Das Quatuor Ébène aus Frankreich spielt bei Russ Klassik im Mozartsaal – und entfacht Beifallsstürme, wie sonst nur bei Popkonzerten üblich.
Ältere Leserinnen und Leser werden sich noch erinnern, wie ein typischer Streichquartettabend in früheren Tagen ablief: Vier befrackte Herren tragen mit ernster Miene Erbauliches vor. Das Publikum benimmt sich ähnlich gesittet wie die Vortragenden und applaudiert, je nach Grad der konstatierten Qualität, gemessen oder mit etwas mehr Nachdruck.
Mag diese Darstellung etwas zugespitzt sein, so ist doch der Unterschied zum Konzert des Quatuor Ébène im Stuttgarter Mozartsaal drastisch. Das betrifft weniger die Kleidung – bedeutender ist, was sich da auf der emotionalen Ebene abspielt: denn schon nach Beethovens Streichquartett F-Dur op. 18/1 ist das Publikum im fast voll besetzten Saal völlig aus dem Häuschen, schlägt den Vieren ein Jubelsturm entgegen, der eher an ein Popkonzert erinnert. Wie machen die das?
Tatsächlich setzt das Streichquartett aus Frankreich, bei dem Lawrence Power die Bratschistin Marie Chilemme ersetzte, mit seiner Ausdrucksdichte das Publikum vom ersten Ton an quasi unter Strom. Dabei wird keine Note einfach nur gespielt, in der naiven Hoffnung, dass die Musik schon für sich selber spräche. Stattdessen erscheint jede Phrase in ihrem Gehalt mittels Dynamik, Agogik und Klang präzise ausgeformt und in den Kontext gerückt. Das prozessuale Komponieren, das Entwickeln eines Satzes aus einem einzigen Motiv, das Beethoven in seinem ersten Streichquartett exemplarisch demonstriert, wird so nicht nur formal, sondern auf mitreißende Weise auch emotional nachvollziehbar – so, als erzähle die Musik eine spannende Geschichte, der man gebannt lauscht.
Dabei gehen die Musiker durchaus Risiken ein – auch in Benjamin Brittens „3 Divertimenti“, die das Quatuor Ébène in ihrem anspielungsreichen Witz radikal ausspielt und auch vor Ruppigkeiten nicht zurückschreckt – Ausdruck geht vor Akkuratesse, und auch nach diesem durchaus modernen Stück kennt der Applaus kaum Grenzen.
Nach der Pause wird es dann existenziell. In seinem dritten und letzten Streichquartett verarbeitete Tschaikowsky den Tod eines guten Freundes, am erschütterndsten im Andante funebre e doloroso, dessen abgrundtiefe Trauer das Quatuor Ébène mit erschütternder Intensität in Klang setzt.
Schlichtweg genial dann, wie das Quartett das vordergründig fröhliche Thema des Finalsatzes ganz allmählich ins Fratzenhafte umschlagen lässt – diesem Glück, das wird deutlich, ist nicht zu trauen. Die Welt von Schostakowitsch ist da nicht fern.