Felix Neureuther will, dass sich der Skisport den Zeiten des Klimawandels anpasst. Foto: imago/Sven Simon

Er hält den Skisport in den Alpen für ein „Kulturgut“ – und kritisiert dennoch die Auswüchse des alpinen Skirennsports. Vor dem Weltcupauftakt in Sölden fordert Felix Neureuther ein Umdenken.

Wenn am kommenden Wochenende der alpine Ski-Weltcup beginnt, werden die Fragen nach dem Sinn und Zweck dieses frühen Termins wieder lauter. Felix Neureuther war früher selbst Teil des Systems Skirennsport – und hat heute eine eindeutige Antwort.

Herr Neureuther, am kommenden Samstag beginnt in Sölden die neue Weltcupsaison. Spüren Sie Vorfreude?

Auf die Athletinnen und Athleten und den tollen Sport, den sie wieder zeigen werden, freue ich mich, ja. Aus deutscher Sicht wird es zwar kein leichter Auftakt, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen.

Eher negativ überrascht waren viele Menschen, als kürzlich Bilder zu sehen waren, wie in Sölden Bagger am Gletschereis arbeiteten. Angeblich des Weltcups wegen. Auch Sie haben sich in die Diskussionen eingeschaltet.

Offiziell ging es um Arbeiten für den touristischen Skibetrieb, die ohnehin hätten gemacht werden müssen. Ich bezweifle das, aus meiner Sicht bestimmte hier der Weltcupauftakt den Takt. Und es bräuchte das alles nicht, wenn dieser drei oder vier Wochen später und dadurch auch zeitgemäß stattfinden würde. Leider sind es genau diese Bilder, die gegen uns verwendbar sind und die Menschen am Skisport zweifeln lassen.

Sie waren viele Jahre Teil des Weltcupzirkus. Kürzlich haben Sie ihr drittes Buch über den schützenswerten Lebensraum der Bergwelt, „Das Erbe der Alpen“, vorgestellt. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte danach über Sie: „Vom Zerstörer zum Beschützer“. Sehen Sie sich so?

Ich finde diese Formulierung zu krass. Und das Bild vom Wintersportler als sozusagen alleiniger Zerstörer der Natur ist auch falsch. Wir sind ein Teil dessen und tragen auch Verantwortung. Das Thema ist aber, wie wir wissen, wesentlich komplexer.

Inwiefern?

Die Athletinnen und Athleten, das weiß ich genau, machen sich sehr wohl Gedanken über die Rahmenbedingungen ihres Sports. Im Leistungssport müssen sich junge Menschen, die erfolgreich sein wollen, aber den Anforderungen und Gegebenheiten der Verbände unterordnen, denn sie haben kein Mitspracherecht. Es ist also zuvorderst das System, das sich ändern muss. Es muss verstanden werden, dass sich die Zeiten geändert haben. Dass es Anpassungen und Veränderungen braucht. Im Tourismus, aber eben auch im Leistungssport, der seiner Verantwortung und Vorbildfunktion gerecht werden muss.

Wie könnte das gelingen?

Zum Beispiel, in dem sich der Weltverband Fis über einen Weltcupkalender Gedanken macht, der sich den drängendsten Fragen unserer Zeit stellt und zeigt, dass ‚wir verstanden haben’. Ich frage mich: Ist es in Zeiten des Klimawandels zeitgemäß, Ende Oktober einen alpinen Weltcupauftakt zu veranstalten? Ich glaube, nein.

Der Skisport hat eine „Chance versäumt“

Ist allein dieser Termin denn so entscheidend?

Man muss verstehen, dass dieser frühe Termin weitreichend in sämtliche Planungen aller Teams hineinreicht. Um Ende Oktober topfit und konkurrenzfähig am Start stehen zu können, müssen die Sportlerinnen und Sportler im Sommer auf der Suche nach guten Trainingsbedingungen auf Schnee um die Welt reisen, nach Argentinien, Chile oder Neuseeland. Und müssen im September und Oktober auf Restgletschern mühsam Trainingsgebiete finden um kurz danach bei diesem ersten Weltcuprennen auch wirklich in Bestform zu sein.

Das kostet viel Geld ...

... und über den CO2-Fußabdruck müssen wir erst gar nicht reden. Meines Erachtens hatte der Skisports schon in den vergangenen Jahren die Chance gehabt, sich entsprechend zu positionieren, Dinge anzupassen und in die richtige Richtung zu lenken. Leider ist diese Chance versäumt worden. Dabei sollte der Sport eine Vorbildrolle einnehmen und die Menschen dafür sensibilisieren, wie man mit der Natur umzugehen hat.

Skisport und Naturschutz – ist das wirklich vereinbar?

Warum nicht?! Den größten CO2-Abdruck hinterlassen die An- und Abfahrt – im Fall des Skisports ins Gebirge. Aber ich möchte da gerne einmal einen Vergleich aller Sportarten mit An- und Abreisen mit dem Auto sehen – in Stadien, Hallen und so weiter.

Auf den Skisport bezogen ...

... möchte ich Kinder in die Berge bringen und ihnen dieses unvergleichliche Erlebnis der Natur in den Alpen hautnah ermöglichen. Denn nur dann können sie ein Verhältnis zur Natur und ihrer Einzigartigkeit aufbauen. Wenn Kinder die Berge und Landschaften der Alpen nur viral oder auf dem Bildschirm kennenlernen, gelingt das nicht. Doch gerade diese emotionale Bindung ist nötig, um sich seine eigenen Gedanken über diesen Lebensraum machen zu können, um zu sehen, wie erhaltenswert er ist. Die Menschen sollen also durchaus in die Berge kommen.

Aber?

Es darf eben nicht sein, dass sie kommen, ein Selfie machen, ihren Müll liegenlassen und dann wieder zurückfahren – nur, um danach das Bildchen herumzeigen und in den sozialen Medien posten zu können. Wir müssen die Natur bewusst wahrnehmen – und uns zum Beispiel Gedanken darüber machen, wie man überhaupt in die Berge kommt. Oder Fragen stellen wie: Was bedeuten die Alpen? Was gibt es in den Alpen? Welche Traditionen, welche Werte? Was verbindet man mit dem Leben in den Alpen? Was werden wir davon an künftige Generationen weitergeben? Darum geht es auch in dem aktuellen Buch.

Ist es denn eine unrealistische Vorstellung, unter allen nationalen Skiverbänden einen Konsens herzustellen, dass es, zum Beispiel, kein Schneetraining in den Sommermonaten geben darf?

Es müsste doch ein Leichtes sein, dies über den Rennkalender des Weltverbandes zu steuern – zumal in früheren Zeiten der Weltcup stets erst Ende November begonnen hat. Außerdem gäbe es ja weitere positive Aspekte.

Der Skisport wird immer teurer – der Fairness-Gedanke leidet

Welche?

So, wie Topathleten trainieren, wollen es die Nachwuchsfahrer auch. Der Aufwand wird dadurch immer größer und unbezahlbarer – und wir verlieren deutlich die Breite an Nachwuchsfahrern, weil sich das viele Sportlerfamilien, aber auch viele Verbände gar nicht mehr leisten können. Das ist heute schon klar zu erkennen. In Österreich oder in der Schweiz sind die Verbände vielleicht noch in der Lage, mit ihren Talenten in Übersee zu trainieren.

Alle anderen?

Viele andere können das nicht – also leidet der Fairnessgedanke. Womöglich gewinnt am Ende dann nicht mehr der Beste, sondern derjenige mit den größten finanziellen Möglichkeiten. Ich möchte aber, dass viele Kinder und Jugendliche diesen Sport ausprobieren und sich für ambitionierte Ziele begeistern können, dazu gehören aber gleiche Voraussetzungen. Die könnte es dann eher wieder geben.

Schon im jüngeren Nachwuchsbereich wird von den Kindern eine hohe Anzahl an Trainingstagen auf Schnee erwartet. Wer dazu nicht bereit ist, ist schnell raus.

Aber ich frage mich: Wieso müssen zehnjährige Kinder im Juli in Zermatt oder Saas Fee auf dem Gletscher Ski fahren? Das ergibt für mich keinen Sinn. Die Kinder sollen im Sommer im Wald spielen, schwimmen gehen oder Fußball spielen. Es reicht locker, wenn sie im November mit dem Stangentraining beginnen. Wie gesagt: Ein späterer Weltcupauftakt könnte da vielleicht ein Signal senden.

Die folgende Saison wäre dann aber noch enger getaktet.

Natürlich müsste der eh aufgeblähte Wettkampfkalender entzerrt werden. Man müsste sich also von der einen oder anderen Disziplin verabschieden. Aber warum auch nicht?! Der Skisport muss ohnehin wieder leichter zu verstehen sein. Slalom, Riesenslalom, Super-G, Abfahrt, Parallelrennen, Teamevent, Kombination – permanent wurde nach neuen Wettkampfformen gesucht und sie dann gleich wieder verändert. Außer den Insidern blickt da doch kein Mensch mehr richtig durch. Dabei leben wir doch in Zeiten, in denen weniger durchaus mehr sein kann.

Was wäre denn Ihre bevorzugte Alternative für einen Auftakt in diesen Weltcupwinter?

Der Weltcupauftakt muss in Sölden bleiben, die Verantwortlichen machen dort seit vielen Jahren einen tollen Job. Und ich finde sogar, dass man das zu einem richtigen Opening ausbauen könnte mit Rennen in mehreren Disziplinen. Wenn das parallel zu den Auftaktwochen im Biathlon, Langlauf und Skispringen stattfindet, also Ende November, macht das bei den Zuschauern auch richtig Lust auf den kommenden Winter. Die Frage darf schon erlaubt sein, ob Fernsehbilder auf schmalen Schneebändern Lust auf einen Winterurlaub machen – doch genau das ist das Hauptargument für diesen frühen Rennbeginn. Mir ist aber noch etwas anderes wichtig.

Bitte.

Ich will ja auch nicht, dass immer nur auf den Skisport draufgehauen wird. Und genau aus diesem Grund kritisiere ich, weil wir doch eine Vorbildfunktion haben, der wir gerecht werden sollten.

Skisport ist für Neureuther Wirtschaftsfaktor und Kulturgut

Es geht Ihnen um den Erhalt des Skisports – angepasst an die Moderne?

Den Skisport gibt es schon länger als die Automobilindustrie. Er ist ein wesentlicher Teil unserer Alpen, er ist gelebte Kultur und wesentlicher Wirtschaftsfaktor, an dem viele Arbeitsplätze hängen. Man darf den Menschen dieses kulturelle und wirtschaftliche Gut nicht nehmen, sie brauchen es, sie brauchen auch diese Lebensfreude, die davon ausgeht. Das ist für mich elementar. Aber: Der Skisport muss sich ein Stück neu erfinden. Es braucht Anreize und Belohnungen, wenn Menschen, zum Beispiel, mit dem Zug statt mit dem Auto anreisen. Wenn sie länger im Urlaubsort verweilen oder wenn Hotels oder Skigebietsbetreiber sich nachhaltig mit der der energetischen Transformation auseinandersetzen.

Zurück zum Sport und dem kommenden Wochenende: Der Schweizer Marco Odermatt hat in den vergangenen beiden Jahren den Weltcup dominiert. Kann im kommenden Winter die Konkurrenz sein Erfolgsgeheimnis entschlüsseln?

Sie werden es alle wieder versuchen, und es gibt auch starke Kontrahenten wie Alexander Aamodt Kilde. Aber sie werden den Schlüssel noch nicht finden. Marco ist einfach zu stark, er macht so viele Dinge richtig – und ist neben seinem unglaublichen Skigefühl auch noch mit viel Intuition, einer großen Ruhe und Selbstverständlichkeit ausgestattet. Das kannst du nicht lernen. Das hast du – oder du hast es nicht.