Mut, Mission, Missverständnisse: Im Kreis Ludwigsburg droht die Stadtbahn zur Saga zu werden – nur ohne Happy End. Wie es so weit kam, erzählt dieser Kommentar.
„Wie konnte es so weit kommen?“, fragt König Théoden in der Herr der Ringe-Trilogie – ein Satz, der derzeit auch im Kreis Ludwigsburg vielen durch den Kopf geht. In Mittelerde braucht es keinen modernen ÖPNV, wohl aber Mut, Entschlossenheit und ein gemeinsames Ziel. Davon ist rund um die Stadtbahn kaum etwas zu spüren. Statt Aufbruch herrschen Stillstand und Ungewissheit – unter den Gefährten gibt es Misstrauen.
Vorwort: Wie in Mittelerde beginnt jedes neue Zeitalter mit Licht und Hoffnung. Ähnlich war es 2022, als sich Städte und Landkreis auf eine Trasse für die Stadtbahn Lucie einigten. Ein großer Moment, wie Lokalpolitiker bis heute betonen. Doch zur Ruhe kam der Zweckverband nie. Erst mussten Angriffe von AfD und FDP, später von Bietigheims OB Jürgen Kessing abgewehrt werden.
Dann folgten interne Machtkämpfe, an deren Ende Verbandschef Frank von Meissner gehen musste. Ende 2024 kam die Nachricht, dass die Kosten-Nutzen-Analyse ein Jahr später erscheint. Über Monate wuchsen Zweifel – und Zwietracht.
Kapitel 1: Der Startschuss der aktuellen Krise fiel im Mai. Damals stellte der neue Verbandschef Michael Ilk die bevorzugte Trasse durch die Weststadt vor. Die Idee war logisch: Die Einfahrt in den Bahnhof gilt als kaum machbar, also sollte die Stadtbahn am Westausgang ankommen. Ilk, Landrat Dietmar Allgaier und andere Verantwortliche unterschätzten jedoch die Reaktion aus Ludwigsburg, als sie die Pläne recht überstürzt präsentierten. Um auf Mittelerde-Bilder zurückzugreifen: Die Pferde wurden unnötig scheu gemacht.
Kapitel 2: Die Stimmung kippte. In der Stadtgesellschaft verfestigte sich die Erzählung, der Zweckverband wisse nicht, was er tue – und müsse ständig nachbessern. Was nur der halben Wahrheit entspricht: Denn Großprojekte bedeuten immer wieder neue Erkenntnisse, Hürden und Kosten. Die Erzählung ließ sich aber nicht mehr einfangen.
Kapitel 3: Als der von Matthias Knecht ausgerufene Entscheidungsherbst näherrückte, mussten Ilk und Allgaier reagieren. Am vergangenen Samstag luden sie rund 100 Lokalpolitiker ein, um Einblick in Planungen, Probleme und Lösungen zu geben. Sie hätten der Stadt nach dem Mund reden können, doch Ilk blieb bei seiner Überzeugung: Die Bahnhofseinfahrt sei keine realistische Option. Damit bewies er Rückgrat – auch wenn andere Botschaften in Richtung Ludwigsburg das Projekt vielleicht gerettet hätten. Am Ende war die Versammlung ein Erfolg, viele Räte fühlten sich abgeholt – rückblickend kam dieser Termin jedoch zu spät.
Kapitel 4: Anfang der Woche wanderte der Druck zur Stadt. Oberbürgermeister Knecht deutete zwar mehrfach an, die Stadtbahnplanung könne enden, vermied aber klare Worte. Auch hinter den Kulissen ließ er die Partner aus Markgröningen, Möglingen, Remseck und dem Landratsamt im Unklaren. Doch der Druck wuchs und am Dienstagabend, nicht einmal 24 Stunden vor der Gemeinderatssitzung, veröffentlichte Knecht eine Beschlussvorlage, die ein Ende einer Straßenbahn durch Ludwigsburg vorschlägt.
Nachwort: Viele Stadträte, Bürger und der Oberbürgermeister wünschen sich Klarheit – und forderten diese vom Zweckverband ein. Auch wenn Knecht verspricht, Antworten zu liefern – genau diese Stimmen haben nun dazu beigetragen, dass die Zukunft der Stadtbahn undurchsichtiger ist denn je. Tolkien hätte diese Ironie wohl gefallen und König Théoden würde nun fragen: Wie weit wird es noch kommen?