In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wird ein ökumenischer Gottesdienst für die Verstorbenen der Corona-Pandemie gefeiert. Unter den Gästen sind auch Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel. Foto: AFP/Gordon Welters,

Der Bundespräsident hat ein Gedenken für die Verstorbenen der Pandemie ausgerichtet. Steinmeier äußerte Verständnis für Bitterkeit und Wut. Er rief die Menschen dazu auf, dennoch Kraft zu finden, um als Gesellschaft nicht auseinander zu driften.

Berlin - Das Letzte, was Anita Schedel von ihrem Mann hörte, war, dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er werde jetzt ins künstliche Koma versetzt, sagte er ihr am Telefon im Krankenhaus. „Ich bin in den besten Händen, Du kannst mich bald wieder abholen. Ich freue mich auf Dich.“ Nach acht Tagen Bangen und Hoffen sagten ihr die Ärzte, dass sie nichts mehr für ihren Mann tun könnten. Sie durfte noch einmal zu ihm auf die Intensivstation. „Bis heute begleiten mich die Bilder von dem einsamen, langen Klinikflur, von den blinkenden und piepsenden Geräten und Schläuchen und Maschinen, und mittendrin – mein Hannes.“ Hannes Schedel, selbst Arzt und Klinikbetreiber aus Passau in Niederbayern, starb am 14. April des vergangenen Jahres an Covid-19. Er wurde 59 Jahre alt.

An diesem Sonntag steht seine Witwe in Berlin an einem Rednerpult im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Sie schildert mit brüchiger Stimme, dass sie ihrem sterbenden Mann noch die Hand drücken konnte. Sie sei dem Klinikum dafür sehr dankbar. „Mein Mann hat sein Leben verloren. Ich bin ins Nichts gefallen. Aber ich habe noch ein Leben. Es ist ganz anders als vorher. Es war nicht meine freie Entscheidung.“ Auch Anita Schedel war an Corona erkrankt. Sie überlebte.

Die 57-Jährige spricht an diesem Tag bei der zentralen Gedenkveranstaltung für die Toten in der Corona-Pandemie. Die Spitzen der Verfassungsorgane sind anwesend – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel, die Präsidenten von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht. An vielen anderen Orten der Republik wird an diesem Tag in kleineren Veranstaltungen ebenfalls der Toten gedacht.

Es ist eine ergreifende Veranstaltung unter Bedingungen der Pandemie

Rund 80 000 Menschen starben hierzulande bislang mit dem oder durch das Coronavirus. Etliche weitere, die seit Beginn der Pandemie aus andere Gründen ihr Leben verloren, mussten einsam sterben – weil ihre Nächsten in den letzten Stunden aufgrund der Corona-Bestimmungen in Kliniken nicht bei ihnen sein durften. Um all diese Menschen und die Trauer der Angehörigen geht es an diesem Sonntag in Berlin. Neben Anita Schedel ergreifen drei weitere Betroffene das Wort und erzählen von ihrem verstorbenen Angehörigen. Sie tun das stellvertretend für alle Opfer und alle Hinterbliebenen.

Da ist eine Frau mit türkischen Wurzeln, deren Vater einst als Gastarbeiter nach Deutschland kam und mit 67 Jahren dem Virus erlag. Ein Mann berichtet von seiner Mutter, die mit 80 Jahren dement im Pflegheim an Covid-19 starb. Eine junge Frau spricht über ihren lebenslustigen Vater, der mit 53 Jahren im Krankenhaus den Kampf gegen den Blutkrebs verlor – und seine Familie nicht mehr sehen konnte. Anwesend ist auch eine Frau, deren 23-jährige Tochter, die eine Behinderung hatte, an Corona starb. Schwarz-weiße Fotos der Verstorbenen werden auf Bildschirme projiziert. Später kommen noch Bilder weiterer Opfer hinzu.

Es ist eine ergreifende Veranstaltung unter Bedingungen der Pandemie. Die Teilnehmer im Konzerthaus tragen Masken und sitzen mit Sicherheitsabstand zueinander. Die Hinterbliebenen durften noch einen Begleiter mitbringen. Neben den Repräsentanten des Staates ist der Apostolische Nuntius anwesend, außerdem Berlins Regierender Bürgermeister. Zudem sind Musiker des Konzerthausorchesters im riesigen Saal. Weitere Gäste sind nicht zugelassen. Das Fernsehen überträgt die Veranstaltung.

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, Deutschland steckt mitten in der dritten Welle. Insofern kann der Staat mit einer Gedenkfeier dieser Art keinen Schlusspunkt setzen. Gleichwohl kam Bundespräsident Steinmeier im Laufe der Zeit zur Überzeugung, dass das Land einen Moment des Innehaltens brauche.

Steinmeier: „Wir verstehen Ihre Bitterkeit.“

Am Sonntag sagt der Bundespräsident: „Seit dem Beginn der Katastrophe blicken wir täglich wie gebannt auf Infektionsraten und Todeszahlen, verfolgen Kurvenverläufe, vergleichen und bewerten.“ Das sei verständlich. Aber sein Eindruck sei, dass sich die Gesellschaft nicht oft genug bewusst mache, dass hinter all den Zahlen Schicksale und Menschen stehen. Ihr Leiden und ihr Sterben seien oft unsichtbar geblieben. „Eine Gesellschaft, die dieses Leid verdrängt, wird als ganze Schaden nehmen.“ Die Verstorbenen fehlten, sagt Steinmeier. „Sie alle kommen nicht zurück – aber sie bleiben in unserer Erinnerung. Wir vergessen sie nicht.“ In Richtung aller Hinterbliebenen sagt der Präsident: „Es gibt keine Worte für Ihren Schmerz. Aber wir hören Ihre Klage. Wir verstehen Ihre Bitterkeit.“

In der Mitte des Saales stehen mit Blumen dekorierte Stelen. Jeweils ein Repräsentant der Verfassungsorgane begleitet einen anwesenden Angehörigen dorthin. Gemeinsam stellen sie Kerzen ab. Das soll symbolisieren: Der Staat begleitet die Hinterbliebenen in ihrer Trauer.

Steinmeier sagt in seiner Ansprache, die Pandemie zeige in allen Teilen des Landes, wie viel Gemeinsinn und Mitgefühl in der Gesellschaft steckten. „Diese Mitmenschlichkeit, sie ist ein Lichtblick in dunkler Zeit.“ Jetzt gehe es darum, trotz Wut und Schmerz noch einmal Kraft zu sammeln: „Lassen wir nicht zu, dass die Pandemie, die uns schon als Menschen auf Abstand zwingt, uns auch noch als Gesellschaft auseinandertreibt!“

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