Werner Tübke gilt als einer der großen Maler der DDR. Jetzt ist er auf besondere Weise im Westen angekommen.
Der Satz hatte es in sich. 1990, ein Jahr nach der Wende, sorgte der Maler Georg Baselitz für Aufruhr im Kunstbetrieb, als er kühn behauptete: „Es gibt keine Künstler in der DDR.“ Er war überzeugt, dass Künstler, die nicht wie er die DDR verlassen, sondern versucht hatten, unter der SED-Diktatur zu arbeiten, „die Freiheit, die Liebe und das Leben verraten“ hätten.
Wenn es heute um die wichtigsten Künstler der DDR geht, werden stets dieselben Namen genannt: Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und der 2004 verstorbene Werner Tübke. Er ist nun auf besondere Weise im Westen angekommen. Das Städel Museum Frankfurt hat vor zwei Jahren die Tübke- Sammlung von Barbara und Eduard Beaucamp geschenkt bekommen, die unter dem Titel „Metamorphosen“ ausgestellt wird.
Der Kritiker und der Künstler waren befreundet
Wer sich ein wenig mit Kunst beschäftigt hat, kam in den vergangenen Jahrzehnten kaum am Namen Eduard Beaucamp vorbei. Der 88-Jährige war fast vierzig Jahre lang Kunstkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Im Politik- oder Wirtschaftsjournalismus würde eine Nähe zu denen, über die man schreibt, gegeißelt werden. Im Kunstbetrieb ist der Schulterschluss mit der Presse dagegen bis heute nicht unüblich – und so hat Beaucamp zum einen Werke von Werner Tübke angekauft und war auch befreundet mit ihm. Er hat ihn zum anderen im Westen aber auch früh bekannt gemacht in Artikeln und Büchern. Dass er Tübke „mit Leidenschaft der Öffentlichkeit vermittelt“ habe, wie es der Städel-Direktor Philipp Demandt nennt, hat letztlich mitgeholfen, Tübke zu dem zu machen, als der er heute gehandelt wird.
Die Schenkung ist für das Städel „weit mehr als ein bedeutender Zugewinn“, so Demandt, wobei die Beaucamps „nur“ Papierarbeiten besaßen, die es dem Publikum noch schwerer machen als die Malerei Werner Tübkes. Denn so realistisch die Szenen seiner Werke wirken mögen, lassen sich die Motive doch nicht erklären. Es sind rätselhafte Fabeln, bei denen Gegenwart und Geschichte ineinander fließen, Alltägliches mit Religiösem zusammenkommt und der Tod mitten im Leben aufblitzt. Hier wird ein Einhorn erschlagen, dort sitzt ein Harlekin am Strand zwischen Schwemmholz.
Während die Gemälde mit einer eher lauten Bildsprache aufwarten, sind die Grafit-, Feder- und Kreidezeichnungen im Städel in ihrem Grau in Grau sehr zurückhaltend – und doch so subtil und detailreich ausformuliert, dass man sich kaum zurechtfindet in den üppigen Faltenwürfen der Stoffe und den Schraffierungen und Schatten. Werner Tübke war handwerklich ausgebufft und in der Kunstgeschichte zuhause, sodass man die Blätter auf den ersten Blick mitunter eher im 16. oder 17. Jahrhundert verorten würden – und nicht in den 1960ern und 1970ern.
Tübke war nicht nur ein stilistisches Chamäleon, der sich bei Renaissance, Manierismus und Expressionismus bediente, bei ihm fließen auch die Jahrhunderte ineinander. Den Jesuiten Ignatius von Loyola zeichnete er wie einen Zeitgenossen, bei der „Pietà, Modern“ trägt die Mutter Gottes ein barockes Rüschenkleid. Tübke hat auch mal ein Foto einer Demonstration für Frauenrechte in Italien kopiert, bei ihm wirken die Demonstranten mit Trommeln und Fanfaren aber eher wie Aufständische während der Bauernkriege. Sein Handwerk lernte Tübke, 1929 geboren, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo er später selbst Professor und Rektor wurde. Sein Verhältnis zur DDR war spannungsreich, er eckte an, weil seine Malerei nicht dem erwünschten sozialistischen Realismus entsprach. Ab den 1970ern fanden seine Arbeiten zunehmend Interesse. Er bekam große Aufträge – etwa für das Panoramagemälde zur Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland in Bad Frankenhausen. Das hat ihm den Ruf des „Staatsmalers“ eingebracht.
Unbefriedigende Erklärungsversuche
Für Eduard Beaucamp ist Werner Tübke ein „großer Unzeitgemäßer“. Bis heute gehen die Meinungen auseinander, ob Tübkes rätselhafte Szenen eine Flucht waren, oder ob sie voller Anspielungen stecken. So wurde sein gestürzter Ikarus über dem Witoscha-Gebirge (1980) als Hinweis gedeutet auf das Scheitern der sozialistischen Utopie. Die Engel, die auf den Gekreuzigten zueilen, könnten wiederum seine Kinder gewesen sein, die er nach der Scheidung nicht mehr so oft sehen durfte.
So richtig befriedigend sind solche Erklärungsversuche freilich nicht. Aber eben weil man als Betrachter letztlich außen vor bleibt, wird deutlich, unter welch enormen Druck die Künstler in der DDR gestanden haben müssen.
Der maskierte Künstler
Harlekin
Werner Tübke hat sich auch oft selbst porträtiert oder als Harlekin dargestellt, der bei ihm allerdings nicht wie der typische Schalk oder Hofnarr wirkt, der sich geschützt von der Maske Freiheiten erlauben kann.
Ausstellung
„Werner Tübke: Metamorphosen“. Städel Museum, Frankfurt am Main. Bis 28. September. Geöffnet Di – So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr.