Christian Rilling, Foto: Roberto Bulgrin

Wie vielfältig das Leben in den Esslinger Stadtteilen ist, kann man jetzt im Stadtmuseum sehen. Unter der Überschrift „Viele Teile, eine Stadt“ präsentieren Forschergruppen aus den Stadtteilen ihre Arbeit.

Esslingen - Wer als Tourist nach Esslingen kommt, genießt die Altstadt, also das Innere der Innenstadt. Es sieht die Burg, läuft am Rathaus über die Pflastersteine trinkt Sekt bei Kessler, sobald es die Umstände wieder zulassen, schaut sich die Kirchen an. Ob er es aber auch über die Pliensaubrücke schafft oder den Zollberg hochkraxelt, sich Berkheim, Oberesslingen oder Sirnau anschaut, ist zweifelhaft. Die Stadtteile gehören fast ausschließlich den Bewohnern. Hier findet ein Großteil des Esslinger Lebens statt, in Schatten von Altstadt und Burg. Das coronabedingt vorübergehend geschlossene und jetzt wieder geöffnete Stadtmuseum stellt diese Vielfalt der Stadtteile ins Licht. Die Ausstellung „Viele Teile, eine Stadt! Gemeinsam Stadt(teil)geschichten entdecken“ hat seit Samstag geöffnet und wird bis zum 11. Oktober zu sehen sein.

Wer es noch nicht wusste, der wird in dieser Ausstellung erfahren, dass WHSO nichts mit der UN-Gesundheitsorganisation zu tun hat und RSKN kein neuer Virus ist, der sich ausbreitet – auch wenn es sich so anhört. Die Besucher werden von dem verzweifelten Kampf der Berkheimer erfahren, die sich – am Ende erfolglos – gegen die Eingemeindung durch Esslingen wehrten. Sie werden viele Geschichten lesen, Eindrücke sammeln, Informationen bekommen, denn die von Julia Opitz und Christian Rilling kuratierte Ausstellung bietet die Gelegenheit, tief in die Historie der Stadtteile zu tauchen. Interessant daran ist aber nicht nur das Ergebnis, sondern auch, wie es zustande kam.

Lange Abende

Die Vorbereitungen liefen schon seit langer Zeit. Unter anderem gab es Informationsveranstaltungen in allen Esslinger Bürgerausschussbezirken. Daraufhin bildeten sich Arbeitsgruppen vor Ort. Deren Aufgabe: Ein klar umrissenes Thema finden, das typisch für den Stadtteil ist. Und dann: Recherchieren. Die Kuratoren wurden dabei zu Moderatoren, wie Rilling es im Rückblick ausdrückt. Die Arbeit, die Recherchen, das Sammeln, das Schreiben – das passiert in den Stadtteilen. Der fachliche Rat und die Begleitung kamen vom Stadtmuseum.

Opitz erinnert sich: „Es gab Abende, da ich manchmal mit halb elf unterwegs. Gegen Ende des Prozesses kam es vor, dass ich zwei, drei Treffen in einer Woche hatte. Manchmal zwei am selben Tag.“ In der Regel haben die Themen einen historischen Hintergrund – aber jedes Mal einen anderen, was die Vielfalt von Esslingen deutlich macht. Eine Vielfalt, die den Altstadttouristen verborgen bleibt, vielleicht aber auch Esslingern selbst nicht immer bewusst ist.

Sirnau etwa wurde lange Zeit mit dem ziemlich sperrigen, aber für sich sprechenden Namen „Erwerbslosenrandsiedlung“ bedacht – ein Begriff, der Bände spricht. Das war 1932. Zwanzig Jahr später wurde die B 10 gebaut, das Neckartal erlebte einen wirtschaftliche Aufschwung, der Neckarkanal wurde ausgebaut.

Heute liegt Esslingens kleinster Stadtteil in einer Art Insellage. Allerdings ist es kein Wasser, dass den Ort umspült, sondern von der B 10, einer Kreisstraße und der Auffahrt zur Dieter-Roser-Brücke. All diese Aspekte und viele mehr – etwa der erfolgreiche Widerstand gegen eine Müllverbrennungsanlage – schlagen sich nieder auf die Mentalität eines Ortes. All das ist Sirnau, und all das ist – neben altem Rathaus, Kessler und Dickem Turm – Esslingen.

Gemeinschaftsprojekt

„Viele Teile, eine Stadt!“ ist also ein Projekt vieler. Die Bürgerausschüsse spielten eine wichtige Rolle, als es aufs Gleis gesetzt wurde. Die Bewohner der Stadtteile erarbeiteten die Inhalte. Das Stadtmuseum brachte Struktur in die Ideen. Zudem kam Geld von der Kulturstiftung des Bundes, wo es einen Topf „Stadtgefährten“ gibt. Der Fonds fördert Vorhaben mit regionalgeschichtlichem Bezug. Zuschüsse kamen außerdem von der Zukunftsstiftung Heinz Weiler und der Stadt Esslingen. Esslingens Kulturamtsleiterin Alexa Heyder sieht in der Ausstellung einen wichtigen Schritt hin zu einem offenen Museum. „Das ist vielleicht der wichtigste Aspekt, dass viele Bürger daran beteiligt waren. So wird auch die Schwelle niedriger, überhaupt ein Museum zu betreten.

Die Ausstellung am Hafenmarkt 7 geht von 16. Mai bis 11. Oktober 2020. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 14-18 Uhr, Sonntag und Feiertag 11-18 Uhr

Die Ausstellung gibt es auch im Internet: www.stadtgefaehrten.esslingen.de

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