Stephen Kings neuer Roman „Holly“ ist eine Mischung aus Pandemiechronik und einer Killerhatz in bester Hitchcock-Tradition, die ein bisschen mehr Action vertragen hätte.
Covid, Masken, Impfen? Ernsthaft? Wer will denn das noch lesen? Stephen Kings neuer Roman „Holly“ spielt mitten im zweiten Sommer der globalen Coronapandemie, und daran muss sich der Leser zunächst gewöhnen. Der Horroraltmeister lässt seine derzeitige Lieblingsfigur Holly Gibney in den zutiefst gespaltenen USA ermitteln, deren politische Wirren im Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 gipfelten. Seit mehreren Romanen ist es Stephen King ein Bedürfnis, die politische Spaltung seines Landes zu thematisieren – was für den Lesegenuss nicht immer hilfreich ist.
Mützen mit dem Slogan „Make America great again“, Impfverweigerer, Trump-Parolen und Querdenker bilden in „Holly“ einerseits ein Grundrauschen, andererseits sind die verbohrten Ideen von Verschwörungstheoretikern à la QAnon im so betulichen wie mörderischen Gelehrtenpaar Harris unmittelbar verkörpert – menschenverachtende Hassparolen, wie sie seit Jahren vor allem die sozialen Medien überschwemmen, eingeschlossen. Emily und Rodney Harris, das ist von Anfang an klar, bringen Menschen um, weil sie davon überzeugt sind, ein Recht darauf zu haben, auch wenn die Gesellschaft, in der sie leben, ihre Motive mit einem Tabu belegt hat.
Das Grauen entsteht in den Köpfen der Leser
Die Privatdetektivin Holly Gibney wird von einer Mutter engagiert, deren Tochter seit mehreren Wochen vermisst wird – und stochert zunächst im Nebel. So nimmt die Handlung ihren Lauf, King lässt das tödliche Treiben des Ehepaars Harris und Gibneys Ermittlungen chronologisch aufeinander zulaufen, was einen Spannungsbogen in bester Hitchcock-Manier ergibt und an dessen Filme „Cocktail für eine Leiche“ oder „Bei Anruf Mord“ erinnert. Zumal King auf brutale Schockeffekte verzichtet und das Grauen nur durch Andeutungen im Kopf der Leser erzeugt – bis zum Finale, wo es dann doch noch blutig zur Sache geht.
Auch wenn Splattereffekte kein Ersatz für echte Spannung sind: „Holly“ hätte ein bisschen mehr Action vertragen. Das gemächliche Tempo erzeugt ein subtiles Grauen, aber über mehr als 600 Seiten braucht es dann doch streckenweise ein bisschen Geduld für die Lektüre. Unterm Strich bleibt „Holly“ ein lesenswerter, von allem Übernatürlichem freier Thriller, der seinen Horror dadurch entfaltet, dass King zwei wahnsinnige, vom eigenen Sendungsbewusstsein besoffene Querdenker nicht ins Internet oder gegen ein Parlamentsgebäude krakeelen, sondern einfach mal loslegen lässt. Wie die Welt aussehen könnte, wenn all diese Leute ihrem Hass mal wirklich freie Bahn lassen, lässt einem das Blut gefrieren.
Stephen King: Holly. Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt. Heyne Verlag, 28 Euro.