die dem Klang eine beeindruckende Frische und Helligkeit geben. Und natürlich die hervorragende Chorschulung durch Kirchenmusikdirektor Uwe Schüssler, der in unermüdlicher Probenarbeit an Homogenität, Präzision und Intonationsreinheit feilt, und so sein Ensemble in die erste Reihe der Esslinger Chöre geführt hat.

Samtweich kam der Einsatz des Kyrie, und auch bei den dynamischen Verdichtungen blieb der Klang stets nobel und biegsam. Die Fuge „Cum sancto spiritu“ war ebenso klar aufgebaut wie das in dramatischer Wucht aufblühende Sanctus und das gemeißelt scharf erklingende Agnus Dei. Schüssler kostete alle Feinheiten der Partitur aus, beleuchtete die Dynamik bis in die Extreme und ließ das Agnus Dei mit den versöhnlichen Klängen des „Dona nobis pacem“ ruhig ausklingen.

Bei der herrlichen Melodik des „Et incarnatus est“ verwoben sich die Tenöre Christoph Rösel und Marcus Elsässer kunstvoll mit den hellen Sopranspuren von Anne Gratz, und in „Osanna in excelsis“ komplettierten Barbara Zwißler (Alt) und der Bassist Timo Hannig das Solistenensemble. Eine wesentliche Stütze der Aufführung war Musica Viva Stuttgart: Zuverlässig und klanglich differenzierend wurde der orchestrale Part der Schubert-Messe absolviert. In der eingangs gespielten h-Moll-Sinfonie Schuberts, der „Unvollendeten“, ließ das Ensemble orchestralen Glanz aufleuchten. Die aus der Tiefe aufsteigende geheimnisvolle Bassmelodie mündete in herrliche Bläserpartien, steuerte dramatische Höhepunkte an, um sich dann wieder in entspannter Gesanglichkeit zu lösen.

Reines Stimmgeflecht der Streicher

Der zweite Satz brachte klangvolle Blechbläserchoräle und wunderschöne Soli von Flöte, Oboe und Klarinette, eingebunden in das saubere und intonationsreine Stimmgeflecht der Streicher: Man hörte profiliertes Orchesterspiel – dynamisch konturiert und mit logischer Phrasierung.

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