Was die Menge angeht, wird es ein eher bescheidener Jahrgang, doch die Qualität zaubert den Winzern ein Lächeln ins Gesicht.
Es ist ein herausforderndes Weinjahr 2024. Erst im August wurden die Reben weitgehend konstant mit Sonne verwöhnt. Davor hatten Frost, Hagel und viel Nässe für Pilzbefall, aber auch für starkes Blattwachstum gesorgt. Für die Wengerter bedeutete das mehr Laubarbeiten und generell mehr Arbeit in ihren Weinbergen. Vor allem für die, die ökologisch bewirtschaften. So wie Christian Dautel. „Anders als im konventionellen Weinbau verwenden wir nur so genanntes Kontaktmittel, das bei Regen anders als das systemisch wirkende von den Trauben abgewaschen wird“, erklärt der Bönnigheimer Winzer, der Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter ist.
In den vergangenen Wochen waren die Bedingungen für den Reifeprozess indes geradezu optimal: Nachts war es etwas kühl, tagsüber sehr warm. Das ließ das Herz des Bönnigheimer Wengerters höher schlagen. „Für die Qualität eines Jahrgangs ist der August wichtig. Es könnte etwas richtig Schönes werden“, freut sich Dautel. Auch wenn es, was die Menge betrifft, keinen „Riesenjahrgang“ geben werde.
Frost im Frühjahr
Ende der Woche wird das Dautelsche Leseteam die ersten Trauben von den Stöcken holen. Bei den Weingärtnern in Marbach soll es bereits an diesem Donnerstag mit den Sorten Schwarzriesling und Dornfelder losgehen. Richtig durchgestartet wird dann nach dem Kelterfest am 10. September, kündigt der Chef der Marbacher Genossenschaft, Matthias Hammer, an.
Der Frost im Frühjahr habe in einigen Lagen – am Eichhof etwa oder auch im Bereich des Galgen-Spielplatzes – zugeschlagen. „Dort haben wir Wengert mit einem sehr geringen Ertrag.“ Anderswo sehe es besser aus. Im Schnitt rechnet aber auch er mit einem quantitativ eher „verhaltenen“ Jahrgang.
Vor allem in den Steillagen sei der Pilzbefall ein Problem gewesen. „Wir haben zwar Pflanzenschutz mit dem Hubschrauber gespritzt, aber die Benetzung der Trauben ist dort schwieriger.“ Die zeitliche Flexibilität und das Ausrichten an den Wettervorhersagen seien zudem begrenzt, denn der Hubschrauber müsse für fixe Termine gebucht werden. „Und wenn es dann kurz drauf regnet, ist der Schutz wieder weg.“
Eine besondere Herausforderung stellt für Hammer und seine Mitstreiter die unterschiedliche Reifeentwicklung der Trauben dar. „Das ist in der Planung der Lese für unsere Mitglieder eine Schwierigkeit“, so Hammer. „Manche Sorten sind nicht an einem Tag zu lesen.“ So sei der Dornfelder in Benningen beispielsweise vollreif, in anderen Lagen brauche er jedoch noch Zeit. Auch beim Schwarzriesling geht es etwas durcheinander. „Es gibt Trauben, da hängen schon Wespen drin, andere sind noch gar nicht reif.“ Was die Qualität angeht, verspricht sich auch Matthias Hammer ein gutes Jahr.
Ein Jahr, in dem die Marbacher Weingärtner gleich zwei neue Produkte ins Sortiment aufnehmen werden. Der Neckarheld, ein im Barrique gereifter Trollinger, bekommt seine Neckarheldin, einen ertragreduzierten Lemberger rosé – ebenfalls im Holzfass gereift. Und das Heldenglück, ein sehr fruchtiger Rosé aus Lemberger und Trollinger.
Mitglieder der Felsengartenkellerei haben bereits die ersten Trauben von den Stöcken geholt. Schwarzriesling, Spätburgunder, Chardonnay, Müller Thurgau und Sauvignon Blanc wurden geerntet – für den so genannten Sektgrundwein. Der sollte ausreichend Säure aufweisen. Soll heißen: Es wird bei der Lese nicht vorrangig auf das Mostgewicht, also auf den Zuckergehalt der Trauben geachtet, sondern auf den Säuregehalt. Trauben für den Sektgrundwein werden daher einige Wochen vor der eigentlichen Weinlese geerntet.
Mit der Lese richtig los geht es für die rund 700 aktiven Genossenschaftsmitglieder dann auch am 10. September – so zumindest der Fahrplan von Kellermeister Sebastian Häußer. Seit 2008 arbeitet er für die Genossenschaft. Zuerst als zweiter Kellermeister, seit 2016 als erster. „In den letzten fünf Jahren hatten wir immer etwas weniger Menge, aber eine gute Qualität“, sagt er. Heuer erwartet er sogar einen „Spitzenjahrgang“ mit kräftigen, aromatischen Weinen.
Frost, Hagel und Nässe haben natürlich auch die Wengerter rund um Hessigheim getroffen, doch Häußer ist keiner, der über die Witterung jammert. „Wir arbeiten in einer Werkstatt unter freiem Himmel und nehmen das, was die Natur uns schenkt. Frost und Hagel kann man versichern, und jeder Wengerter kann selbst entscheiden, ob er das macht und in welcher Höhe er es macht. „Das Jammern über das Wetter ist nicht meins.“
Kellerei macht erstmals Crémant
Stattdessen freut sich der Kellermeister auf ein erweitertes Sortiment. Etwa durch Rotwein-Cuvées aus den Steillagen. Häußer ist überzeugt, dass Kunden bereit sind, mehr Geld in die Hand zu nehmen, wenn die Qualität stimmt. „Der Weinmarkt ist schwierig, aber wir hören unseren Kunden sehr genau zu, und die haben uns ermuntert, bei roten hochwertigen Cuvées nachzulegen.“ Und eine weitere Premiere wird es geben. Die Felsengartenkellerei bringt einen Crémant auf den Markt. Der in Flaschengärung hergestellte Schaumwein kann rechtzeitig zum Fest in die Gläser fließen.
Spitzenreiter
Beliebt
Wein ist nach Bier das beliebteste alkoholische Getränk der Deutschen. Deutschland gehört nach den USA, Frankreich und Italien zu den größten Weintrinkernationen weltweit. Rund 20 Liter Rot-, Weiß- und Roséwein werden hierzulande pro Kopf konsumiert, wobei die Weißen immer mehr an Beliebtheit gewinnen.
Sorten
Auf einer Anbaufläche von rund 71 378 Hektar wurden laut der Datenbank Statista im Jahr 2023 Weißweinrebsorten in Deutschland angebaut. Die Rebfläche mit roten Trauben belief sich dagegen auf eine Fläche von insgesamt 32 310 Hektar. In den 1980er Jahren fiel das Flächenverhältnis noch deutlicher für die Weißweinrebsorten aus.