Stephen Kings neuer Roman heißt auf deutsch „Später“. Foto: Lukas Jenkner

Die nächste Story aus der Schreibfabrik des US-Horror-Autors Stephen King ist auf dem Markt. In „Später“ muss ein Junge mit einer übersinnlichen Gabe leben – und erwachsen werden, ohne dabei draufzugehen.

Stuttgart - Der Grusel schleicht sich so heimlich in Stephen Kings „Später“, dass er beim ersten Lesen schnell übersehen wird. Auch wenn der Ich-Erzähler James Conklin eingangs betont, er erzähle nun eine Horrorstory, geht es zunächst einmal halbwegs harmlos weiter. Der kleine Jamie kommt mit seiner Mutter Tia nach Hause, als der liebenswerte Mr. Burkett aufgelöst im Flur steht und ihnen mitteilt, dass seine Frau soeben gestorben ist. So beiläufig erzählt Jamie, dass derweil die tote Mona Burkett neben ihrem trauernden Mann steht, dass der Leser erst ein paar Zeilen später kapiert, was eigentlich passiert.

Jamie Conklin kann tote Menschen sehen. Das geht allerdings nur für eine kurze Zeit des Übergangs ins Reich der Toten, außerdem hat Jamies Gabe einen Clou: Die Toten können mit ihm sprechen und müssen ihm dabei die Wahrheit sagen. Dass diese nicht immer eindeutig ist, gibt „Später“ im Verlauf der Handlung den einen oder anderen Kick.

Die Mutter spannt den Sohn für ihre Zwecke ein

Jamies alleinerziehende Mutter und er gehen mit dieser übersinnlichen Fähigkeit erstaunlich gelassen um, King spart sich den „Panische-Eltern-entdecken-die-magische-Gabe-ihres-Kindes-Phase“. Tia nutzt die Fähigkeit ihres Sohnes im Gegenteil sehr pragmatisch, als der Star-Autor ihrer kleinen Literaturagentur das Zeitliche segnet, bevor er den letzten Teil einer deftigen, erfolgreichen, allerdings literarisch eher peinlichen Saga schreiben konnte. Es erscheint naheliegend, dass die Mutter ihren Sohnemann zum soeben Verstorbenen schleift. Doch dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

So viel steht im Wesentlichen auf dem Einband von „Später“, mehr lässt sich deshalb an dieser Stelle kaum verraten, ohne wesentliche Wendungen von Kings jüngstem Werk zu verraten. Nur so viel sei angedeutet: Jamies Mutter Tia bleibt nicht die einzige, die von der Gabe ihres Sohnes erfährt, und mancher stirbt einen unschönen Tod, was für entsprechende Anblicke sorgt.

Deutet das Ende eine Fortsetzung an

Vordergründig liefert Stephen King eine wendungsreiche Horrorstory ab. Wer das Werk des US-Horrorautors über die Jahrzehnte verfolgt hat, weiß jedoch, dass unter der gruseligen Oberfläche einer King-Geschichte meist ein Meta-Thema schlummert, das seine Bücher vom blutigen Metzeleinerlei billigen Horrors abhebt. Im Falle von „Später“ ist dies die Entwicklung eines Kindes, das sich in der Erwachsenenwelt behaupten muss und daran reift. Die Novelle „Die Leiche“ aus der Sammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ und der Roman „Das Mädchen“ haben ein vergleichbares Motiv, das Epos „Es“ zelebriert es in opulenter Breite.

„Später“ ist im Vergleich dazu eine schnelle, schlanke Story, die das King-Werk bereichert. Das Ende, so viel sei ebenfalls verraten, lässt den Leser allerdings ratlos zurück. Bestenfalls deutet sich eine Fortsetzung an – „später“.

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