Die Karte des Landkreises wurde kurz vor Kriegsende an die Männer des Volkssturms ausgegeben. Foto: oh

Der Volkssturm sollte die Stadt Esslingen bis zum bitteren Ende verteidigen. Doch es gab auch Männer, die besonnen handelten – wie der Industrielle Eugen Wagner.

Esslingen - Das Stadtmuseum ist zwar wegen der Corona-Epidemie geschlossen. Das Museumsteam trotz aber dem Virus. Exklusiv für die Leserinnen und Leser der EZ stellt Christian Rilling auch in diesem Monat einen „Historischen Schatz“ vor. Im Fundus des Museums hat der stellvertretende Leiter der Städtischen Museen eine Landkarte entdeckt, die an das Kriegsende in Esslingen vor 75 Jahren erinnert.

Die historische Karte zeigt den Landkreis Esslingen in den Grenzen der Kreisreform von 1938. Am oberen Rand der gut erhaltenen und wohl wenig benutzten Landkarte findet man zwei Stempel. Der runde Parteistempel auf der linken Seite weist auf den „Marinesturm 3/18“ der „SA der N.S.D.A.P.“ in Esslingen hin. Auf dem Stempel in der rechten Hälfte ist zu lesen: „Deutscher Volkssturm/Batl. Hindenburg/3. Komp.“ Kompanieführer Emil Herdter hatte die Landkarte im Frühjahr 1945 an die Angehörigen seiner Einheit ausgegeben, hat Cristian Rilling herausgefunden. Kommandeur des Bataillons war der Industrielle Eugen Wagner. „Gerade Angehörige dieser Volkssturmeinheit spielten durch ihr besonnenes Handeln in den letzten Kriegstagen und bei der Übergabe der Stadt an die Amerikaner am 21./22. April 1945 eine wichtige Rolle.“

Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. beziehungsweise 9. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Nachdem die alliierten Truppen im Oktober 1944 in Ost und West erstmals die Grenze Deutschlands überschritten hatten, war der Krieg für die Bevölkerung in Teilen des Landes jedoch schon vor dem 8. Mai zu Ende. „Erstaunlich ist allerdings, dass die Strukturen des NS-Staates in der Regel bis kurz vor Ende der Kämpfe weitgehend reibungslos funktionierten. Das bedeutet aber auch, dass auch Terror und Morden vielerorts ebenfalls erst unmittelbar vor der Besetzung endeten“, sagt der stellvertretende Museumsleiter.

Sinnloser Tod

Als letztes Aufgebot zur Verteidigung gegen die anrückenden Gegner hatten die Machthaber im Herbst 1944 auf der Grundlage eines Führerlasses den „Deutschen Volkssturm“ aufgerufen. Zum Volkssturm gehörten „alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren“. Allerdings war der militärische Wert dieser Einheiten angesichts ihrer mangelhaften Ausrüstung und Ausbildung nur gering und oft fanden ihre Angehörigen in aussichtslosen Kampfhandlungen einen sinnlosen Tod, weiß Christian Rilling aus dem Studium historischer Dokumente.

Im Herbst 1944 wurde auch in Württemberg der Volkssturm aufgerufen. Im Kreis Esslingen gab es insgesamt 21 Volkssturmbataillone, davon mehrere in der Stadt Esslingen. Der Museumsmann vermutet, dass es in jedem „Ortsgruppenbezirk“ eine Einheit gab. Die Volkssturmmänner sollten gemeinsam mit der Wehrmacht kämpfen. Zunächst wurden sie aber beim Bau von Verteidigungsstellungen und insgesamt 14 Panzersperren im Stadtgebiet eingesetzt. Jüngere Männer des Esslinger Volkssturms kamen auch außerhalb der Stadt im Westen zwischen Schwarzwald und Stuttgart zum Einsatz.

Wie fast überall im Land war die NSDAP auch in Esslingen bis zuletzt bestrebt, dass der Volkssturm seine ihm zugedachte Aufgabe erfüllte. In der Nacht zum 22. April 1945 bezogen die Männer daher auf Weisung der Kreisleitung ihre Stellungen gegen die anrückenden feindlichen Truppen „und suchten teilweise sogar Feindberührung“. Beim anschließenden Rückzug gerieten die meisten Angehörigen des Volkssturms dann in Kriegsgefangenschaft. Am frühen Morgen des 22. April 1945 ordnete Kreisleiter Wahler um 2 Uhr die Auflösung der Bataillone an. Allerdings hatten sich die meisten Einheiten schon zuvor aufgelöst.

Erhebliches Risiko

Eugen Wagner vom „Hindenburg-Bataillon“ versuchten – so schilderten es später Zeitzeugen – die Anordnungen der Kreisleitung zu umgehen und den Einfluss der Partei möglichst gering zu halten. Das Bataillon verfügte demnach über keine Waffen, errichtete keine Panzersperren und versuchte nicht, die Stadt noch zu verteidigen. Bei seiner letzten Zusammenkunft am Abend des 21. April habe Wagner seine Leute ermahnt, dass man angesichts der sich auflösenden Ordnung zusammenhalten müsse. Es sei wichtig, die Zwangsarbeiterlager ordnungsgemäß zu übergeben, mahnte der Bataillonskommandant, der Ausschreitungen der Befreiten befürchtete. „Eine Verteidigung der Stadt hat er demnach bereits zuvor, ebenso wie die Zerstörung wichtiger Einrichtungen und Industrieanlagen abgelehnt“, erläutert Christian Rilling. „Damit ging er ein nicht unerhebliches Risiko ein, noch in letzter Minute mit Parteistellen in für ihn möglicherweise lebensgefährliche Konflikte zu geraten.“

Unter dem Titel „Historische Schätze“ stellt die Eßlinger Zeitung Objekte und Neuerwerbungen der Städtischen Museen Esslingen, oder auch Schenkungen an die Ausstellungshäuser vor. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert.

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