Auf 1125 Meter Höhe liegt Eruh zwischen schneebedeckten Gipfeln der zerklüfteten Berglandschaft von Südostanatolien – ideales Gelände für die Kämpfer der PKK. Foto: Susanne Güsten

In der südosttürkischen Kleinstadt Eruh begann am 15. August 1984 der Kurden-Krieg. Bald könnte der blutige Konflikt nach mehr als 40 Jahren enden.

Ridvan fegte spätabends noch den Friseurladen, als es losging. „Eine Ballerei, ein Geschrei war das“, erinnert sich der 69-Jährige. Vermummte Kämpfer rannten durch die dunklen Straßen von Eruh, schossen um sich und besetzten die Polizeiwache, die Moschee und ein Teehaus am Markt. Einen jungen Gendarmen, der sich ihnen entgegenstellte, erschossen sie. Vom Minarett riefen sie auf Türkisch und Kurdisch: Der kurdische Befreiungskampf habe begonnen. Dann verschwanden sie in die Nacht und in die Berge.

Übermütige Banditen, dachte Ridvan, und ging heim. Was er damals nicht wissen konnte: Mit dem PKK-Überfall auf die kurdische Kleinstadt in den Bergen von Südostanatolien begann in jener Nacht des 15. August 1984 ein Krieg, in dem über 50 000 Menschen sterben sollten. Nach über 40 Jahren könnte dieser Krieg jetzt endlich enden.

1978 von einer Gruppe linker Kurden um den Studienabbrecher Abdullah Öcalan gegründet, hatte sich die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zunächst dem Klassenkampf verschrieben und bekämpfte das Feudalsystem im kurdischen Südosten der Türkei. Als die kurdischen Stammesfürsten sich gegen ihre Angriffe mit dem türkischen Staat verbündeten, rückte der Staat selbst ins Visier der Guerilla.

Auf 1125 Meter Höhe liegt Eruh zwischen den schneebedeckten Gipfeln der zerklüfteten Berglandschaft von Südostanatolien – ideales Gelände für die Kämpfer der PKK. An der Landstraße, die in kühnen Kurven aus der Provinzhauptstadt Siirt nach Eruh hinaufführt, kontrollieren heute noch Soldaten in Kampfmontur jedes Fahrzeug und seine Insassen an Barrikaden, die mit Sandsäcken und steingefüllten Tonnen bewehrt sind.

Mit dem Angriff in Eruh eröffnete die PKK ihren Krieg gegen die Türkei. Der Konflikt trieb Millionen Kurden in die westtürkischen Großstädte und nach Europa und weitete sich auf die Nachbarländer Irak und Syrien aus. PKK-Chef Öcalan wurde 1999 von der Türkei gefasst und sitzt seitdem auf der Gefängnisinsel Imrali bei Istanbul in Haft. Vor zehn Jahren scheiterte ein erster Einigungsversuch.

Nun sieht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine neue Chance. Er hat Verhandlungen zwischen Öcalan und Kurdenpolitikern ermöglicht und Gespräche des türkischen Geheimdienstes mit dem Rebellenchef angeordnet. Als Ergebnis will Öcalan nach übereinstimmenden Angaben türkischer und kurdischer Quellen nun die PKK aufrufen, den bewaffneten Kampf zu beenden – möglicherweise schon an diesem Samstag, dem 26. Jahrestag seiner Festnahme. Als Belohnung winkt ihm die Haftentlassung.

PKK-Chef Abdullah Ocalan, hier bei einem Prozess im Jahr 1999, wird seit 26 Jahren auf der Gefängnisinsel Imrali im Maramameer festgehalten. Foto: Hurriyet/dpa

Ein Friedensappell von Öcalan wäre eine historische Zäsur. Zwei Generationen von Türken und Kurden sind mit PKK-Terroranschlägen und Großoffensiven der Armee aufgewachsen. Der Krieg hält Südostanatolien in Armut, vergiftet das innenpolitische Klima und ist ein chronisches Streitthema in den türkischen Beziehungen zu Nachbarn und zum Westen. Ohne Kurden-Konflikt könnte die Türkei ein völlig anderes Land werden.

„Wir hoffen so sehr, dass diese Initiative endlich den Frieden bringt“, sagt der Friseur Ridvan. Seine drei Söhne sind in dem Konflikt aufgewachsen; der älteste Sohn, in jener Nacht zwei Jahre alt, hat heute graue Haare. Die Söhne arbeiten mit ihrem Vater im Friseursalon hinter dem Marktplatz von Eruh. Bei Tee und Zigarettenrauch werden in dem Salon die Nachrichten besprochen. Die Hoffnung auf ein Kriegsende sei in Eruh riesig, sagt der Mittfünfziger Ramadan, der sich noch gut an jene Nacht erinnern kann und kurz danach zur türkischen Armee eingezogen wurde, um selbst zu kämpfen. Von der Friedensinitiative wünsche er sich vor allem „Seelenfrieden“, sagt der Kurde, „und zwar für alle“.

Eine Gedenktafel erinnert an das erste Opfer

Nicht alle Einwohner von Eruh teilen diese Ansicht. „Lügen, alles Lügen“, sagt Ibrahim, ein gut gekleideter Geschäftsmann: Öcalan werde die PKK niemals aufrufen, die Waffen niederzulegen. „Die PKK hat diesem Kampf zehntausende Märtyrer geopfert“, sagt er. „Sollen sie alle umsonst gestorben sein?“ Als Elfjähriger habe er die Ansprache der Rebellen vom Minarett gehört, erzählt er, und empfinde seither Sympathie für ihre Sache. Was den jungen Gefreiten angehe, den sie bei dem Überfall töteten, so hätte der sich ihnen nicht in den Weg stellen sollen, sagt er mit einem Schulterzucken.

Süleyman Aydin war Schreiber auf der Polizeiwache und das erste Todesopfer in diesem Krieg; eine Gedenktafel am Rande des Marktplatzes erinnert an ihn.

Noch ist unklar, was Öcalan in seinem Appell sagen wird, der als Videobotschaft aus dem Gefängnis ausgestrahlt werden soll. Der türkische Staat verlangt die Kapitulation der PKK, könnte nach Medienberichten aber der Verankerung von Minderheitenrechten in der Verfassung zustimmen. Offen ist auch, wie die PKK-Kommandanten reagieren werden, die sich in den nordirakischen Bergen verschanzt haben. Der PKK-Kommandant Murat Karayilan deutete im PKK-nahen Sender Sterk-TV an, dass seine Kämpfer nicht ohne weiteres das Feuer einstellen werden. Die PKK-Mitglieder hätten ihr Leben schließlich einer Ideologie verschrieben. „Ein Video allein reicht da nicht“, sagte Karayilan.

Friseur Ridvan in seinem Salon – er war Zeuge des ersten PKK-Angriffs Foto: Susanne Güsten/Autorin

PKK-Sympathisant Ibrahim in Eruh sieht das ähnlich. Er frequentiert ein Teehaus am Marktplatz, in dem sich Anhänger der Kurdenpartei DEM versammeln – der Partei wird eine ideologische Nähe zur PKK vorgeworfen, wenngleich sie der Gewalt abschwört. Mit verächtlicher Miene zeigt der Geschäftsmann auf das Teehaus gegenüber: „Dort drüben sitzen die AKP-Anhänger“, die Unterstützer der türkischen Regierungspartei, sagt er naserümpfend.

Die kurdische Kleinstadt ist gespalten; früher saß die DEM im Rathaus, bei der letzten Kommunalwahl gewann die AKP. Die Anhänger beider Lager scharen sich in getrennten Teehäusern am Marktplatz zusammen und blicken scheel aufeinander wie Fans rivalisierender Fußballvereine. Erst wenn der Muezzin ruft, stehen alle auf und schlurfen über den Platz, um gemeinsam in der Moschee zu beten.

Viele Dörfer um Eruh liegen verlassen und verfallen

Mit einer Gebetskette spielt der 55-jährige Hayrettin, der vor seinem Geschäft für Haushaltswaren steht und mit zwei seiner Freunden plaudert. Er war nicht in der Stadt, als die PKK einfiel, sagt er, und seine beiden Freunde auch nicht: Sie lebten damals noch friedlich in ihren Dörfern außerhalb der Kleinstadt und trieben die Schaf- und Ziegenherden ihrer Familien über die Bergweiden. Die PKK vertrieb sie aus ihren Dörfern, erzählen die Männer: „Sie wollten uns zwingen, für sie zu kämpfen, aber wir wollten nicht.“ Dafür bezahlten viele Kurden mit dem Leben.

Auch hier in der Umgebung verübte die PKK blutige Massaker in kurdischen Dörfern, die nicht mitmachten; auf der anderen Seite stand die türkische Armee, die jeden Verdacht der Beihilfe für die Rebellen brutal bestrafte. 1993 musste seine Familie in die Stadt fliehen, erzählt Hayrettin. „Wir besaßen Felder, Vieh und Häuser in unserem Dorf. Die mussten wir zurücklassen. Wir haben alles verloren.“

Die Zeit der schlimmsten Kämpfe ist vorüber, doch viele Dörfer um Eruh liegen verlassen und verfallen. Noch immer werden in der Gegend vereinzelt PKK-Kämpfer oder Soldaten erschossen, hier und da wird ein Waffenlager entdeckt. In Stadtnähe von Eruh treiben einige Hirten wieder ihre Herden aus, doch die Bauern aus den Dörfern sitzen arbeitslos in den Teehäusern von Eruh: Nach 40-jährigem Krieg in ihren Bergen haben sie schon lange keine Herden mehr.