Wenn die Eisenbahn über die neue Brücke fährt (im Hintergrund zu sehen), könnte die Rosensteinbrücke anders genutzt werden. Foto: Puls Stuttgart

Die alte Neckarbrücke ist mehr als 100 Jahre alt und soll vor dem Abriss bewahrt werden. Ein Antrag der Fraktion Puls greift eine alte Idee auf: Die Brücke könnte als Weg für Radler und Fußgänger, als Zugang zum Neckar und als Treffpunkt dienen.

Ein Loch schien den Menschen schon vor Stuttgart 21 Angst zu machen. Und so dichteten sie ein Liedlein, um sich Mut zumachen, wenn sie mit Zug in den Tunnel unter dem Schloss Rosenstein fuhren. Ob man die Sonne wieder sehen würde? So sang man: „Zwischa Cannstatt ond Stuagert, / do stoht a Tunnel, / wenn mer neifährt, wird’s donkel, / wenn mer nausfährt, wird’s hell.“ Ein Ständchen für den Tunnel, der 1915 samt zugehöriger Brücke über den Neckar eingeweiht wurde. Lange schien es, als ob ihnen das Totenglöcklein läuten würde, nun gibt es womöglich eine Zukunft.

Die Vorbilder

In New York hat man eine 2,4 Kilometer lange Hochbahntrasse umgewidmet – in den High Line Park. In Paris wurde aus einer 4,7 Kilometer langen Zugtrasse die Promenade Plantée, ein Park der sich über ein Viadukt und durch einen Tunnel erstreckt.

Die Pläne

Wann die ersten Züge im neuen Hauptbahnhof tatsächlich fahren? Die Bahn geht davon aus, dass es Ende 2025 so weit ist. Dann braucht man die alte Rosensteinbrücke nicht mehr. Die neue bereits gebaute Brücke ersetzt sie. Der alten Brücke drohte lange der Abriss. Doch ihr sind Lebensretter erwachsen. Allen voran der ehemalige Cannstatter Bezirksbeirat Peter Mielert (Grüne), der sich seit mehr als 20 Jahren für ihren Erhalt einsetzt. Gemeinsam mit dem Ingenieur Frank Schächner arbeitete er Pläne aus, es entstand die „Initiative Rosensteinbrücke“. Ideen gibt es viele: Die Brücke könnte für Radfahrer und Fußgänger als Weg über den Neckar dienen und den Neckarpark und das neue Rosensteinquartier verbinden. Der Radweg soll durch eine der beiden Tunnelröhren weiter zum Schlossgarten führen. In die andere Röhre könnte wieder die Röhre einziehen. Der Club könnte an dieser Stelle seine Wiederauferstehung erleben. Die Brücke soll begrünt und bepflanzt werden, man kann sich Kneipen und Cafés in alten Waggons, eine Open-Air-Bühne, einen Fitnessparcours, einen Spielplatz vorstellen.

Der Antrag

Die Fraktion Puls im Gemeinderat hat die Vorarbeit und Anregungen nun aufgegriffen und einen Antrag gestellt. Sie fordert einen städtebaulichen Ideenwettbewerb, der insbesondere die IBA 2027 im Blick hat. Und einen Zugang zur Mittelmole ermöglicht, sowie eine optionale Anbindung an den Cannstatter Bahnhof.

Der Vordenker

König Wilhelm I. krempelte den Agrarstaat um, er erkannte die Chancen des Dampfzeitalters und modernisierte Württemberg. Nicht nur zur Freude seiner Untertanen. Man raunte von einem „stöhnenden Ungeheuer, das man Locomotive nennt“. Ärzte warnten, die Zugfahrt werde bei den Passagieren „unfehlbar eine Gehirnerkrankung erzeugen“. Und ein gewisser Carl Etzel plädierte für einen Antrieb mit Pferden statt modernen Dampfloks. Zehn Jahre später baute eben dieser Carl Etzel den Rosensteintunnel und die erste Brücke über den Neckar.

Der Vorgänger

Franz Dingelstedt war Vorleser und Bibliothekar des Königs. Er begrüßte den Bau des Tunnels 1844 mit seinem Gedicht: „Der Schwaben-Stamm“, gereimt zu folgendem Anlass: „Als im Schlossgarten zu Stuttgart der erste Baum gefällt wurde im Wege der neuen Eisenbahn.“ Auch damals gab es Kritiker. Etzel versicherte aber: „Dass dem Schlosse selbst von der Durchführung eines Tunnels keine Art von Schaden drohe, dafür bürgt einerseits eine Entfernung von 40 Fuß zwischen dem Schluss der Tunnelwölbung und dem Erdboden um das Schloss, andererseits die Sicherheit, mit welcher man in neuerer Zeit dergleichen Arbeiten auszuführen weiß.“ Im Juli 1846 wurde der Tunnel fertig. Die Brücke baute man aus Holz, weil man nicht sicher war, ob die Eisenbahn Bestand hatte oder nicht doch nur neumodisches Klump war. Unter den Schienen hängte man einen Steg für die Fußgänger auf. Doch weil der so schwankte, wenn die Bahn darüber rumpelte,traute sich niemand darauf.

Die Brücke

Die Eisenbahn wurde eine Erfolgsgeschichte. Die Passagiere blieben gesund und fanden auch die Geschwindigkeit angemessen. So wurden Tunnel und Brücke zu klein. Man brauchte mehr Schienen und mehr Platz für die größeren und kräftigen Loks. Der Architekt Manfred Mayer plante die neue Brücke und den Cannstatter Bahnhof, der zur gleichen Zeit gebaut wurde. Der neue Tunnel ist etwa 350 Meter lang und wurde in offener Bauweise gebaut. Deshalb sind auf dem Hügel auch keine größeren Bäume zu finden,nur rechts und links davon. Die Brücke ist etwa 320 Meter lang und 16 Meter breit. Sie war damals die längste Betonbrücke der Welt. Man hat sie gar mit Zierrat versehen. Wer genau hinschaut, sieht auf einer Seite das Relief eines Römers mit einem Cannstatter Wappen, auf der anderen Seite das Stuttgarter Rössle. Vielleicht bleibt ja jetzt den Stuttgartern mehr Zeit, das zu entdecken.