Die immer größer werdende Skepsis gegenüber der Globalisierung stellt für viele Ökonomen eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft dar. Foto: Fotolia/Sean K Quelle: Unbekannt

„Nichts ist übler als ein Rückfall in den Protektionismus. Freihandel ist kein Nullsummenspiel.“ „Nötig ist ein kooperativer Geist, der den Briten Brücken für eine spätere Rückkehr baut.“

Von Sabrina Erben

Stuttgart - Stefan Kooths ist Volkswirt. Seine Arbeitswelt besteht zu einem Großteil aus Zahlen, Diagrammen und Prognosen. Mit orangenen und blauen Linien erklärt er anhand unzähliger Balkendiagramme den globalen Wirtschaftsverlauf der vergangenen Jahre. „Wir haben in Deutschland eine ‚Kaugummi-Konjunktur‘ ohne starke Ausschläge. Aber die Risiken werden größer“, sagt Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), bei seinem Vortrag in Stuttgart. Seit zwölf Jahren veranstaltet die IHK Region Stuttgart das Konjunkturgespräch für Betriebe. Viele Unternehmer kommen, um wirtschaftliche Einschätzungen für künftige Investitionen zu erhalten.

Ein Risiko, das Kooths umtreibt, ist der künftige US-Präsident Donald Trump. „Dass Trump sich gegen das TTP-Abkommen ausspricht, ist ein sehr negatives Zeichen.“ Die orangenen und blauen Kurven des Ökonomen Kooths basieren nämlich auf einer Annahme: Wohlstand und Wachstum durch Freihandel. Die immer größer werdende Skepsis gegenüber der Globalisierung - nicht nur in den USA - ist für den Wirtschaftswissenschaftler problematisch. „Es ist ein Vorurteil, dass Freihandel nur im Interesse der Konzerne ist. Unternehmen und Investoren helfen einer Volkswirtschaft, produktiver zu sein, indem sie das Kapital an die ertragreichsten Stellen lenken.“ Kommt nun das Zeitalter des Neoprotektionismus? „Es wird nicht funktionieren. Wachstum und Abschottung passen nicht zusammen.“ Der Ökonom betont, dass die breite Masse von der Globalisierung profitiere. „Von billigen Produkten wie beispielsweise T-Shirts oder Handys profitieren die meisten Konsumenten in den westlichen Ländern.“

Die EU und insbesondere Deutschland und Österreich verdanken Kooths zufolge ihren Wohlstand dem Freihandel. „Nichts ist übler als ein Rückfall in den Protektionismus. Es ist kein Nullsummenspiel, beide Seiten profitieren.“ Doch Kooths fasst sich auch an die eigene Nase: „Vielleicht müssen wir Ökonomen das den Menschen noch besser verdeutlichen.“

Nach dem Brexit-Votum rät Kooths zu Besonnenheit. „Nötig ist ein kooperativer Geist, der den Briten Brücken für eine spätere Rückkehr baut.“ An Großbritannien wegen des EU-Austritts ein Exempel zu statuieren, sei ein Armutszeugnis für die EU. „Ein Club ist dann attraktiv, wenn er seinen Mitgliedern Möglichkeiten eröffnet, die nur zusammen erreichbar sind. Aber nicht dadurch, dass bei einem Austritt harte Sanktionen drohen.“

Für die kommenden Jahre rechnet das IfW für Deutschland mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Der Konsum bleibt weiter Wachstumstreiber“, sagt Kooths. Auch das Baugewerbe bleibe im Aufwind und komme an Kapazitätsgrenzen. „Langfristig hat der demografische Wandel aber einen Rückgang des Arbeitsvolumens zur Folge. Die Zuwanderung nach Deutschland kann diesen Prozess nicht mehr aufhalten.“

Für Kooths verursacht die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank massive Fehlsteuerungen. „Eine Zinswende ist bisher allerdings nicht absehbar.“ Die Wirksamkeit der Geldpolitik sei deshalb so schwach, weil der Anteil an notleidenden Krediten in den Bankbilanzen nach wie vor zu hoch sei. Und: „Die Firmeninsolvenzen sind derzeit ausgesprochen gering. Es findet eine ‚Zombifizierung‘ der Wirtschaft statt.“ Dank der niedrigen Zinsen könnten sich Unternehmen viel länger über Wasser halten, als sie es unter normalen Bedingungen könnten. Ein Hoffnungsschimmer: Der Nullzins könnte zusammen mit einer milden Inflation die Staatsschulden nach und nach etwas abtragen.

Und wie geht es den Betrieben in der Region Stuttgart bei all diesen Unsicherheiten? Das Gros der Betriebe berichtet laut IHK-Umfrage von einem gut verlaufenden Jahr 2016. Produktion und Auslastung bleiben dank robuster Binnennachfrage auf einem hohen Niveau. Aber die Verunsicherung bleibt: „Ich weiß nicht, ob ich noch langfristige Kredite für Investitionen aufnehmen soll. Wer weiß, ob es den Euro bald überhaupt noch gibt?“, meldet sich ein Inhaber eines mittelständischen Betriebes zu Wort. Kooths antwortet pragmatisch: „Warum keinen Kredit aufnehmen - bei diesen niedrigen Zinsen?“ Komme es zu einem Zusammenbruch der Euro-Zone, wisse man sowieso nicht, was passiere. „Dann muss vieles neu gedacht werden.“

Institut für Weltwirtschaft Kiel

Zu den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten in Deutschland zählt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, das als Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft vom Bund und der Gemeinschaft der Bundesländer finanziert wird. Präsident ist Dennis J. Snower.

Stefan Kooths leitet seit zwei Jahren das Prognosezentrum am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Der 47-Jährige war nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Promotion an der Uni Münster mehrere Jahre in der Forschung und Lehre tätig.

Das IfW rechnet bis 2021 mit einem Wachstum von durchschnittlich 1,6 Prozent. In den kommenden beiden Jahren erwartet das Institut die höchsten Raten, anschließend gehen diese zurück. Die weltwirtschaftliche Dynamik verlangsamt sich in den Prognosen nachhaltig.

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