Bei Unfällen außerhalb von Ortschaften gibt es nicht immer Zeugen, die den Notruf wählen. In solchen Fällen können Apps mit GPS-Sender helfen. Foto: Symbolfoto: dpa - Symbolfoto: dpa

Wer auf dem Fahrrad fährt und ohne Schuld eines anderen einen Unfall hat, ist manchmal allein auf weiter Flur. In solchen Fällen soll eine neue Radleuchte mit Notruffunktion helfen. Sie wurde in Esslingen entwickelt.

EsslingenEin Rennradfahrer ist auf einer Landstraße weit außerhalb der letzten Ortschaft unterwegs, als er so unglücklich auf ein paar kleine Steine fährt, dass er ins Schlingern gerät. Der Hobbysportler gerät von der Fahrbahn ab, rutscht in den Graben neben der Straße, und schlägt auf den Boden auf, wo er bewusstlos liegen bleibt. Die wenigen vorbeifahrenden Autos sehen ihn gar nicht. Niemand ruft Hilfe.

Solche Unfälle ohne Beteiligung eines anderen geschehen schnell. Es kann aber auch sein, dass ein Crash mit einem Auto geschieht und der Fahrer einfach davonbraust. Für moderne Pkw und Motorräder gibt es bereits automatische Notrufsysteme. Für Fahrräder ist seit Mitte Juli eines auf dem Markt. Es versteckt sich in einer Rückleuchte, die sich an jedes Rad montieren lässt – „Light-Guard Connect“. Entwickelt wurde sie in Esslingen, vom Start-up RP-Engineering. „Es war naheliegend, eine Leuchte zu bauen, weil damit Räder einfach nachzurüsten sind“, sagt Maximilian Pohl, gemeinsam mit Stefan Reiser Geschäftsführer bei RP-Engineering.

Die Marktlücke erkannt haben ihre Auftraggeber, der Fahrradleuchten-Hersteller Litecco in Ostfildern und der Versicherer Axa, der bereits eine Begleit-App namens „Way-Guard“ entwickelt hatte – beispielsweise für unsichere Situationen im Dunkeln oder für Wanderer. Von ihnen stammt die Produktidee. Den Herstellern zufolge ist „Life-Guard Connect“ der erste E-Call mit professioneller Leitstelle für Radfahrer in Deutschland. „Da es bei solchen Unfällen um Zeit geht, ist so ein Alarmsystem dringend nötig“, sagt Albert Mayer, Inhaber von Litecco, der mit RP-Engineering bereits zuvor zusammengearbeitet hatte. Von den ersten Endverbrauchern gebe es bereits positive Rückmeldungen, berichtet er. Zielgruppen seien vor allem Mountainbiker und Rennradfahrer, die viel alleine außerhalb von Ortschaften unterwegs seien. Maximilian Pohl ergänzt, dass sich die Leuchte auch an Familien mit jungen Kindern und ältere E-Bike-Fahrer richtet.

Wie das Notrufsystem funktioniert? Pohl zufolge erkennt ein Beschleunigungssensor in der Leuchte, dass etwas auf einen Unfall hindeutet – eine Kollision oder, wenn das Fahrrad einfach so umfällt, wie Pohl erläutert: „Es kann ja auch sein, dass beispielsweise ein Senior gesundheitliche Probleme hat, das Gleichgewicht verliert und samt Rad umfällt.“ Die Leuchte blinkt da und sendet per Bluetooth ein Signal an das Smartphone des Radlers, auf dem die Notrufapp installiert ist. 60 Sekunden lang hat der Radfahrer bei einem Fehlalarm daraufhin Zeit, das Signal am Handy oder an der Leuchte abzustellen. Erst dann wird eine rund um die Uhr besetzte Rufzentrale benachrichtigt, die dann versucht, den betroffenen Radler telefonisch zu erreichen, um zu klären, was passiert ist. Wenn sich dabei herausstellt, dass die Lage ernst ist – auch, wenn der Gestürzte sich nicht am Telefon meldet – wird der Notruf abgesetzt und dem nächstgelegenen Rettungsdienst der Unfallort geschickt.

RP-Engineering entwickelte den Algorithmus für den Sensor, sodass der Sturz als solcher erkannt wird, und die Schnittstelle zur Axa-App. Eines ihrer „spannendsten Projekte“, urteilt Pohl. Gegründet haben er, Reiser und eine mittlerweile ausgeschiedene Partnerin das Unternehmen 2016 mit der Idee für eine High-Speed-Video-Leuchte. Verkaufsschlager wurde eine 2017 entwickelte Tauchlampe, damals gab es auch den zweiten Platz beim Gründerpreis des Landessparkassenverbandes. Nachdem sie zu Beginn auf Stipendien bauen konnten, stehen die mittlerweile zwei Gründer seit etwa einem Jahr auf eigenen Beinen. Pohl zufolge läuft es gut, für das kommende Jahr erwartet RP-Engineering einen Umsatz im niedrigen bis mittleren sechsstelligen Euro-Bereich. Die zwei Männer in den Dreißigern haben eine Mitarbeiterin und einen Azubi und arbeiten für Luftfahrt, Arbeitssicherheit und andere Branchen. Ihre eigenproduzierten Lampen kommen bei Polizeitauchern oder dem österreichischen Heer zum Einsatz.

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