Foto: dpa - Symbolbild dpa

Benni S. ist seit 30 Jahren drogenabhängig. Vier Therapien und zwei Gefängnisaufenthalte hat er bereits hinter sich. „Drogenabhängige sind die besten Lügner“, sagt er. Im Laufe seines Lebens mit der Sucht hat er nicht nur die Menschen angelogen, die ihm nahe standen, sondern auch die Polizei und die Behörden, mit denen er immer wieder in Konflikt geraten ist. Dennoch hat er viele Versuche gestartet, in die Normalität zurückzukehren. Denn sein größtes Ziel ist ein drogenfreies Leben.

Stuttgart – Angefangen hat alles mit einem Joint. 13 Jahre war er alt. Geraucht hat er ihn im Park neben der Schule. Seitdem sind 30 Jahre vergangen. 30 Jahre der Drogenabhängigkeit, 30 Jahre voller Höhen und Tiefen im Leben von Benni S. Der 42-Jährige sitzt in seiner Wohnung in Bad Cannstatt, rollt sich eine Zigarette und erzählt von seiner Vergangenheit. Wenn er erzählt, ist das ein Kampf mit seiner Erinnerung. „Die Drogen haben ganze Jahre aus meinem Gedächtnis gelöscht“, sagt er. Das, woran er sich erinnert, erscheint wie ein Film. Es klingt so verrückt, dass es eigentlich nicht passiert sein kann – und bleibt seine Version der Wahrheit.
In der Dekoration seines Zimmers zeigen sich seine zwei großen Leidenschaften: Fremde Länder und Sport. Verschiedene Landkarten an den Wänden und eine Fahne seiner Lieblingsfußballmannschaft Atletico Madrid deuten auf seine Verbundenheit mit Spanien hin. „Es ist das Land, aus dem meine Mutter stammt, sie ist Baskin.“ Stolz erzählt er vom Stammbaum, der bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht. In der Ecke seines Zimmers ist eine Trainingsbank aufgebaut, auf der Boxhandschuhe liegen. „Wenn ich keine Drogen nehme, dann mache ich viel Sport, das ist mein Ausgleich.“
Die Drogensucht ist ein Fulltime-Job. Um sich Stoff zu beschaffen, ist ihm kein Mittel zu extrem. Diebstahl und Drogenhandel sind die Folge. Zwei Gefängnisaufenthalte hat ihm das eingebracht. „Doch das Allerschlimmste für mich war, diejenigen anzulügen, die mir etwas bedeutet haben“, sagt er. Nicht nur den anderen, auch sich selbst hat er viel vorgemacht. Insbesondere bei den vielen Versuchen, mit den Drogen Schluss zu machen.
Ein weiterer Versuch steht Benni S. nun bevor. Er ist aufgeregt. Nächste Woche fängt die Drogentherapie an. Dafür bereitet er sich mental und physisch vor. Er wäscht seine Wäsche und sorgt für Ordnung in der Wohnung, die er für eine ganze Weile nicht mehr sehen wird. Das wird sein vierter Therapieaufenthalt. Der erste war 1995. Er erinnert sich nicht gern: „Damals gab es noch andere Behandlungsmethoden in der Klinik. Die wollten einen mental zerbrechen und wieder neu aufbauen.“ Heute seien die Therapien weiter fortgeschritten und laufen daher grundlegend anders ab. Er hat Hoffnung. Was ihn so früh schon zu den Drogen getrieben hat, kann er sich leicht erklären. Sein Vater ist gestorben, als er zehn Jahre alt war. „Danach ging für mich alles bergab“, erzählt Benni S. Er ist in Stuttgart geboren und in Kornwestheim aufgewachsen. Dort ist er auch in die Schule gegangen. „Ich war dennoch immer ein guter Schüler.“ Auch seinen Abschluss zu machen, hat ihm keine Probleme bereitet. Mit einer kaufmännischen Berufsausbildung wollte er seine Leidenschaft verfolgen und viel reisen. Doch als er 18 Jahre alt wurde, kam dann alles anders als geplant.
Seine damalige Freundin wurde schwanger, Benni S. wurde Vater. Statt heimischer Familienidylle kamen noch mehr Drogen: „Danach bin ich erst mal zum Bund gegangen. Dort habe ich angefangen, im großen Stil Drogen zu schieben.“ Er war in der Albkaserne in Stetten am kalten Markt. Der Drogenhandel lief dort nicht lange erfolgreich ab, irgendwann flogen seine kriminellen Machenschaften auf. Die Polizei war ihm auf die Schliche gekommen und stand mit einem Durchsuchungsbefehl Zuhause vor der Tür. „Ich hielt meinen Sohn in den Armen, als ich die Beamten hereingelassen habe. Das werde ich nie vergessen.“ Dass er damals mit einem blauen Auge davongekommen war, verdankt er seinem Talent, Menschen anzulügen. Er erzählte den Polizisten nicht, wo die Drogen versteckt waren. Gab sich ganz gelassen bei der Wohnungsdurchsuchung. Die Drogen im Haus wurden nicht gefunden. Mehrere Male ist er seit dem an die Polizei geraten. Und hat es immer wieder geschafft, davonzukommen. „Drogenabhängige sind die besten Lügner.“ sagt er.
Sein Konsum hatte mit Anfang 20 einen Höhepunkt erreicht. Heroin, Pillen, alles was er in die Finger kriegen konnte, nahm er auch. Bis zu seinem ersten Absturz. „Ich habe große Erinnerungslücken in meinem Leben, daher weiß ich nicht genau, was damals wirklich passiert ist.“ Einige Fetzen sind übrig. Beispielsweise musste er seine Wohnung verlassen. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er mit seiner gepackten Tasche vor der Haustür seiner Mutter stand. Auch ihr hatte er bis dahin viel vorgemacht. Immer mit dem Ziel, seine Sucht zu verheimlichen. Doch das Kartenhaus aus Lügen war vor der Haustür seiner Mutter zusammengebrochen. Alles kam zusammen: Die Polizeidurchsuchung, der Verlust seiner Wohnung, und dann hatte er sich mit dem Hepatitis-C-Virus angesteckt. Er zog die Reißleine: der erste Therapieversuch.
Damals schaffte er es, das erste Mal für längere Zeit, drogenfrei zu bleiben. „Für mich war es wichtig, dafür weg aus Stuttgart zu kommen“, sagt er. Er lebte für mehrere Jahre in München und arbeitete als Pfleger. Alles schien sich zum Besseren zu wenden: Er hatte eine Freundin, die Therapie schlug an. Doch das hielt nur wenige Jahre. „Irgendwann hatte ich dann wieder einen Zusammenbruch, nachdem sich meine Freundin nach 13 Jahren von mir trennte.“
Er kehrte zurück nach Stuttgart. Doch auch Stuttgart war wie eine Droge für ihn. Er ist nie wirklich von der Stadt weggekommen. Zurückkommen bedeutete für ihn, rückfällig zu werden und in das zu alte Muster der Drogensucht zu fallen. Wenn Benni S. über Stuttgart erzählt, denkt er an eine andere Stadt, als die meisten Menschen damit verbinden. Er denkt an die vielen zwielichtigen Orte, an denen sich die Drogenabhängigen aufhalten. Wohnungen, in denen sie Drogen kaufen und konsumieren können. Unterkünfte, die es für Menschen gibt, die keine andere Zuflucht kennen. Er erinnert sich an die verschiedenen Phasen, die der Drogenhandel über die Jahre hinweg genommen hat. „Als ich angefangen habe, Heroin zu nehmen, wurde viel von Kurden verkauft. Die wurden dann irgendwann abgelöst von albanischen Drogendealern.“
Laut seinen Aussagen fing in dieser zweiten Phase des Drogenhandels ein Dumping-Geschäft mit Heroin in Stuttgart an. Plötzlich konnte es für viel weniger Geld in viel besserer Qualität erworben werden. Es war aber auch die Zeit, in der viele aus seinem Bekanntenkreis einen Drogentod gestorben sind. Wie durch ein Wunder überlebte er diese Zeit.
Auch mit den Drogeneinrichtungen und Obdachlosenunterkünften in Stuttgart kennt er sich aus. Er lebte eine Zeit lang in einer Notunterkunft in der Hauptstätter Straße. „Das war die Hölle für mich. Ich habe jede Nacht mit einem Messer in der Hand geschlafen, weil ich Angst hatte, angegriffen zu werden.“ Er berichtet von vielen Diebstählen unter den Bewohnern, Aggressionen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. „Es war wie im Knast.“ Irgendwann landete er in Bad Cannstatt und lebte im Wohnheim für Wohnungslose im Carlo-Steeb-Haus. Auch zu seinem Sohn hatte er keinen Kontakt mehr gehabt.
Nach diversen Tiefschlägen kam wieder eine Zeit der Besserung. Bevor Benni S. seinen bislang letzten Rückfall erlitten hatte, ging es ihm gut. Er arbeitete in Stuttgart in einem Restaurant, hatte ein geregeltes Einkommen, schmiedete mit seiner neuen Freundin Pläne für die Zukunft. Sie wollten gemeinsam eine Wohnung kaufen. Doch auch diese Idylle, die er sich aufgebaut hatte, schien fast wie eine Selbstlüge. Denn irgendwann holten ihn auch diesmal die Sucht und die Vergangenheit wieder ein. „Die Arbeit im Restaurant war sehr anstrengend. Die Schichten haben schon mal 17 Stunden und länger gedauert“, erzählt er. Auch diese Arbeit lebte er im Extrem. Wie auch seine Drogensucht. Er griff zu Aufputschmitteln. Der Anfang vom Ende. Das Doppelleben fing wieder an. Heimlich ging er zum Konsumieren während der Arbeit auf die Toilette. Er versuchte, die Fassade eines normalen Lebens lange Zeit aufrechtzuerhalten. Bald merkte er, dass er wieder abhängig war. Er verlor seine Arbeitsstelle.
Die Drogensucht war nun wieder der Full-Time-Job. „Junkies wären die besten Manager. Es ist unglaublich, wie effektiv man dabei ist, Drogen zu beschaffen.“ Nur noch auf Droge war er normal. Die ewige Spirale ging weiter, und irgendwann folgte wieder ein Therapieversuch. Heute nimmt er kein Heroin mehr, dafür Pillen und synthetische Drogen. „Dass ich es geschafft habe, zu überleben, verdanke ich meinem Willen, mit den Drogen aufhören zu wollen.“ Er konnte immer rechtzeitig die Reißleine ziehen und zur Therapie gehen.
Manchmal ging es auch wieder bergauf. Sein Sohn hat irgendwann den Kontakt zu ihm gesucht, und inzwischen sehen sie sich regelmäßig. „Mein Sohn lebt meinen Traum und reist nun viel“, erzählt er. Der Junge weiß von der Drogensucht des Vaters. Nur zu ihm ist Benni S. ehrlich. Wenn er in seiner Wohnung in Bad Cannstatt auf sein Leben blickt, sieht er viele Lügen und außergewöhnliche Geschichten. „Die Sucht bedeutet Sterben auf Raten, sie führt zu keinem guten Ergebnis“, sagt er. Und mit der Therapie, in die er nächste Woche geht, will er mit dem Sterben aufhören und endlich anfangen, ein Leben zu führen.

Erdem Gökalp . . . . . war erstaunt darüber, dass er mit einem fremden Menschen ein Gespräch über Lügen führen konnte, in dem so wenig gelogen wurde.

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